τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 15. Dezember 2012

In der Metaphysik lesen (996a 5ff.)


Nachtrag zum Berliner Protokoll

Mit Peter Berz komme ich auf meinen Wiener Vortrag zu La monnaie vivante zu sprechen und erwähne, daß ich Klossowskis Weglass-Operation als „Beschneidung“ oder „Zirkumzision“ bezeichne. Und nicht mit dem modischen psychoanalytischen brutalen Begriff „Kastration“; es gibt viele Arten von Schneiden, Zuschneiden, Wegschneiden ... In der Filmproduktion ist das Schnittwesen eine wesentliche Produktionsphase. Oder man denke an die wichtige Funktion „Ausschneiden“ im Word-Programm, mit dem dieses hier geschrieben wird.

Am Dienstag im Deutschen Historischen Museum eine riesige Informationen-Aufstellung zur Geschichte Deutschlands vom Jahre 0 bis zum Jahre jetzt. Die wenigen Jahre der DDR sind natürlich inkludiert, die vielen Jahrhunderte Österreichs ebenso. Aus dem Jahr 1594 stammt die Deutschland-Karte von Mercator. Die heute als „Hallein“ bekannte salzburgische Stadt heißt dort „Hellel“ – abgesehen vom ersten e entspricht das der seinerzeitigen Aussprache (die ich in der Nachkriegszeit noch gehört habe). Mit dem Filmemacher Manfred Hulverscheidt besuche ich das Tieranatomische Theater aus dem Jahre 1794. Dieser palladianische Zentral- und Kuppelbau, auch „Zootomie“ genannt, diente der Präsentierung von frisch geschlachteten Tieren, hauptsächlich Pferden, auf einem großen runden Tisch, der aus dem Untergeschoß in den Hörsaal hinaufgehoben wurde. Luxus für die Wissenschaft. Anatomie: Aufschneidung, Auseinanderschneidung, Auseinanderfaltung. Anschließend noch ein Treffen mit Christian Bertram im Literaturhaus. Nächtlicher Flug nach Wien.

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Zu den letzten Protokollen, die sich von Aristoteles etwas entfernen und den Spannungsbogen zwischen Heidegger und dem Wien des frühen 20. Jahrhunderts thematisieren.

Die große Philosophie-Verweigerung Österreichs, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts konsequent durchgehalten worden ist, dürfte ihren Hauptgrund darin haben, daß in Österreich die intellektuelle Energie hauptsächlich in Richtung Kunst geleitet worden ist: Theater, Musik, Oper. Daneben gab es immer wieder Perioden mit funktionierender Naturwissenschaft, die aber nie zu einer stabilen Wissenschaftskultur führten. Das Fach Philosophie mußte aus traditionellen Gründen unterrichtet werden, was die Jesuiten so besorgten, daß die Philosophie als „reine Philosophie“ den Status leeren Geredes innehatte. Eine Änderung trat zunächst in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein: Einführung der Medizin außerhalb der Universität: von da an war Wien eine Hauptstadt dieser Disziplin – mit der Psychologie als Anhängsel. Erst im 19. Jahrhundert berief man angesehene Philosophieprofessoren aus Deutschland, zuletzt Franz Brentano (1838-1917) (in Wien bis 1895) (seine Richtung konnte sich mit Alexius Meinong (1853-1920) in Graz besser halten).

Der große Umschwung wurde dadurch eingeleitet, daß Österreich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts den Anschluß an die internationale Wissenschaftskultur, und zwar in allen Disziplinen, fand, womit der Grund für eine bodenständige Genese von Philosophie bereitet wurde. Die hatte zwar auch dann noch mit Schwierigkeiten zu kämpfen – doch auch diese gehörten zum Milieu eines sozusagen „ersten Philosophie-Anfangs“ – der immer nur aus Wissenschaftskultur hervorgehen kann. Siehe Physik als „Grundbuch“ der abendländischen Philosophie.

Diese Bemerkungen eröffnen nicht nur einen „Sprung“ von Aristoteles zum Schicksal der Philosophie in Österreich, also bei uns, also zu uns, denn es geht ja darum, daß wir selber, hier und jetzt philosophieren. Was allerdings ohne Umsicht auf die Geschichte der Philosophie (und Nicht-Philosophie) nicht möglich erscheint und da ist jetzt endlich auch die Dimension der Geographie der Philosophie einzuziehen. Wozu wir keine neuen Lehrstuhlbezeichnungen wie „Europäische Philosophie“ und „Interkulturelle Philosophie“ brauchen. Die Geographie beginnt mit kleinen topographischen Differenzierungen wie: zwischen Universität Wien und Universität für angewandte Kunst, zwischen Wien und Linz, zwischen Österreich und Deutschland usw.

Philosophiegeschichtlich ist das Gefälle zwischen Deutschland und Österreich (das politisch bis 1866 zu Deutschland gehört hat) enorm – deswegen hat Heidegger das zeitgenössische Österreich überhaupt nicht wahrgenommen. Der Abstand wirkt bis heute nach. So bekommt der Wiener Philosoph Wolfgang Pircher zu seinem 65. Geburtstag eine Festschrift, die in einem deutschen Verlag erscheint und von deren drei Herausgebern zwei Deutsche sind. Der Abstand kann also auch überbrückt werden. So weit so gut.

Die Gründung des „Arbeitskreises österreichische Philosophie“ können wir dann im nächsten Jahr erörtern, das den etwas widerspenstigen, also passenden Namen „2013“ trägt.

Jetzt zurück zur Aristoteles-Lektüre. Die 11. Aporie bekommt einen immanenten Superlativ zugesprochen, sie ist nämlich die aporetischste: ob nämlich das Eine und das Seiende nicht Unterschiedenes sind (so Platon und die Pythagoräer), daß sie vielmehr das Wesen der Seienden sind – oder ob das Substrat der Dinge etwas anderes ist: Liebe/Freundschaft (so Empedokles) oder Feuer, Wasser, Luft (wie jemand anderer meint)?

Den Anfang dieses Fragesatzes haben wir unrichtigerweise als eigene Frage aufgefaßt und als solche diskutiert; das war gegenüber dem griechischen Text eine etwas zu fleißige Fleißaufgabe – was aber nicht schadet, weil es ja darum geht, daß wir selber denken, auch wenn der gelesene Autor es nicht unbedingt verlangt. Hier werden also das Eine und das Seiende als selbig vorausgesetzt und die Frage geht dahin, ob dieses sehr formalistische Selbe in den Rang einer ontologischen Ursache, hier Wesenheit, der Seienden, also wohl aller Seienden, zu setzen ist. Oder ob eine andere Ontologie vorzuziehen ist, wonach qualitative oder stoffliche Größen als Substrat anzusetzen sind, und zwar als Substrat aller Dinge. Diese Alternative erscheint doch einigermaßen verständlich, behandelt wird sie erst später. Warum aber gilt sie als die schwierigste und aporetischste?

WALTER SEITTER