τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 17. Juni 2011

In der Metaphysik lesen (984b 23 – 984b 31)


Wir sprechen zunächst noch einmal über das zuletzt Gelesene, wo Aristoteles einigen „Vorsokratikern“ unterstellt (diesen Ausdruck verwendet er nicht, wohl aber in der Poetik den analogen Ausdruck „Vorhomeriker“), sie hätten nach den materiellen Ursachen, von denen einige sogar als „Beweg-Ursachen“ taugen (so jedenfalls das Feuer), doch andere Ursachen in Betracht ziehen müssen: nämlich Ursachen für Vorkommnisse, in denen andersartige Qualitäten eine Rolle spielen, und zwar Qualitäten wie „gut“ oder „schön“. Dasjenige, was andere Ursachen erheischt, das sind akzidenzielle Bestimmungen – und seien es auch Bestimmungen von Substanzen. Aber im Vordergrund stehen die akzidenziellen Bestimmungen: „gut oder schön sein oder werden“. Derartige immer wieder auftretende, höchst banale Sachverhalte erfordern andersartige oder wenn man will „höhere“ Ursachen als Erde oder Wasser oder Feuer. Und zwar deswegen, weil sie, trotz ihrer Banalität einer anderen Ordnung angehören als das Vorkommen von Eigenschaften wie „groß“ oder „rot“ oder „viereckig“. Diese Eigenschaften können wir „deskriptiv“ nennen, weil sie Korrelate einer puren Feststellung oder Deskription sind. Oder wir können sie „objektiv“ nennen, weil sie unabhängig von uns vorzukommen scheinen und von allen Beobachtern einhellig festgestellt werden. Oder „neutral“, weil es zu ihrer Feststellung, zu ihrer Gegebenheit keiner wunschartigen oder willentlichen Einstellung vonseiten eines „Subjekts“ bedarf. Die anderen Eigenschaften hingegen scheinen „subjektiv“ zu sein, weil sie dem einen einleuchten und dem anderen nicht, sie scheinen eine wunschhafte oder willentliche Einstellung zu erfordern oder an eine solche zu appellieren. Daher können wir sie „optativ“ oder „optativisch“ nennen: sie sind erwünscht, sie sind wesenhaft wunschbezogen.

Und was für eine Ursache erfordern derartige akzidenzielle Bestimmungen? Im ersten Moment scheint Aristoteles – immerzu jene Vorsokratiker referierend – zu sagen: Geist. Es wird aber sofort klar, daß er - bzw. die Vorsokratiker - die „Beseeltheit“ wie „in den Lebewesen (Tieren)“ meinen. Die Antwort läuft also auf Animalität hinaus – sei es im wörtlichen Sinn oder in einem analogen aber doch relativ engen Sinn.

Ich selber habe oben – innerhalb der deutschen Sprache argumentierend – von „wunschartig“, „willentlich“, „erwünscht“, „wunschbezogen“ gesprochen. Eine notwendige „Ursache“ (im aristotelischen Sinn und nicht die einzige) der genannten Eigenschaften sind also solche Fähigkeiten oder Kräfte wie „Wunsch“ oder „Wille“, bzw. wenn man sie nicht als isolierte Größen belassen will, Träger oder Inhaber solcher Kräfte – und die beginnen bei den Lebewesen: in gewissem Sinn bei den Pflanzen, die nur aufnehmen, was sie „brauchen“, und die das Aufgenommene verarbeiten, verwandeln usw.

Aristoteles nennt jetzt Hesiod (750-680), Bauer und Dichter, sowie den Philosophen Parmenides (540-480), die allerdings zeitlich weit auseinander liegen, wie auch beruflich. Der erste ist ein Dichter und zitiert wird aus der Theogonie, die für die Griechen ein ziemlich verbindlicher Text, nämlich die erste „systematische“ Aufstellung der Götter und sogar der „vorgöttlichen“ Instanzen war: die allerersten Instanzen seien: Chaos, Erde, Liebe (Eros), Eros als erster Gott und so auch bei Parmenides. Aristoteles hat diese Aussagen vorneweg schon so resümiert, daß er sagt, Liebe oder Begehren würde als erster Grund in den Dingen gesetzt. Es werden also diese Kräfte bzw. diese eine Kraft als selbständige Entitäten genannt, was für Eros plausibel klingt, weil er ja tatsächlich als Gott galt und in beiden Zitaten ausdrücklich als solcher und zwar als erster bezeichnet wird. Insofern geht der Text von einer eher abstrakten Geistlehre zu einer andeutungsweisen Zoologie über und dann zu einer Theologie. Die Einschaltung des Begehrens ist zur Not auch mit der Zoologie vereinbar, uns aber läßt sie eher an Humanpsychologie, also Anthropologie denken, als eigene Gottheit ist das Begehren jedoch bei den Griechen nicht aufgetreten.

Wir können also annehmen, daß Aristoteles den genauen ontologischen Status von Liebe und Begehren offen läßt und daß es ihm mehr um das Qualitative geht: das Wunschhafte.

Die Sphäre, die ab 984b 12 besprochen wird, enthält als Verursachtes das Wünschbare und als Verursachendes so etwas wie Wunschwesen, diese werden tendenziell in Richtung Lebewesen, Seele und Vernunft, in Richtung Zoologie, Psychologie, Anthropologie (und mit Hesiod auch: Theologie) konzipiert. Aber lassen wir diese hochtrabenden Disziplinbezechnungen und begnügen wir uns mit der Feststellung, daß die neue Sphäre, die anscheinend „metaphysische“ Ursachen erfordert, von sehr banalen optativen Situationen ausgeht.

Es wurde festgestellt, daß Aristoteles nur die „positiven“ Wunschqualitäten nennt. Wie steht es denn mit den konträren Qualitäten – also „schlecht“ oder „häßlich“? Eine Frage, die umso berechtigter erscheint, als etwas, was für den einen gut ist, für den anderen möglicherweise schlecht sein kann. Wenn etwas schlecht ist, braucht das dann auch eine andere, eine entgegengesetzte Ursache? Also nicht Wunsch oder Willen? Oder die Gegensätze zu den von Aristoteles hier genannten Ursachen: Gegensatz zu Liebe: Abscheu, Gegensatz zu Begehren: Furcht - ? Die von mir eingesetzten Begriffe Wunsch oder Wille erweisen sich hier als überlegen. Denn aufgrund dieser Fähigkeiten kann ein Lebewesen, ein Mensch das eine gut finden und das andere schlecht finden, also begehren oder fürchten. Wunsch oder Willen stehen für die Entscheidungsinstanz, die entweder „positiv“ oder „negativ“ ausschlägt. Diese Entscheidungsinstanz, die ich Wunsch oder Willen nenne, ist theoretisch gesehen „neutral“, praktisch gesehen jedoch die Trägerin, die Spezialistin für Nicht-Neutralität: begehren ist genauso nicht-neutral wie fürchten – nur eben in der anderen Richtung. Aristoteles hingegen setzt für den neutralen Entscheidungspunkt nous ein, und der klingt nun wirklich total neutral. Wenn ich „Wunsch“ oder „Willen“ einsetze, folge ich einer Theorielinie, die in der Moderne stärker geworden ist: bei Schopenhauer, Nietzsche, Freud, Deleuze-Guattari.

Walter Seitter