τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Freitag, 17. Februar 2012

In der Metaphysik lesen (988b 26 – 990a 20)


Aristoteles setzt seine kritische Auseinandersetzung mit den ihm vorausgehenden Ursachenforschern fort und in diesem Zusammenhang nennt er eine bestimmte Disziplinbezeichnung zum ersten Mal: er spricht von denen, die „Physiologie“ machen, wörtlich also „Naturlehre“ oder „Naturkunde“. Diese Bezeichnung hat er aber nicht erfunden, sie hat durchaus „historischen“ Charakter, denn einige Vorsokratiker hatten ihre Bücher so genannt. Aristoteles hat in der Poetik Empedokles als Physiologen bezeichnet (1447b 20). Wir können annehmen, daß Aristoteles sich diese Bezeichnung nicht zueigen macht – weder für seine Vorlesungen über die Natur und schon gar nicht für die hiesige Untersuchung. Pauschal wirft er jenen Vorläufern vor, daß sie die Beweg-Ursache sowie die Was-Ursache nicht berücksichtigen, ferner daß sie von den sogenannten „einfachen Körpern“ – damit sind hier die vier Elemente gemeint – allzu leichtfertig eines zum Prinzip erklären: mit der Erde machen sie das allerdings nicht, die scheint ihnen denn doch dazu ungeeignet (dazu gleich weiter unten). Zu diesen Elementen macht Aristoteles nun eine Ausführung, die sie im Grunde genommen auf ein Grundelement zurückführt: denn sie entstehen, so seine Ansicht, auseinander durch Zusammendrückung oder Auseinanderziehung in der Reihenfolge Feuer-Luft-Wasser-Erde (oder umgekehrt). Die erste Reihenfolge, die vom Feuer ausgeht, scheint ihm die plausibelste, weil dieses der kleinteiligste und feinste, daher auch der höchste und vornehmste Körper ist. Rudolf Steiner hat in seiner Rede vom sogenannten „Feinstofflichen“ diese Hierarchisierung übernommen: das Feinstoffliche bildet bei ihm den Übergang zum „Geistigen“ - so eindeutig liegen die Verhältnisse bei Aristoteles aber wohl nicht.

Aristoteles behauptet, Feuer, Luft oder Wasser seien von einzelnen Theoretikern jeweils zum ersten Prinzip ernannt worden. Und schließt dann die Frage an: Wieso nicht die Erde, wie doch die meisten Menschen meinen? Jetzt führt er ein anderes Wissenssubjekt ein, sozusagen ein demokratisches oder populistisches. Und dessen These lautet: Alles, genauer gesagt alle Dinge ist (sind) Erde: 989a 10. Übrigens hatte Aristoteles in seinem allerersten Satz „alle Menschen“ zum Subjekt eines - eben allgemeinen -  Wissensstrebens gemacht. Aber in seiner nun schon viele Seiten langen Theoriegeschichte kommen eben nur Theoretiker vor und demgegenüber scheint mir sein Eingehen auf eine andere Ansicht der „vielen Menschen“ bemerkenswert. Ich würde meinen, es handelt sich um eine bäuerliche, vielleicht sogar um eine jägerisch-sammlerische, Ansicht. Und deshalb gerade nicht um die Ansicht der frühen Theoretiker, die ja, wie Lacan gemeint hat, Herren waren, welche sich zusätzlich Wissen aneigneten. Aristoteles nennt diese Ansicht „archaisch und volkstümlich“. Diese Stufe liegt noch vor der der „Physiologen“. Aber auch sie hat einen prominenten Sprecher: den schriftstellernden Bauern Hesiod, der nicht in seinem Buch über die Bauernarbeit sondern in dem über die Kosmo- und Theogonie von der Erde als dem zuerst entstandenen Körper schrieb: meinte er damit eher den Himmelskörper oder das weich-harte Material, aus dem alles wächst? Hesiod zählt nicht zu den Philosophen, sondern zu den Dichtern, und zwar zu den ältesten Dichtern; eventuell kann man ihn in die Nähe der „Weisen“ rücken, die hauptsächlich Staatsmänner waren und von denen „Sprüche“ überliefert sind. Gleichzeitig betont Aristoteles das Volkstümliche dieser Ansicht – um sie jedoch als für Theoretiker zu unfein, zu grobschlächtig hinzustellen. Für diese kann nur das Feuer seiner Natur nach das erste Element sein – was aber nicht ausschließt, daß der Entstehung nach doch die Erde das erste Element ist. Diese Diskussion steht wie angedeutet unter der Voraussetzung, daß die vier Elemente nur vier Versionen oder auch Aggregatszustände eines einzigen Grundstoffes sind.

Andere Theoretiker wie Empedokles, die ebenfalls diese vier Elemente ansetzen, sehen darin tatsächlich vier oder immerhin zwei eigentliche Grundstoffe, die nicht aufeinander zurückgeführt werden können. Relativ ausführlich wird wiederum Anaxagoras kritisiert, der zwei Pinzipien ansetzt: das Eine oder die Vernunft, das Andere oder das Unbestimmte oder das Vermengte. Die Formulierung dieses zweiten Prinzips hält Aristoteles für ungenügend, gleichwohl gesteht er Anaxagoras zu, etwas geahnt zu haben, was als moderne oder heutige Ansicht gilt.

Walter Seitter