τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 14. Dezember 2012

Berliner Protokoll (WS)


Mein jüngster Berlin-Aufenthalt sollte nicht ungeschrieben und unkommentiert in die Vergangenheit entschwinden. Daher hier ein paar tagebuchartige Bemerkungen.

Donnerstag, 6. Dezember

Um 9 Uhr früh Ankunft in Berlin. Schnee und Schneetreiben. Sofort ins Literaturhaus in der Fasanenstraße, einen der schönsten Orte in Berlin, den ich vor allem vom sommerlichen Garten her kenne. Heute Ausblick in den verschneiten Garten, mit etwas Sonnenschein. Gespräch mit Christian Bertram und Horst Ebener über La monnaie vivante, vor allem das seinerzeitige Zustandekommen des Buches, die Anteile von Pierre Klossowski und Pierre Zucca. Erholung vom Frühflug, bis 14 Uhr.

Ausstellung „Schinkel: Geschichte und Poesie“ im Kupferstichkabinett (neben der heiß umkämpften Gemäldegalerie). Karl Friedrich Schinkel (1781-1841), ein „Gesamtkünstler“, der mit seinem überwiegend klassizistischen (aber auch romantischen und „nationalen“) Profil wesentlich zum modernen Preußen beigetragen hat, in einer Zeit, in der sich Österreich kulturell eher zurückgehalten hat. Immerhin war seine Entdeckerlust so groß, daß er auch unsere Gegenden aufgesucht hat: 1803 Fußmarsch nach Schöngrabern und Wien (dann weiter bis Süditalien); 1811 nachgeholte Hochzeitsreise nach Salzburg und Berchtesgaden. Sein Philhellenismus gipfelte in einem Entwurf für einen gigantischen, ja megalomanischen Königspalast auf der Athener Akropolis, der dort oben das gesamte Gelände zwischen den Tempeln mit Palast und Gärten ausgefüllt und den Anblick von unten stark verändert hätte. Wie ist dieser – nicht ausgeführte - Entwurf einzuschätzen? Soweit wir wissen, war die Akropolis in „klassischer“ Zeit nur Tempelbezirk (allerdings von hohen Festungsmauern umgeben). Irgendwann in vorklassischer Zeit muß aber auch diese Akropolis vornehmlich Palast und Festung getragen haben. Insofern hätte Schinkels Entwurf eine archäologische Berechtigung gehabt, aber .... Den Königspalast hat dann der Münchener Leo Klenze (1784-1864) herunten in der Stadt gebaut: heute Parlamentsgebäude und Zielpunkt der griechischen Klagen und Anklagen, Demonstrationen und Ausschreitungen.

Abends zur Großveranstaltung „Bonds: Schuld, Schulden und andere Verbindlichkeiten“ im Haus der Kulturen der Welt. Gespräch über Korruption, gegen die alle sind und die munter fortlebt. Aber was ist Korruption?

Später Abend Abendessen in der Paris Bar, die ich aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, also aus Jacob-Taubes-Zeiten kenne. Dort meine elementare Typologie der Wirtschaftsformen: Mutterwirtschaft und Marktwirtschaft. In der ersten gibt A den b, c, d das, was diese brauchen. In der zweiten geben und nehmen A, B, C usw. voneinander und miteinander. Die zwei Typen („Idealtypen“ im Sinne von Max Weber) unterscheiden sich radikal voneinander – und zwar nicht kontradiktorisch sondern konträr. Folglich kann es auch verschiedene Mischtypen geben. Etwas Logik schadet nicht beim Reden über die Realität. Vermutlich „muß“ es beide Typen geben und man muß nicht den einen im Namen des andern verteufeln.

Freitag, 7. Dezember

Mit Horst Ebner besuche ich die Ausstellung „Mythos Olympia. Kult und Spiele“. Eine gigantische und sozusagen vollständige Ausstellung – auch für jemanden wie mich, der vor zweieinhalb Jahren zwei Wochen lang in Olympia war und „alles“ gesehen hat. Wiederum das merkwürdige Phänomen, daß das regelmäßige Stattfinden von „Frauenspielen“ zwar erwähnt, aber in keinster Weise näher geschildert wird. Die tatsächlichen Verhältnisse scheinen also einigermaßen symmetrisch (zwischen den Geschlechtern) gewesen sein, aber die Verkündigung, das Prestige war recht einseitig verteilt.

Am Nachmittag auf der Schulden-Konferenz ein vierstündiger „Staffellauf“ mit 15 Theoretikern (jeweils in der Doppelrolle von Interviewer und Interviewtem). Am Abend eine dramatische Aufführung nach einem Theorie-Buch: Die Ökonomie von Gut und Böse (München 2012) von dem Ökonomie-Professor Tomáš Sedláček. Seine Methodik: ökonomische Bücher religiös lesen, religiöse Bücher ökonomisch lesen.

Samstag, 8. Dezember

Vormittag ein kleiner Bataille-Workshop. Ich treffe Rita Bischof, der ich meinen Wiener Vortrag über La monnaie vivante zugeleitet hatte. Zu den dort wiedergegebenen Passagen aus Klossowskis Nachlaß sagt sie: das Beste, was Klossowski geschrieben hat. Auf der Schulden-Konferenz Lesung von Aris Fioretos aus seinem neuen Roman Halbe Sonne. Eine Auseinandersetzung zwischen Sohn und Vater mit dem scherzhaften Hauptbegriff „Repaparatur“, d. h. Vater-Reparatur. Vielleicht eine Alternative zu „Ödipus“ (Vatermord) – aber auch zu „Anti-Ödipus“ (und dessen Aggressivität). Anschließend Vortrag von Sigrid Weigel, die der 68-er Generation (zu der auch sie gerade noch gehört) einen moralischen Reinheits-Totalitarismus vorhält. Daraufhin Diskussion zwischen ihr und Fioretos – auch über die deutsch-griechischen Schuld(en)-Schiebungen. Ich melde mich zu Wort und skizziere eine Diagnose der griechischen Situation: in Griechenland vor dreißig Jahren mit Brüsseler Hilfe Stillegung einer funktionierenden altmodischen Wirtschaft (mit Rosinen-, Tabakfabriken ...), Bau von Autobahnen, Import von Luxuslimousinen. Was dazu führt, daß in Griechenland (wo seinerzeit die abendländische Begriffskultur erfunden worden ist) die soziologischen Begriffe „postindustrielle Gesellschaft“, „Konsumgesellschaft“ in voller Reinheit verwirklicht sind (was sich zunächst recht gut angefühlt hat). Fioretos zu mir: ich teile Ihre Analyse.

Am Abend Vortrag von Marcel Hénaff: „Kosmische, symbolische und finanzielle Schulden“. Drei Stadien: Antike mit prekärer Balance, Neuzeit mit Grenzenlosigkeit, Moderne mit Thermodynamik, d. h. irreversibler Entropie. Ich: wir leben immer noch in der „Antike“: es gibt auch die Kräfte der Negentropie, die Differenz, Information steigern, z. B. animalisches Wachstum, kulturelle Leistungen. Jedenfalls „bei uns“ hängt es von uns ab, ob diese Kräfte immer wieder erstarken. Hénaff gibt mir grundsätzlich recht. Zum Abendessen suchen wir zunächst ein Lokal auf, in dem ein echter Klossowski hängt. Folgeerscheinung: es gibt dort nur ein Menü; der Preis steht kleingedruckt ganz unten .... Wir wechseln in die „Trattoria Maria“ mit herrlicher Pizza. Funktionierende Marktwirtschaft. Weder Mutter- noch Vater-Zwang.

Ich habe auf der Schulden-Konferenz keineswegs alle Veranstaltungen, Vorträge usw. besucht, kann also kein Gesamturteil abgeben, will das auch gar nicht. Stattdessen meine Formulierung für die vermutete Wurzel der Krise (die sich keineswegs auf Griechenland beschränkt). Die Wurzel heißt „Zuviel Geld“ (was leider auch zur Folge hat, daß es manchenorts  zu wenig Geld gibt). Die Formel „Zuviel Geld“ paßt auch zur Entropie-Dominanz. Denn zuviel von einer Realitätssorte oder Qualität (ob Geld, Wasser, Wärme ...) bedeutet automatisch eine Differenz-Schwächung. In Delphi war auch die Inschrift „Nichts zuviel!“ angebracht. Die Mißachtung dieses Gebots steigert die Entropie. Im übrigen scheint mir die Empfehlung „Abschaffung des Geldes“ keineswegs eine Lösung zu versprechen (sie würde wohl zu zuviel Gefühl und dergleichen führen).

Sonntag, 9. Dezember

Den ganzen Tag heftiges Schneetreiben. Neues Museum: Echnaton und Nofretete und Sonne: neue (oder erste?) Dreifaltigkeit, bald abgeschafft. Alte Nationalgalerie: schon wieder Schinkel: auch Gotiker, Romantiker, Maler ... Ephraim-Palais: Johannes Grützke: ein Berliner Kraft-Maler.

Montag, 10. Dezember

Im Merve Verlag Gespräch mit Tom Lamberty: Klossowski-Edition mittelgroß oder ganz groß? Akzidentien oder Akzidenzien? In der Villa Einstein Treffen mit Peter Berz, der vor kurzem in Linz einen Vortrag hielt, in dem er seine Aristoteles-Heidegger-Lektüre in Richtung „Sachen“ und Naturwissenschaften vorantrieb. Inzwischen hat er auch unsere letzten Protokolle gelesen und freut sich über die Konvergenz der Denkbewegungen. Wobei er in seine Philosophie der Biologie auch Helmuth Plessner einbezieht, vor allem dessen einschlägiges Hauptwerk, die 1928 erschienenen Stufen des Organischen und der Mensch. Wir sprechen darüber, daß dieses Buch zunächst im Schatten eines Scheler-Plagiat-Vorwurfs stand; viel wichtiger aber die Tatsache, daß es auf Dauer in den Schatten von Heideggers Sein und Zeit geraten ist. Auch Peter Berz meint, daß man heute Heidegger mit Plessner parallel-lesen muß, um Heidegger aus dem Raunen herauszubringen und „jetzig“ lesen zu können. Das ist auch die Richtung, die mit dem Wien des frühen 20. Jahrhunderts angezeigt ist.

Wieder im Literaturhaus, wo Claudia Schmölders einen Literaturtreff organisiert. Ich habe sie im September auf der Tagung der Plessner-Gesellschaft in Wiesbaden näher kennengelernt, wo wir beide versucht haben, den Plessnerianern die Sache mit dem Griechentum näherzubringen.

WALTER SEITTER