τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 5. Mai 2011

In der Metaphysik lesen (983b 8-28)


Am 30. April 2011 brachte DER STANDARD unter der Rubrik „Kinder-Uni“ (23. 4. 2011) einen Betrag mit dem Titel „Das Wesen der Dinge“, der sich mit der Philosophie des Aristoteles beschäftigte und drei Aspekte hervorhob: Aristoteles habe das Wesen der Dinge nicht von ihrer Materialität getrennt; er habe zum Beispiel die Frage aufgeworfen, wie eine Blume weiß, wann sie blühen und wann sie welken muß; und er habe sich als einer der ersten damit beschäftigt, was die früheren Denken gesagt hätten.
Eben dieser Frage nähert er sich an unserer Stelle, um für das Programm seiner „gesuchten Wissenschaft“ Bestätigung oder Ergänzung zu finden. Diejenigen, die vor ihm philosophiert haben, können – analog zu seinem Vater und Großvater als seine „Ursachen“, Urheber seiner als Philosophen, Urheber seines Philosophierens, nicht biologische sondern andersartige Vorfahren bezeichnet werden. Für Aristoteles waren Platon und Sokrates derartige unmittelbare Vorfahren. „Genealogie“ meint sowohl die Erforschung der biologischen wie die andersartigen, bildungsmäßigen, kulturellen, „technologischen“ Urheber oder Vorläufer. Genealogie oder Geschichtsschreibung. In der Poetik machte Aristoteles einige größere Exkurse zur Geschichte der Dichtung; insofern er ältere Dichtwerke als Beispiele – gute oder weniger gute – für Tragödiendichtung heranzog, machte er sie zu „Ursachen“ für die von ihm empfohlene, also für gute künftige Tragödien.
Die Wirkursache kann also auch auch neben der biologischen Kausalität oder parallel zu ihr andere Kausalitäten bezeichnen und entweder in die historische Betrachung eingehen oder aber in die Kunstanleitung, in die Kunstlehre: wie kann man selber eine gute Ursache (Vater, Lehrer, Dichter ...) sein? Sokrates hat seine Frage-, Lehr-, Weckungstätigkeit als „Hebammenkunst“ bezeichnet, als eine Geburtshilfetätigkeit, die sich unterstützend neben die mütterliche Ursächlichkeit stellt. Ein Beispiel dafür, daß weibliche Tätigkeiten zum Vorbild für Tätigkeiten werden, die – jedenfalls damals – ausschließlich von Männern ausgeübt wurden (obwohl sie mit dem männlichen Geschlecht nichts zu tun haben).
Seine erste Aussage nun zu den ersten Philosophierthabenden: daß die meisten von ihnen nur die Materialursachen berücksichtigt haben – die er in der Folge als „Element“, „Natur“, „Substrat“ bezeichnet und mit demjenigen vergleicht, was bei einem Menschen wie z. B. Sokrates als Beständiges erhalten bleibt, auch wenn er sich hinsichtlich gewisser Eigenschaften ändert; allerdings bleibt unklar, ob Aristoteles das Beständige an Sokrates auch so konzipiert, wie die ersten Philosophen ihre Materialursachen – eher nicht, denn Aristoteles hatte ja bereits statuiert, daß jedes Ding noch andere Ursachen als die materiellen hat, z. B. seine jeweilige Form (983b 7ff.). Ist auch der Name „Sokrates“ so etwas Beständiges an Sokrates? Anscheinend ja (denn „er“ wird ja mit seinem Namen genannt) – auch wenn man den eher als Akzidens bezeichnen muß: allerdings ein bleibendes Akzidens (Habitus oder Qualität oder Relation ...), etwas noch Bleibenderes als sein vergänglicher Körper oder seine Seele (sofern diese nicht unsterblich ist).
Erst nach dieser ziemlich abstrakten Analogisierung (die allerdings an einem Namen aufgehängt wird) folgt der Name des ersten Philosophen: Thales, der sagt, das Wasser sei ... er sagt gar nicht was es sei, offensichtlich eben dieses Beständige (Element, Natur, Grund); der Satz scheint unvollständig formuliert oder überliefert zu sein. Immerhin gibt Aristoteles einige empirische Hinweise oder Belege an, aus denen Thales seine Annahme abgeleitet hat: die Erde schwimme auf dem Wasser, Nahrung sei immer feucht, selbst das Warme entstehe aus dem Nassen und lebe in diesem, und die Samen aller Dinge hätten eine feuchte Natur – das Wasser aber sei der Grund der Natur der feuchten Dinge. Zuletzt also ernennt Aristoteles – Thales referierend - das Wasser zur arche aller feuchten Dinge und vermittelst dieser auch zum Ursprung aller Dinge: zumindest der warmen und lebendigen.
Eingeführt aber hat er den Thales – es handelt sich um Thales von Milet (624-546) – ebenfalls als arche: als personalisierte und vermännlichte arche. Er wird „archegos, Anfangsführer, Ahnherr, Gründer, Stifter, Urheber dieser derartigen Philosophie“ genannt. Mit dem Adjektiv archegos können vor allem Personen zu „Ursachen“ ernannt werden; hier dient es dazu, die Kausalität in die Geschichtsschreibung, in die Geschichte der Philosophie, in die Geschichte der Ursachenforschung einzuführen.

Walter Seitter

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