τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 1. April 2011

In der Metaphysik lesen (982b 25-983a11)

31. März 2011

Die „gesuchte“ Wissenschaft wird von Aristoteles in seine Wissenschaftsklassifikation eingeordnet. Um uns diese noch klarer zu machen, sagen wir, welche Wissenschaftsklassifizierung heute bei uns bekannt und üblich ist. Das wichtigste Schema ist die Zweiteilung von Natur- und Geisteswissenschaften, die aus dem späten 19. Jahrhundert stammt, weil sich die Geisteswissenschaften erst zu diesem Zeitpunkt (und nur im Deutschen unter dieser Benennung) etabliert haben. Historisch-philologische Wissenschaften, die auf der Grundlage alter Texte und anderer Monumente (Bilder, Bauten ...) vergangene menschliche Produktionen, Lebensweisen erforschen, beschreiben. Diese Zweieilung erfaßt aber längst nicht alle real existierenden Wissenschaften der modernen Zivilisation: wo ist der Platz der Sozialwissenschaften, zu denen man die Wirtschaftswissenschaft zählen kann? Welchen Aspekt fügen diese Wissenschaften zu der genannten Zweiteilung hinzu? Sie können den Aspekt der „Praxis“ nicht ganz ausschalten: gewirtschaftet wird so oder so, mit solchen oder solchen Ergebnissen, auch mit unterschiedlichen Interessen. Was begründet diesen Aspekt?

Der Grund des Praktischen berührt sich mit dem Grund, der noch ganz andere Wissenschaften bzw. Hochschullehren trägt, nämlich die Technikwissenschaften (wie baut man eine Brücke?) und die Lehren (Lehrtätigkeiten), die an Kunsthochschulen (ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert) installiert sind: wie macht man Gemälde, Musik, Theater? Diese Lehren haben bis heute nicht einmal einen Namen, der ihren wissenschaftlichen Charakter ausspricht. Denn das Wort „Kunstwissenschaft“ (zum Beispiel) wird zwar jetzt allmählich üblich – aber als eine rein theoretische Wissenschaft, ja als Theoretisierung der „Kunstgeschichte“, der ihr rein historischer Charakter allmählich fragwürdig wird. Diese „Kunstwissenschaft“ ist immer noch eine Wissenschaft von der Kunst. Die Kunstlehre an den Kunsthochschulen würde aber, wenn sie eine Wissenschaft sein soll, eine Wissenschaft „zur“ Kunst sein müssen: Wissenschaft dazu, wie man Kunst macht, machen könnte .... Etwas Analoges ist eher in der Medizin schon institutionalisiert, die ja in einer eigenen Fakultät etabliert ist, wo es „nur“ um Berufsausbildung, Ausbildung „zur“ Heilkunst, geht.

Wie stellt sich die aristotelische Wissenschaftsklassifikation dar, wenn man sie mit dieser unserer gegenwärtigen Wissenschaftsrealität konfrontiert? Eine Frage, die ein bißchen viel von ihr, nämlich von der aristotelischen Wissenschaftsklassifikation verlangt, denn die war ja eigentlich nicht dazu da, unsere gegenwärtige Wissenschafsrealität zu ordnen. Trotzdem meint Gesche Heumann: sie ist wissenschaftlicher. Ein hohes Lob, und ein verdientes. Ich sage etwas zurückhaltender: sie ist vollständiger. Zwei von den drei aristotelischen Wissenschaftsgruppen, die poietische und die praktische, operieren mit einem Zusatzaspekt zum Theoretischen, und den nenne ich den Aspekt des Wünschens, des Schätzens, des Forderns, des „Es-ist-nicht-egal-wie“. Dieser Aspekt begründet die Lehren zur Politik, zur Ethik, zur Medizin, zu den Künsten.

Im Moment greift er auch in die theoretischen, ja naturwissenschaftlichen Disziplinen über: die Ökologie, vor 130 Jahren rein „theoretisch“ erfunden, wird zu einer Wissenschaft des Normativen oder Optativen, die „Lebenswissenschaften“ nehmen diese Perspektive auf, etwa mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“, der sich theoretisch, also auch empirisch belegen läßt, und doch auch ein „Wunschbegriff“ ist.

Die Konzeption des Wünschens als Grund läßt sich daraus entwickeln, daß die Dimension des Normativen, die ja nicht ganz unbekannt ist, durch das Optative ergänzt wird: seinen Gegenspieler und „Kollegen“, denn beide gehen über das Faktische hinaus und zwar in dieselbe Richtung. Für die poietischen und die praktischen Wissenschaften ist das Optativ-Normative tragend, das Aristoteles mit dem Begriff des „Guten“ bezeichnet wird (wiewohl er auch die verbalen Ausdrücke wie anstreben, begehren, lieben, genießen kennt). Das praktisch Gute liegt im Handeln selber: freundschaftlich, gerecht handeln, miteinander agieren; das poietisch Gute liegt in einem Werk, das herzustellen ist: so ein Werk kann sein eine Gesundheit (wo vorher Krankheit war), ein Sieg (als Ergebnis eine gut geführten Krieges), eine schöne Statue, eine „gute“, das heißt richtig gemachte Tragödie. Beispiele für neuzeitliche Kunstlehren sind die sogenannten „Gastrosophien“ – eine davon von dem Italiener Pellegrino Artusi: Scienza in cucina e l’arte die mangiar ben (1891). Ohne einen vielfältig, d. h. analog vorausgesetzten Begriff des Guten gibt es weder Kunst noch Technik bzw. die Wissenschaften zu ihnen (Techniken sind Wunscherfüllungen – daher gibt es sie).

In den theoretischen Wissenschaften spielt das Gute nicht so eine dominante Rolle, aber auch da wird es von Aristoteles eingesetzt: für die gesuchte Wissenschaft sogar das höchst Gute (582b 7). In der anderen und besser zugänglichen theoretischen Wissenschaft, nämlich in der Physik ist das Gute oder der Zweck, das Worumwillen immerhin eine der vier Ursachen, wie wir bald sehen werden. Das widerspricht einigermaßen unserem neuzeitlichen Begriff von Physik, der sich nur auf Anorganisches bezieht. Für Aristoteles sind hingegen die Lebewesen die zentralen Entitäten der „Physik“ – und die sind nun einmal Wunschwesen, Schätzwesen, Entscheidungswesen: sie nehmen auf, was ihnen gut tut, sie weisen ab oder fliehen, was ihnen schlecht tut (das gilt auch für die Pflanzen, deren Außengrenze ventilartig Aufnahme einschaltet oder ausschaltet). Und wenn sie vergewaltigt, gezwungen werden, etwas Ungutes aufzunehmen, werden sie krank oder sterben vorzeitig.

Dieser animalische Aspekt wird erst bei Nietzsche und nach ihm bei Plessner wieder voll ernstgenommen, auf andere Weise bei Freud – und zwar für die Anthropologie im weiteren Sinn.

Zurück zur aristotelischen Wissenschaftsklassifikation. Auch wenn sie die Technikwissenschaften und die Kunstlehren viel besser begreifen läßt als die bisherigen modernen Wissenschaftskonzeptionen, so kann sie doch nicht das Gesamte der heutigen Wissenschaften umgreifen: gerade nicht die sogenannten Geisteswissenschaften (die sich zur Zeit in Kulturwissenschaften umbenennen, um ihrer angeblichen Immaterialität zu entkommen). Zwar gab es die Geschichtsschreibung auch schon zur Zeit des Aristoteles, aber sie fand damals und auch später in der Antike und im Mittelalter kaum einen Platz im System der Wissenschaften: eben weil sie sich aufs Individuelle konzentriert (wie Aristoteles in der Poetik ja betont hat). Die historischen Wissenschaften wurden erst im späten 19. Jahrhundert wissenschaftstheoretisch reflektiert und definiert – hauptsächlich in Deutschland.

Und jetzt zurück zu unserem Text, wo die gesuchte Wissenschaft in mehreren Hinsicht als die „höchste“ programmiert wird. Dies auch in einem „politischen“ Sinn: als um ihrer selbst willen gewünschte und realisierte Wissenschaft soll sie frei und nicht knechtisch – nicht irgendeinem anderen Zweck untergeordnet, dienlich, nützlich. Im Jahre 1970 sprach Jacques Lacan, als er den sogenannten Diskurs der Universität definierte, den Satz aus: „Das Wissen ist eine Angelegenheit des Knechts“ – womit Hegels Herr-Knecht-Dialektik paraphrasiert wird. Aristotelisch mag das für gewisse Wissenschaften gelten, aber nicht für die theoretischen. Allerdings macht sich Aristoteles selber einen Einwand – einen gewissermaßen „religiösen“. Die mythische Vorstellung vom Neid der Götter gegen allezu mächtige Menschen (siehe Prometheus) oder einfach die Einsicht in die „knechtische Natur“ des Menschen, also die Einsicht in das unaufhebbare Gefälle zwischen Göttern und Menschen, scheint so eine Wissenschaft wie die gesuchte als menschenunmöglich, als Hybris, zu verbieten. Die gesuchte Wissenschaft beansprucht nicht nur, von Gott als von einer Ursache ein Wissen zu haben, sondern eben damit auch, diejenige Wissenschaft zu sein, die nur der Gott haben kann. Werden „wie Gott“. Dieser allerhöchste Anspruch wird jedoch von Aristoteles nicht verworfen, er nimmt die Göttlichkeit in jedem Sinn des Wortes für die gesuchte Wissenschaft in Anspruch, weil er tatsächlich den Superlativ des Guten im Auge hat und anstrebt. Gleichzeitig setzt er diese gesuchte Wissenschaft in einer anderen Hinsicht auf den letzten Platz: in der Hinsicht der Notwendigkeit. Notwendiger als die hier gesuchte Wissenschaft sind mit Sicherheit die poietischen Wissenschaften (die zur Heilkunst, Kriegskunst, Statuenkunst usw. führen sollen), ebenso die praktischen, vielleicht sogar die Physik (obwohl die als theoretische Wissenschaft gilt). Diese notwendigeren Wissenschaften sind also keineswegs unwichtig, sie sind sehr wohl auch gut, aber eben nicht ganz so gut, edel, vornehm, frei. Die gesuchte Wissenschaft soll nicht deswegen gut sein, weil die anderen ungut, unwichtig sind. Nicht nur mit ihrer eigenen kognitiven Leistung macht sie es sich „schwer“, sondern auch mit ihrem Bestsein: noch besser als andere gute sein.

Die drei Wörter in 983a 11: „besser aber keine“ drückt den Superlativ für die gesuchte Wissenschaft aus, und nicht etwa ein postmodernes „alle sind gleich gut“. Diese letztere Lesart ist nur möglich, wenn man nicht liest.

Der Exkurs zum Göttlichen ist eine Art „Hochsprung“, der zunächst folgenlos bleibt und keineswegs einen Übergang in „Theologie“ herbeiführt. Im Grunde genommen steigert er nur eines: das Hin und Her, das Holprige der Suchbewegung, mit der die gesuchte Wissenschaft umrissen werden soll. Das einzige, was wir bisher von ihr erfahren, ist ihr hoher, ja allerhöchster Anspruch. Und weil der so hoch ist, gestaltet sich seine Einlösung weiterhin langwierig, umständlich und vielwegig. Zunächst wird der Weg durch die Niederungen der Physik führen. eHgeH

HH