τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 30. November 2012

In der Metaphysik lesen (995b 32 – 996a 4) III


Protokoll Teil 3

Wir sind immer noch bei der Nennung – der bloßen Nennung und nicht etwa Durcharbeitung – der „Aporien“. Diejenige, die als achte gezählt wird, wird immerhin superlativisch hervorgehoben: am meisten sei zu untersuchen, ob es neben dem Stoff noch etwas Ursächliches an sich gebe oder nicht .... und wieder wird daran eine kleine Kette von differenzierenden Fragen angehängt. Wir können assoziieren, daß mit dieser Frage der Punkt aufgegriffen wird, der in Physik II,1 im Vordergrund stand, dort aber unter dem Leitbegriff physis – und mit der Antwort: ja eidos, morphe .... Hier beantworten wir – aristotelisch – die Frage pluralistisch mit Hinweis auf Formursache und Bewegursache und Zweckursache (im Falle von Tisch liegt die beim Zweck also Gebrauch des Tisches und personalisiert sich beim Besteller, Käufer, Konsumenten, Gebraucher, Besitzer). Aporie 9: Sind die Prinzipien (also ein anderer Leitbegriff) in Zahl und Art begrenzt, und zwar sowohl die in den Begriffen und die im Substrat? Schon wieder diese Zweiteilung: für Formursache stehen die „Begriffe“; das bestätigt eigentlich meine Annahme, daß logos auf einer Ebene neben eidos und morphe steht. Aber warum im Plural? Kann eine Sache mehrere logoi haben – etwa Gattung und Art? Aporie 10: Haben die vergänglichen und die unvergänglichen Dinge dieselben oder je andere Prinzipien? Damit diese Frage für uns überhaupt nachvollziehbar wird,  müssen wir uns vergegenwärtigen, welche Dinge nach Aristoteles unvergänglich sind. Unvergänglich, ungeworden, ewig sind: der gesamte Kosmos, auch der sublunare; innerhalb der sublunaren Welt jedoch nur der nous poietikos, der für die menschliche Erkenntnis notwendig ist (umstritten ist, ob er für jeden Menschen extra, also individuell, existiert); unvergänglich sind, obwohl sinnlich wahrnehmbar, die Himmelskörper; ebenso die Kreisbewegung der Himmelskörper; ferner die immateriellen Beweger der Himmelskörper, insbesondere der erste Beweger; außerdem die Formprinzipien der sublunaren Körper (Pflanzen, Tiere); ebenso die mathematischen Objekte und Wahrheiten, die ebenfalls keine selbständig existierenden Substanzen sind.


Walter Seitter