τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 19. Januar 2011

In der Metaphysik lesen

Die spätantike Titelgebung "meta ta physika" heißt wohl "nach der Physik" und ist nach allgemeiner Ansicht bibliothekstechnisch gemeint und insofern ein Verlegenheitstitel. Jedenfalls gibt es in der Textsammlung selbst keine derartige Formulierung und schon gar nicht das Substantiv "Metaphysik" oder das Adjektiv "metaphysisch". Wir können die Titelformulierung für uns so verstehen, daß diese Textsammlung eher nach den anderen Schriften des Aristoteles gelesen werden sollte, also nach denjenigen, die einen "ordentlichen" Titel haben, welcher den jeweiligen Gegenstand tatsächlich angibt: also beispielsweise die Ethik oder die Physik oder die Poetik. Nun haben wir nur die Poetik gelesen, aber die so mikroskopisch, daß wir nicht nur die Aussagen zum Thema Dichtung mitbekommen haben, nicht nur den Duktus einer "poietischen" Wissenschaft, die erörtert, wie man ein Dichtwerk gut machen kann, sondern in derselben Schrift auch die Aussagenlinien "theoretischer" Art (Angaben der Ursachen, darunter der Wesensform) und die Aussagenlinien "praktischer" Art: gutes und schlechtes Handeln, Glück, Unglück.

Die Unterscheidung zwischen den drei Wissenschaftsgattungen finden sich eben in der Metaphysik 1025b 21ff. und mit solchen Aussagen rechtfertigt das Buch nachträglich zumindestens die erste Hälfte seines Namens, das Präfix "meta" - jetzt aber in dem modernen Sinn, den der Logiker Alfred Tarski geprägt hat, indem er zwischen Objektsprache und Metasprache unterschieden hat. Metasprachliche Aussagen operieren auf einer Ebene "über" objektsprachlichen Aussagen, indem sie über sie etwas sagen, z. B. aus wievielen Wörtern sie bestehen. 

Eine Klassifizierung von Wissenschaften ist eine "sehr" metasprachliche Aussage und Aussagen dieses Typs finden sich in der Metaphysik zuhauf und in vielen Variationen und Formaten. Z. B. Aussagen über die Physik, die man dann im modernen Sinn als Meta-Physik bezeichnen könnte, oder aber Aussagen über die Künste wie in 980b 27ff, die folglich Meta-Technik oder Meta-Poietik heißen könnten. Vermutlich gibt es auch Aussagen auf dem Niveau von Meta-Ethik. Diese Vermutungen zur Metaphysik verstärken, wenn sie einigermaßen berechtigt sind, die obige Empfehlung, dieses Meta-Buch nach den anderen, den Objekt-Büchern des Aristoteles zu lesen, oder zumindest jedesmal die "besprochenen" Objekt-Aussagen ernstzunehmen, zu rekonstruieren, damit die Meta-Aussagen nicht "gegenstandslos" werden, denn die Objekte der Meta-Aussagen sind die Objekt-Aussagen bzw. "niedrigere" Meta-Aussagen.

Wenn die moderne Unterscheidung zwischen Objektsprache und Metasprache ein Licht auf das "Metaphysik" genannte Buch werfen kann, dann gilt dies ebenso für die in diesem Buch getroffene Unterscheidung zwischen theoretischer, poietischer und praktischer Wissenschaft. Und diese Unterscheidung schließt wiederum nicht aus, daß eine und dieselbe Abhandlung, die einer Wissenschaftsgattung zuzuordnen ist, doch auch einen engen Bezug zu einer anderen Wissenschaftsgattung haben kann (Beispiel Poetik).
Und sogar in einzelnen Sätzen kann eine derartige mehrschichtige Zuordnung gefunden werden. Beispiel die drei ersten Sätze unseres Buches: "Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen. Denn abgesehen vom Nutzen werden diese um ihrer selbst willen geliebt, und von allen besonders die Sinneswahrnehmung, die durch die Augen zustande kommt. Denn nicht nur um zu handeln ..."
Der erste anthropologische Satz gehört zur theoretischen Wissenschaft Physik, was er durch das "von Natur aus" unterstreicht. Aber da er von einem Streben (engl. desire) spricht, eröffnet er bereits die transtheoretische Dimension, in der die poietischen und die praktischen Wissenschaften angesiedelt sind, in denen es um Besser oder Schlechter geht. Und mit der Unterscheidung zwischen dem Streben nach einem Nutzen und einem Streben nach etwas um seiner selbst willen, trifft er genau den Punkt der Unterscheidung zwischen den  beiden transtheoretischen Wissenschaften. Im Endergebnis sagt er, daß das Sehen, welches die Wurzel der "Theorie" ist, weniger eine technische als vielmehr eine praktische "Tätigkeit" ist: eine um ihrer selbst willen gewünschte. Die Einführung in Theorie, die metatheoretisch oder metagnostisch vorgeht, kann nicht auf die transtheoretische Dimension der Praxis verzichten. Doch die folgenden Sätze stellen sich schlicht und einfach auf die Linie der Theorie, nämlich Physik, nämlich Zoologie.

Liebe zum Sehen um des Sehens willen. Schautrieb, Schaulust? Nun kann man wohl kaum sehen, ohne etwas zu sehen. Ist die Liebe zum Sehen unabhängig von der Qualität des Sehobjektes? Im striktesten Sinn könnte man Aristoteles hier so verstehen: absolutes Sehen, sehen überhaupt. Aber stimmt das? In der Poetik konstruiert er den Fall des Sehens von unangenehmen Objekten - beschränkt aber diese Objekte auf Abbildungen von derartigen Objekten. Und die Begründung geht in dieselbe Richtung wie hier: sehendes Lernen, Unterscheiden, Erkennen. Außer derartigen Abbildungen könnte man "Bilder" der modernen Kunst als Sehobjekte für ein verselbständigtes Sehen vorschlagen. Bilder, die nicht erkennbare Gegenstände zeigen, sondern Materialien, Strukturen oder Chaos, an denen das Auge das bloße Sehen lernen, üben und vielleicht genießen.

Walter Seitter