τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 10. November 2011

In der Metaphysik lesen (986a 12 – 28)


Am 15. Dezember 1971 sagte Lacan in seinem Seminar ein paar Sätze zur Metaphysik des Aristoteles, die ich jetzt zitiere, ohne auf ihren Kontext – bei ihm, in seinem Seminar vom 15. Dezember 1971 – einzugehen.

„... ich möchte Ihnen sagen, lesen Sie die Metaphysik von Aristoteles, ich hoffe, daß Sie ebenso wie ich spüren werden: das ist ziemlich verrückt, beinahe saublöd ... Es geht nicht um die Metaphysik des Aristoteles in ihrem Wesen, in ihrem Signifikat .... Dieses Büchl, denn es ist ja bloß ein Büchl, ist etwas ganz anderes als die Metaphysik. Ich sprach eben von einem Buch, das geschrieben worden ist. Man hat ihm einen Sinn gegeben, den man die Metaphysik nennt, man muß jedoch das Buch vom Sinn unterscheiden. Seitdem man dem Buch diesen Sinn gegeben hat, ist das Buch nicht mehr leicht aufzufinden ...“[1]

Lacan steigert den herabsetzenden Ton noch, indem er in Bezug auf das Buch Blödheit und Echtheit zusammenfallen läßt, womit er aber nicht das Buch lächerlich machen will, sondern im Gegenteil diejenigen, die von „der Metaphysik“, also von so einer Disziplin oder von einer derartigen Realität so reden, als wüßten sie, was das ist.

Nun, diese merkwürdigen Sätze, die vor genau 40 Jahren ausgesprochen worden sind, und nicht etwa von einem Klassischen Philologen oder von einem professionellen Philosophen, sind mir gerade jetzt unter die Augen gefallen, das Seminar XIX ist ja erst in diesem Jahr publiziert worden. Ich zitiere sie, weil ich den Eindruck habe, daß unsere bisherige Lektüre dieses Buches ungefähr auf der Linie liegt, die von Lacans überragender Intelligenz hier angedeutet wird.

Unsere Lektüre ignoriert allerdings keineswegs das, was Lacan das „Signifikat“ nennt: wir stoßen jeweils auf die Signifikate, die in den einzelnen Sätzen, Absätzen, Kapiteln vorgeführt werden: Suche nach einer irgendwie bestimmten Wissenschaft, erkenntnistheoretische Überlegungen, wissenschaftshistorische Ausführungen mitsamt Beurteilung bestimmter „Vorgänger“.

Aristoteles wiederholt die Feststellung, daß für die Pythagoräer die Zahl eine Ursache sei: „sowohl als Stoff für Dinge wie auch als Erleidungen und Verhaltensweisen, die Elemente der Zahl aber sind das Gerade und das Ungerade, wovon dieses das Begrenzte, jenes das Unbegrenzte ist.“

Wir können uns diese Zuordnung veranschaulichen, indem wir drei Steine nebeneinander legen und sie in zwei Hälften teilen wollen: es geht nicht, weil wir in der „Mitte“ auf einen Stein stoßen, der sich widersetzt: da ist eine Grenze, eine Barriere. Aber der Satz davor ist noch nicht geklärt: Zahl als Stoff als Ursache – das paßt einigermaßen ins Schema; aber Zahl als Erleidungen und Verhaltensweisen als Ursache weniger: pathe und hexeis sind ja Akzidenzien; sollten etwa die dann genannten polaren Eigenschaften „gerade“ und „ungerade“, die als „Elemente“ bezeichnet werden, sowie die folgenden Gegensatzpaare damit gemeint sein? Eigenschaften (Plural) als Ursache (Singular)?

Ein weiteres Rätsel – für uns – vielleicht nicht für die Pythagoras-Kenner: das Eine weder gerade noch ungerade sondern Ursache der Zahl – analog zum Himmel als dem Ganzen (der Wirkung). Das Eine wäre somit eine allererste Ursache.

Es folgen dann noch mehrere Gegensatzpaare, insgesamt sind es zehn. Man bemerkt, daß die beiden „Seiten“ Übereinstimmungen mit den beiden altchinesischen Prinzipien Yin und Yang aufweisen, die auch die Polarität zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen enthalten – nicht aber die zwischen schlecht und gut.
Bei den Pythagoräern steht das Weibliche aufseiten der geraden Zahlen, das Männliche aufseiten der ungeraden. Diese Zuordnung können wir nach dem Beispiel der Teilbarkeit bzw. Unteilbarkeit der zwei bzw. der drei Steine verstehen: das weibliche Geschlechtsorgan erscheint als Spaltung, das männliche als eine Ausstülpung in der Mitte.

Übrigens stammt die Benennung des gleichschenkeligen Dreiecks (im Deutschen) offensichtlich von den geöffneten Oberschenkeln.

Walter Seitter