τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 1. Juli 2011

In der Metaphysik lesen (985a 11 – 985a 18)


Bei Reclam ist jetzt Aristoteles’ Über die Seele erschienen, zweisprachig (wie die Poetik) – man kann also jetzt ein weiteres normales Buch von ihm bequem (in der U-Bahn, am Strand usw.) lesen.  Und wenn man das tut, kann man dazu beitragen, das eigene Patient-Sein zu vermeiden, zumindest zu reduzieren – und damit die Wichtigkeit, die den Klinikern aus dem Patiententum der Patienten erwächst. Wer Aristoteles liest, ist insoweit ein „Agent“, ein Aktant, ein Akteur. Also ein Unternehmer. Wer es mit anderen tut, gründet eine Kooperative. Wer Leute dafür interessiert, die zuviel an materiellen Gütern haben und davon abgeben können, kann so zu seinem Lebensunterhalt beitragen. Lösung klinischer und ökonomischer Probleme; Versuch, dies oder das besser zu machen.

Die Ansicht, daß es in der Welt mehr schlechte als gute und mehr häßliche als schöne Dinge gebe, ist so formuliert, daß sie dem Aristoteles selber unterstellt werden kann. Sie hindert ihn indessen nicht an der Annahme, daß sich die Dinge zum Besseren wenden können, wie wir ja in der Poetik lesen konnten, dass die Menschen das Nachahmen lieben, weil sie gern lernen, oder dass die Tragödiendichtung mittels seiner Tragödientheorie besser werden könne.

In bezug auf die Theoriegeschichte vertritt Aristoteles ganz unverblümt die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit des „Fortschritts“, wenn er sich kritisch zum Vorgehen seiner „vorsokratischen“ Vorläufer äußert. Die hätten zwei von den vier (oben genannten) Ursachenarten zur Anwendung gebracht: erstens die Materialursache und zweitens die Bewegursache. Aber das taten sie undeutlich und unklar: wie ungeübte Soldaten, die in der Schlacht hie und da einen guten Schlag vollbringen, aber mehr aufs Geratewohl denn aufgrund von professionellem Wissen. So scheinen auch die früheren Theoretiker nicht genau gewußt zu haben, welche Ursachenformen es gibt und warum sie welche einsetzen.

Aristoteles macht sich anheischig, diesen Mangel zu beheben, und wir können unsererseits seinen Ordnungsvorschlag auf seinen Bericht von den Vorsokratikern anwenden und sagen, welche der bisher genannten Ursachen zu welcher Ursachenform gehören. Wir gehen zurück zu 983b 21, wo das Wasser als erste Ursache genannt worden ist. Und zwar von Thales, der als Gründer derartiger Philosophie bezeichnet wird, womit auch ihm eine Ursach-Rolle zugeschrieben wird – zweifellos auf einer ganz anderen Ebene und auf dieser anderen Ebene des Forschungsprozesses bekommt er eine Ursach-Rolle, die wohl der zweiten Ursach-Form angehört. Es sind also von Anfang an mindestens zwei Ursach-Formen im Spiel, wobei die zweite jetzt gar nicht theoretisch thematisiert wird: sie wird im Theorie-Geschehen selber supponiert. Nach dem Wasser werden Luft, Wasser, Feuer genannt. Allesamt Material-Ursachen, von denen aber die letzte in die Funktion der anderen Ursach-Form eintreten kann: Bewegursache.

Höhere Bewegursachen müssen – laut Aristoteles – eingeführt werden, wenn es um die Verursachung einer Statue oder eines Bettes geht (984a 25), denn weder macht die Bronze selber eine Statue noch das Holz ein Bett. An dieser Stelle benennt Aristoteles – wieder – die zweite Ursachenform, nämlich Bewegursache, ohne diese – zweite notwendige - Ursache für Statue oder Bett anzugeben; wir können sie uns aber denken. Eine weitere Realitätsart, welche derartige Ursachen erfordert, ist das Gut- oder Schön-sein oder –werden von irgendwas. Hat diese Realitätsart mit Statue oder Bett etwas gemeinsam? Ich glaube: ja – denn diese poietischen Produkte werden erzeugt, wenn in einer bestimmten Situation das Vorhandensein eines Bettes besser, d. h. erwünschter ist als das Dasein eines Baumstammes. Nicht nur die Materialursachen erweisen sich da als unzureichend sondern mehr noch die beiden „unnormalen“ Ursachen-Bereiche – neben Natur und Kunst: automaton und tyche (984b 14).

Welche höhere Beweg-Ursache setzen die früheren Philosophen nun tatsächlich ein: den nous, den man als Vernunft übersetzen kann und den Anaxagoras „als Ursache des Kosmos und der gesamten Ordnung“ in der Natur platziert – „wie in den Lebewesen“. Die Tiere werden als mikrokosmische Beispiele für „Vernunft in der Natur“ erwähnt und sie eignen sich wirklich dafür, die Verursachung von „schön“ und „gut“ und „besser“ verständlich zu machen: denn für sie gibt es die Tatsache, daß etwas gut, besser und dergleichen ist, ja sein können muß.

Das wird ganz deutlich, wenn Aristoteles als weiteren Autor früher Ursachenforschung Hesiod angibt, der Liebe und Begehren in den Seienden als Ursache angibt. Lebewesen sind Seiende mit Begehren (auch die Menschen sind solche). Auf dieser Ebene werden dann noch der Streit genannt, d. h. bei den höheren Bewegursachen kann es – wie bei den Materialursachen – mehrere kooperierende oder polare Ursachen geben. Liebe als Ursache des Guten, Streit als Ursache des Schlechten – diese dem Empedokles zugeschriebene These übersetzt Aristoteles in eine andere Formel: nämlich das Gute und das Schlechte als die beiden Ursachen und das Gute selbst als Ursache aller Güter. Diese platonisierende Formel war bereits in 982b 7 gebraucht worden. Aber ist sie wirklich eine korrekte Übersetzung bzw. Fortsetzung der Ursachen-Reihe Begehren, Liebe ...? Irgendwie vielleicht schon. Kann das Gute als Beweg-Ursache gedacht werden? Ja, das Gute bewegt, indem es anzieht, motiviert. Es bewegt das Begehren als dessen Korrelat – steht ihm gegenüber. Sodaß man es eher der vierten Ursach-Form zurechnen muß: Zweck, Ziel.

Ein „objektives“ Korrelat macht Aristoteles auch in der ganz anderen Dimension des Forschungsprozesses namhaft, wo er zunächst Thales als „Verursacher“ der Forschung genannt hat. Nämlich ein „etwas“, das die Philosophen antreibt, weitertreibt: „die Sache selbst“ (984a 18), „die Wahrheit selbst“ (984b 10). Was für Ursachen?

Wenn wir die aristotelischen Ausführungen, mit denen er die „unordentlichen“ Versuche seiner Vorgänger rekapituliert, kritisiert, ordnet, genau betrachten, so stellen wir fest, daß mit seinen Klärungen gleichwohl die Ursachen-Dimensionen sich vermehren. Es steigert sich die Komplexität, in gewissem Sinn wächst das Chaos. Aber nicht aus Liebe zur Ungenauigkeit, oder gar zur Unsachlichkeit. Die Komplexitätssteigerung ergibt sich aus dem Willen zur Sachlichkeit.

Ist die „Metaphysik“ in diesem Sinn eine Fortsetzung von Physik, Poetik, De anima - ?

Walter Seitter