τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 4. Oktober 2012

In der Metaphysik lesen (994b 9 – 995a 20)


Wenn die Ursachenketten nicht unbegrenzt lang sein dürfen, muß es – zeitlich gesprochen – sowohl Erstursachen wie auch Letztursachen geben: diese sind Zweckursachen und wer diese abschaffen möchte, hebt die „Natur des Guten“ auf (994b 13) bzw. er würde dagegen verstoßen, dass „Vernunft in den Seienden“ ist.

„Keinem Unbegrenzten kommt Sein zu.“ (994b 27) Und wenn die Arten der Ursachen der Zahl nach unbegrenzt wären, wäre Erkennen unmöglich; denn Wissen gibt es nur mit Erkenntnis der Ursachen – und zwar „aller“ Ursachen, folglich muß diese Erkenntnis in begrenzter Zeit möglich sein. Die Pragmatik tatsächlich möglicher Erkenntnis ist also mit der Annahme einer begrenzten Ursachen-Zahl fest verbunden. Ähnlich hat Kant vom Faktum wissenschaftlicher Erfahrungserkenntnis auf die – allerdings transzendentalen – Möglichkeitsbedigungen geschlossen. Das aristotelische Beharren auf den Ursachen klingt seit dem 20. Jahrhundert vollkommen veraltet. Nicht nur die Phänomenologie sondern auch deren Lieblingsgegner, die Naturwissenschaft, haben sich davon verabschiedet. Der einzige „Freund von Ursachen“ im 20. Jahrhundert scheint Jacques Lacan zu sein (wiederum in Gegensatz zu Freud – dem Anhänger von „Ursprung“).

Und dann springt Aristoteles auf eine Ebene, die noch „pragmatischeren“ Charakter zu haben scheint, nämlich auf die Ebene, auf der er gerade jetzt selber agiert: auf die seiner Vorlesung, deren ursprünglicher Titel zwar nicht überliefert ist. Doch die Vorlesung zur Physik trägt den offiziellen Titel Physike akroasis und eben dieses Wort „akroasis“ baut er nun in seinen Text ein und behauptet, dass das Verständnis von Vorlesungen von den Gewohnheiten der Hörer abhängt – was letztlich darauf hinauslaufen könnte, daß die Hörer nur das verstehen, was sie eh schon kennen, was sie eh schon für richtig halten. Die Macht der Gewohnheit (so auch der Titel eines Stücks von Thomas Bernhard) wird nach Aristoteles von den Gesetzen bewiesen, die sich lieber ans Mythische und Kindliche halten denn ans Erkennen. Aristoteles führt hier eine kleine Lektion aus der Rhetorik ein, bescheinigt den Grundlagen der Politik nebenbei ein hohes man könnte sagen populistisches, jedoch ein geringes kognitives Niveau. Aber hauptsächlich bezieht er die Lektion aus der Rhetorik auf seine eigene professionelle Tätigkeit, und zwar auf seine momentane Lehrtätigkeit und deren Adressaten, nämlich seine Zuhörer. Bei denen gebe es drei Gewohnheitsrichtungen oder Vorlieben: die Vorliebe für mathematische Beweise, die Vorliebe für anschauliche Beispiele und die Vorliebe für die Autorität von Dichtern. Zwei entgegengesetzte Paradigmen sind das Bestehen auf Genauigkeit in allen Themenbereichen oder aber der Widerwille gegen Genauigkeit.

Man muss in eines dieser Paradigmen eingeübt sein, um es konsequent befolgen zu können. Soweit expliziert Aristoteles die Soziologie der rhetorischen Paradigmen im Lehrbetrieb (für Hörer und Lehrer); gleichzeitig stellt er dieser Rhetorik-Soziologie ein Wissenschafts-Ethos gegenüber, das auf Erkenntnis setzt. Insgesamt eine erstaunliche "Erkenntnispolitikwissenschaft", die Parteiungen, Vorlieben, Haltungen in den Erkenntnisbetrieb einführt: ein nietzscheanisches, foucauldianisches Moment. 

Schließlich eine erkenntnistheoretische oder wissenschaftstheoretische Äußerung, mit der er seine Kritik an alten oder platonischen Pythagoräern wiederaufnimmt. Mit mathematischer Genauigkeit könne man nur solche Gegenstände erfolgreich untersuchen, die keine Materie enthalten; folglich nicht die Gegenstände der Natur. Uns bleibt die Frage, welche Aspekte der Natur (der Materie) sich der quantitativen Untersuchung (Berechnung) entziehen mögen.

Aristoteles unterscheidet hier zwei Wissenschaftsbereiche oder –ebenen: die physi(kal)ische beschäftgt sich mit der Natur, die mathematische erscheint hingegen als die „metaphysische“. Obwohl damit kaum der gesamte aristotelische Wissen(schaft)sraum ausgemessen sein dürfte, endet so das sogenannte Buch II (in der griechischen Zählung Buch klein alpha) der sogenannten Metaphysik

Walter Seitter