τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 23. Mai 2012

In der Metaphysik lesen (993a 30 – 993b 11)


Das Buch II, von geringem Umfang, setzt mit einem Ausdruck ein, der die gesuchte Wissenschaft auf eine neue Formel bringt: „theoria thes aletheias“: Anschauung, Betrachtung, Wissenschaft der Wahrheit. Wahrheit als Gegenstand der Wissenschaft? Das entspricht nicht ohne weiteres dem Verständnis dieser Wörter. Wissenschaft nimmt sich solche oder solche Gegenstände vor und wenn sie erfolgreich durchgeführt worden ist – eventuell unter magischer Mitwirkung der Wahrheit (siehe 984b 10), dann erreicht sie die Wahrheit, jedenfalls berührt sie sie. Aber Gegenstand?
Nun, dieses Untersuchen der Wahrheit wird von Aristoteles zweideutig charakterisiert: es sei schwer und leicht. Dies zeige sich in der Tatsache, daß keiner sie vollständig erreichen und keiner sie vollständig verfehlen könne. Jeder könne etwas über die Natur sagen, und wenn jeder entweder nichts oder doch etwas beitrage, komme doch etwas Großes zusammen. Die Wahrheit sei so etwa wie die Haustür, die auch jeder findet, aber der Punkt, auf den es ankommt, etwa der Riegel oder der Schlüssel, den könne man schon verfehlen.. .
Zur Erklärung solcher Fehlleistungen stellt Aristoteles eine Analogie auf: die Vernunft unserer Seele verhält sich zu den an sich intelligibelsten Sachverhalten wie das Auge nachtaktiver Tiere zum Tageslicht. Eine Analogie, die plausibel erscheint, wenn bei der Vernunft unserer Seele mehr an die Seele, also eine psychosomatische animalische Kraft, als an die Vernunft gedacht ist, denn die ist sehr wohl für die höchsten Prinzipien zuständig. 

Walter Seitter