τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Sonntag, 8. Januar 2012

Ist "klassische Bildung" absolut notwendig?


  Auch im vergangenen Dezember führte ich an meinem "Weihnachtsstrand" manches Gespräch mit einem emeritierten Wiener Professor. Einmal gab er eine lateinische Sentenz zum Besten, in der das Wort "Zeit" vorkommt. Allerdings sagte er zitierend dafür "tempum". Ich sagte ihm, es heiße tempus; doch er wollte mir nicht glauben und stellte in Aussicht, im Wörterbuch nachsehen zu wollen; als ich ihm sagte, er brauche nicht nachschlagen (außerdem war gar kein Wörterbuch in Reichweite), denn ich wisse das, fragte er mich, wieviel Jahre ich Latein gehabt habe; es stellte sich heraus, daß er vier Jahre, und ich acht Jahre Latein gehabt hatte - und er gab sich vorläufig damit zufrieden.

An diese kleine Geschichte von Rechthaberei mußte ich denken, als ich jetzt in der ZEIT einen längeren Aufsatz von Karlheinz Töchterle las, der den Titel "Über das Erhabene" trägt und im Untertitel "ein anonymes Traktat aus der Antike" erwähnt. Der Aufsatz unterscheidet innerhalb der griechischen und lateinischen Poetik-Tradition zwei Auffassungen, von denen die eine der Technik und der formalen Richtigkeit den Vorrang einräume, die andere der Leidenschaft und der Begeisterung. In der neuzeitlichen Antikenrezeption habe die "Gräkomanie der Deutschen" dem zweiten Aspekt den Vorzug gegeben. Töchterle betont, daß in Österreich die Antikenrezeption bis ins 19. Jahrhundert hinein von der jesuitischen ratio studiorum (aus dem Jahre 1559) bestimmt gewesen sei, zieht daraus aber nicht die naheliegende Schlußfolgerung, daß damit ein erhöhtes Interesse für die Seite der Technik verbunden gewesen sein müßte. Er subsumiert Österreich unter die deutsche bzw. nordalpine Genie- und Naturästhetik. Sofern er damit recht hat, hätte Österreich seine Nähe zu einer eher mediterranen Rezeptionskultur nicht aufrechterhalten und den Weg einer romantischen "Technikferne" und "Technikskepsis" mitgemacht.

Eben dafür liefert Töchterle im Untertitel ein schlagendes Beispiel, indem er "ein anonymes Traktat" erwähnt. "Traktat" sollte nämlich "ein anonymer" sein, da das Wort von lateinisch "tractatus" kommt. Das grammatische Geschlecht übernimmt dieses Wort von seinem lateinischen Stammwort, bekommt also den Artikel "der". Im übrigen ist dieses Wort wie alle Fremdwörter ein Mitglied der deutschen Sprache und die Zuweisung zum dritten Geschlecht ein deutscher Sprachfehler, der in diesem Fall dem österreichischen Wissenschaftsminister, im Hauptberuf Professor der Klassischen Philologie, unterlaufen ist.

Nachdem ich vor einigen Wochen auf das Thema der Fremdwörter eingegangen bin, weise ich jetzt auf einen fulminanten Essay von Hugo von Hofmannsthal hin, der im Ersten Weltkrieg, denjenigen, die auch den Fremdwörtern den Krieg erklärt haben, einiges ins Stammbuch geschrieben hat: "Unsere Fremdwörter" (1914). 

Walter Seitter