τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 23. Juni 2011

In der Metaphysik lesen (984b 32 – 985a 11)


Vorläufige Vermutung, daß in der zuletzt gelesenen Passage, obwohl eigentlich nur ein paar Theorie-Vorläufer referiert werden, schon eine ganz wesentliche Aussage der hier „gesuchten Wissenschaft“ formuliert wird: der Sprung von rein materiellen Ursachen zu „höheren“ Ursachen, die zunächst mit dem Wort nous sehr hoch angesetzt werden, aber dann mit dem Vergleich „wie in den Lebewesen“ doch wieder einigermaßen „geerdet“ werden. Als würden nur „anorganische“ Ursachen durch „organische“ Ursachen ersetzt oder vielmehr ergänzt werden. Mit der Einführung dieser Ursachen werden wir einfach nur in die „Zoologie“ geführt, die als die Mitte des aristotelischen Weltbildes gilt. Auch die Art und Weise, in der das Verursachte benannt wird, welches die höheren Ursachen erfordert, ist nicht vorsokratisch-poetisch sondern aristotelisch-banal: das Gut-oder-schön-sein oder –werden der Dinge. Auf der Seite des Verursachten der Übergang vom Indikativischen zum Optativischen, auf der Seite der Ursachen der Übergang vom Anorganischen zum Organischen.

Kann das ein entscheidender Sprung in der bzw. zu der „Metaphysik“ sein? Erinnerung daran, daß in 982b 7f. „das Gute oder das Beste“ als Ursache in der „anfänglichsten Wissenschaft“ genannt worden ist. Eine ganz andere Stellung des Guten und auch eine andere Wortform: nicht das Adverb sondern das substantivierte Neutrum des Adjektivs – eine typisch platonische Form.

Jetzt aber fügt Aristoteles – immer noch die Ansichten der Vorsokratiker referierend – etwas hinzu, was man ihm gar nicht ohneweiteres zugetraut hätte bzw. was dem ihm unterstellten „Optimismus“ zu widersprechen scheint. Nämlich die Feststellung, daß es in der Natur nicht nur gute Dinge gibt, nicht nur Ordnung und Schönes sondern auch Unordnung und Häßliches, ja daß sogar die schlechten Dinge quantitativ über die guten, die häßlichen Dinge über die schönen überwiegen. Daß  mit „Ordnung“ und „Unordnung“ hier neue Wörter eingeführt werden, entspricht sehr wohl dem griechischen Denken. Wenn wir aber bedenken, daß die Griechen das Ganze nicht nur mit physis=Wachstum, Natur sondern auch mit kosmos=Schmuck, Welt benannten, dann mag es uns erstaunen, daß es in diesem Ganzen mehr Unordnung als Ordnung geben soll. Gibt es bei Aristoteles Äußerungen, die in diese Richtungen gehen? Denken wir an die Poetik, so erinnern wir uns daran, daß er nur solche literarischen Gattungen behandelt, die insgesamt mehr „Schlechtes“ enthalten: Tragödie, Komödie, Epik. Die überwiegend „positiven“ literarischen Gattungen (Hymnik, eventuell Lyrik) hat er nicht thematisiert.

Gesche Heumann erinnert uns daran, daß Aristoteles in 983a 1 einen Dichter mit der seinerzeit geläufigen Ansicht zitiert hat, daß „das Göttliche neidet“, sobald es Menschen allzu gut geht. Damals hat Aristoteles zwar diese Ansicht, mit der die gesuchte und vornehme Wissenschaft als menschenunmöglich dargetan werden sollte, abgewiesen. Diese Wissenschaft soll also nun doch möglich sein, aber sie muß sich, wir wir jetzt lesen, mit einem quantitativen Übergewicht des Schlechten über das Gute abfinden bzw. diesem gerecht werden. Dieses Übergewicht ergibt sich aus der zitierten Ansicht insofern, als es den Menschen entweder ziemlich schlecht geht, dann sind die Götter „zufrieden“, oder es geht ihnen ziemlich gut, dann stehen sie schon unter der Drohung göttlichen Neides. Das heißt: es kann ihnen auf Dauer gar nicht besonders gut gehen. Das wäre dann der griechische theologisch begründete „Pessimismus“.

Wir haben für das Vorkommen des Schlechten keine zusätzliche Ursache angenommen, weil wir die Ursache etwas neutraler als Liebe und Begehren gefaßt haben und die haben sozusagen automatisch immer auch die Kehrseiten Haß oder Abscheu. Aristoteles benennt aber die Ursache des Guten und Schönen nun mit „Freundschaft“, die Ursache des Schlechten mit „Streit“ oder abstrakter mit „dem Guten“ und „dem Schlechten“. Das heißt er kommt auf die „platonische“ Formulierung 982b 7f. zurück – verdoppelt sie aber dualistisch. Zwei entgegengesetzte Prinzipien, die formal an die altchinesische Polarität von Yin und Yang erinnern mögen, welche aber gerade nicht die Opposition gut-schlecht enthält. Eher könnte man an die beiden entgegengesetzten Gottheiten des Manichäismus oder der Gnosis denken: eine religiöse Konzeption der Spätantike, in die tatsächlich auch Platonismus eingeflossen ist.

Jedenfalls hat sich der Text mit dieser Formulierung von zwei höchsten Ursachen von der schlichten „zoologischen“ Ursachenlehre entfernt. Ivo Gurschler kritisiert an der gesamten Gegenüberstellung von Gut und Schlecht eine Eindeutigkeit, die gar nicht möglich sei; Einstimmigkeit sei über diese Unterscheidung ohnehin nicht zu erzielen.

Walter Seitter