τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 9. Januar 2013

Berliner Notizen, Dezember 2012

3.12. Nächtliche Zugfahrt nach Berlin. Bin immer noch irritiert, wie sich mir hier, der ich in einem starr ostwestgeteilten Europa aufwuchs, schemenhaft dieser alte Kulturraum entlang der Metropolen Wien – Prag – Dresden öffnet und dabei auch wieder deutlich die nördliche Erstreckung des Barock kennzeichnet.
 
4.12. Zwischenaufenthalt in Dresden. Gang durch die verschneite Stadt mit ihren noch immer sichtbaren ,Leerstellen‘. Fragmentarisierte europäische Geschichte zwischen kurfürstlichen Barockbauten, großbürgerlichen Villen und einer die Bombenruinen notdürftig verdeckenden realsozialistischen Architektur. Erfreulich produktives Arbeitstreffen mit Frank Böckelmann zur neugegründeten Vierteljahreszeitschrift TUMULT. Abends weiter nach Berlin. Hotel.

5.12. An diesem winterlich-kalten Morgen zum nahegelegenen Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte. Schon traditioneller Besuch des Grabs von Brecht. In unmittelbarer Nachbarschaft liegen auch Hanns Eisler und Heinrich Mann. Letzter Ort für einen Großteil der DDR-Kulturschaffenden, aber auch für Herbert Marcuse, George Tabori oder Fritz Teufel – und inmitten von allen die „Ruhestätten“ von Hegel und Fichte (mit Gattinnen). Ein Rundgang also durch 200 Jahre deutscher Aufklärung mit all ihren Um- und Seitenwegen, skizziert als Gräberfeld. Am Ende, wie einer geheimen Logik folgend, dann vor Heiner Müllers schlichtem Grab.
Später dann Savignyplatz. In einer der Buchhandlungen überraschend Klossowskis „Bad der Diana“ in Händen, jene elegante, längst vergriffene deutsche Ausgabe mit Zeichnungen von Brinkmann & Bose. Unmittelbar danach Treffen mit Christian Bertram, Berliner Regisseur und intimer Kenner des Klossowskischen Werks im Café Savigny. Lesen gemeinsam die heute in der „Süddeutschen“ erschienene Rezension zum letzten „MEGA“-Band des „Kapitals“ (und aller Vorarbeiten). Damit liegt Marxens Analyse des kapitalistischen Produktions- und Zirkulationsprozesses in nunmehr 15 Bänden (23 Teilbänden!) vor dem Leser ausgebreitet wie ein riesiger Archipel. Was jetzt erstmals auch sichtbar wird, ist ein über Jahrzehnte hinweg überbordender Schreibfluss, in hohem Maße ,ineffizient‘ in Form und Ziel, nicht aber in der tiefschürfenden Beschreibung seines Gegenstands (fast ist man gewillt zu sagen, die hier quantitativ entfesselte Zeichenproduktion verhält sich kontrapunktisch zu jeglicher industriellen Logik). Eine hochaktuelle Einsicht von Marx lautet dabei, dass im Streben nach Profit die eigentliche Produktion nur mehr „ein bloßes Mittel zur Verwerthung des Kapitalwerths“ ist. Unser Gespräch dreht sich im Folgenden wieder um die ,grundlegende‘ Bedeutung der „Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte“ von 1844 für „La monnaie vivant“. Wichtig erscheint mir dazu, dass beide Texte, geschrieben im Abstand von rund 125 Jahren in Paris, gleichzeitig flüchtige und konzentrierte Denkbewegungen vollführen, die wie kleine Geschosse wirken. Abgefeuert in zwei zeitlich markanten Beobachtungsmomenten, ist ihre zentrale Intention die Befreiung der Sinne des von den industriellen Produktionsmitteln beherrschten modernen Individuums. Fourier, Marx, Klossowski zeigt auch an, dass Benjamins Paris als Hauptstadt der 19. Jahrhunderts mitten in das krisenerschütterte 20. Jahrhundert transformiert wurde, nunmehr als hedonistisch umkämpfter phantasmatischer Ort des US-amerikanischen Kapitalismus (etwa am Beispiel Filmindustrie).
Im Anschluss an unsere Diskussion über Klossowski und die geplante Berliner Ausstellung zu „LMV“ gemeinsame Fahrt zur Universität der Künste, wo Siegfried Zielinski, dort Professor für Medientheorie, eine Gesprächsreihe programmiert. Sein Gast an diesem Abend: Florian Rötzer. Dessen Vorstellung hörte sich vorerst ein wenig nach professoraler Faktenhuberei an, erschloss jedoch im weiteren Verlauf eine beeindruckende und wirkungsvolle publizistische Produktion, etwa den zahlreichen klug geführten Gesprächen mit den wichtigsten deutschen und französischen Philosophen und Künstlern der Zeit. Als Redakteur für das „Kunstforum international“ hat er damit jahrelang zukunftsweisende Theoriedebatten initiiert. Dazu war er auch Mitglied der Redaktion von TUMULT. Im Gespräch mit Zielinski kam er dann noch auf die persönliche Zäsur in seinem Schreiben Mitte der 1990er zu sprechen. So riskant ihm anfangs die Entscheidung zu einem radikalen Medienwechsel als Autor des Online-Magazins „Telepolis“ auch erschien, war dieser Schritt reizvoll, da sich bereits die Verschiebung der Kommunikation in den telematischen Bereich hinein abzeichnete. Im künstlichen Raum des Netzes konnte man, so Rötzer, anders als in den alten künstlichen Welten der Stadt, noch viel aktueller und unmittelbarer agieren.

6.12. Treffen mit Walter Seitter und Christian Bertram im Literaturhaus in der Fasanenstraße. Vom Tisch aus einen schönen Blick in den verschneiten Garten. So fühlt man sich als alpiner Mensch in Berlin noch wohler. Wir sprechen über die Zusammenarbeit Klossowskis mit dem Filmemacher und Fotografen Pierre Zucca für „LMV“. Dabei muss vieles natürlich spekulativ bleiben. Trotzdem nochmal aufschlussreiche Erläuterungen zum Zustandekommen der einzelnen Bildinszenierungen, die nach Klossowski wie eine „große Maschine“ (die Theatermaschinen von der Antike bis ins 19. Jh. zum Vorbild nehmend) funktionieren. Die Bildfolge in der Originalausgabe von „LMV“ zeigt sich, anders als der parallel verlaufende ,unförmige‘ Textkorpus, im Einzelnen streng komponiert, als Ganzes jedoch ebenso bastlerisch-experimentell angelegt. Ästhetische Strategie in beiden Fällen: die Subversion des Sinns. Wir kamen noch auf das Klossowski-Buch von Alain Jouffroy, „Le secret pouvoir du sens“, zu sprechen. Schwierige Frage dabei, ob man im Titel „Sinn“ oder „Sinne“ übersetzen soll, da die Bedeutungen im Deutschen merkwürdig auseinanderdriften. (Am Abend sollte ich in einer Buchhandlung in Kreuzberg auf Brigitte Burmeisters erhellende Studie zu Claude Simons Werk stoßen: „Die Sinne und der Sinn“!)

Am Abend Konzert im Festsaal Kreuzberg von Peter Brötzmanns Full Blast. Eineinhalb Stunden hochenergetische Musik des siebzigjährigen Saxophonisten, der, stets geistesgegenwärtig, den aufbrechenden Sound der sechziger Jahre heute sinnlicher denn je weitertreibt. Im Publikum sehe ich Zielinski wieder, so klein kann Berlin sein.

7.12. Vormittags zur „Mythos Olympia“-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Draußen herrscht tiefer Winter, während ich mit Walter Seitter durch die lichtdurchfluteten ,imperialen‘ Räume des Museums schlendere. Überraschenderweise wirken die zahllosen Ausstellungsobjekte, also allerlei Kult- und Gebrauchsgegenstände, sowie die Modellrekonstruktionen und Pläne weniger anstrengend als erwartet. Spannend nachgezeichnet ist dabei die archäologische Forschungsgeschichte der Kultstätte in ihrer für das 19. Jahrhundert typischen ,kolonialistischen‘ Geste, auch wenn damals viele der originalen Skulpturen(-fragmente) in Griechenland verblieben. Das 3000 Jahre alte, dem Zeus geweihte Heiligtum wird hier anhand von bedeutenden Grabungsfunden und Modellen als gigantischer Schauort inszeniert (schön die Abbildung der Stieropferstätte mit meterhoher Asche!), dem die architektonischen Gegebenheiten des Gropius-Baus optimal entsprechen. Der Zeustempel aus dem 5. Jh. v. Chr. mit der monumentalen Götterstatue – einem der antiken Sieben Weltwunder – bildet ein zentrales Thema der Ausstellung, wobei dem mit der Statue des Zeus beauftragten Phidias, berühmtester Bildhauer seiner Zeit, sogar ein eigenes ,Atelier‘ gebaut wurde, im Maßstab des Tempels! Den höchsten Gott zu modellieren oblag also nur dem Starkünstler – ein frühes Beispiel des Zusammenwirkens von Religion und Kunst. Was die Herausbildung der einzelnen Disziplinen aus Leicht- und Schwerathletik angeht, so scheinen sie, im festlichen Rahmen des Wettstreits unter nackten Männern, der Einübung in kriegerische Fähigkeiten zu dienen – man erinnert sogleich, dass die Stadt dieser Schau 1936 eine pervertierte Wiederaufnahme solcherart „Weihespiele“ als demonstrative Vorbereitung für einen Krieg mit rassistischer Ausrichtung lieferte. Auch heute enthalten die Olympischen Spiele noch zahlreiche Kampfsport- und Schießbewerbe. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass es bei den antiken Spielen auch Frauenbewerbe gab, etwa einen Jungfrauenlauf zu Ehren der Hera. Und eine letzte Analogie bietet sich an: der brutale Wettstreit um die Ausrichtung der Spiele, den das antike Elis (mit Hilfe Spartas) für sich entschied. Als Trainingsort lag es rund 60 km von den heiligen Wettkampfstätten entfernt – eine Distanz, die heute üblich für Olympia ist.
Gemeinsam mit Walter Seitter am Nachmittag noch zur Konferenz „Bonds. Schuld, Schulden und andere Verbindlichkeiten“ im Haus der Kulturen der Welt. Interessante Präsentationsform dieser Theorie-„Session“: Die einzelnen Beiträger fungieren abwechselnd als Moderatoren und Protagonisten. J. Hörisch leider versäumt, aber Ch. v. Braun nimmt in ihrem Beitrag so manche bekannte Überlegung Hörischs wieder auf, irritiert aber mit der These von der Schuldproduktion der christliche Religion durch den Tod des Gottessohns. Damit werde auch die Gelddeckung nur mehr über den menschlichen Körper vollzogen (Hostie – Münze). Der junge tschechische Ökonom T. Sedlacek vertritt eloquent-theatralisch die These von der religiösen Struktur der Ökonomie. B. Priddat spannt dazu einen großen kultur- und wirtschaftshistorischen Bogen vom Übergang des Religiösen zum Ökonomischen, und weiter vom Verpflichtungszusammenhang der Familie zu jenem der neuen, anonymisierten Handelsgesellschaften, wodurch der Vertrauensvorschuss (so nebenbei: heute ein Alltagsbegriff) noch viel wichtiger für die Entwicklung des Kapitalismus wird. W. Pircher unternimmt einen vorerst überraschenden Dekonstruktionsversuch zur Entstehung der Schrift. An ihrem Beginn in Mesopotamien standen demnach nicht Dichter, sondern Ingenieure und Buchhalter, die für die Technik der Bewässerungsanlagen wie für die Aufzeichnung der Lagerbestände und Schuldverhältnisse sorgten. Der Zusammenhang zwischen dem Entstehen von Schulden und Schrift in sesshaften Gesellschaften erscheint so irritierend wie einleuchtend.
Höre noch M. Hutter, der zwei soziale Figuren des Schuldenmachens zeichnet: die positive des Kreditnehmers und die negative des Verschuldeten. Kredite erfordern aber auch die nötige Geduld beim Gegenüber: dem Kreditgeber.
Heimgang durch den dunklen, verschneiten Park vor dem Hauptbahnhof.

8.12. Vormittags zum Workshop „Georges Bataille. Kulturtheorie an den Rändern der Wissenschaft“ im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. C. Wild referiert über die Souveränität der Zeichen und ihre Transgressionsbewegungen vor allem in den frühen Erzählungen „Madame Edwarda“ und „Die Geschichte des Auges“. Nacktheit der Figur bedeutet für den Erzähler auch Nacktheit der Zeichen, Schreiben also als pornographischer Akt. Das ,alte‘, nicht der Repräsentation dienende Zeichen soll nach Bataille in der Moderne neu sichtbar werden. Treffe hier noch mal Walter Seitter, der mich Rita Bischof vorstellt, deren Bataille-Arbeiten ich seit langem kenne. In der langen Mittagspause trotz der Kälte lieber auf den Bücherflohmarkt an der S-Bahnstation Friedrichstraße. Dort Rudolf Arnheims „Film als Kunst“ von 1932 gekauft. Darin eine frühe Analyse filmischer Mittel und eine Theorie der Wahrnehmung anhand dieses neuen Mediums. Am späteren Nachmittag Fortsetzung der Referate mit G. Maisuradze zum „Souveränen Menschen bei G. Bataille und C. Schmitt“. Moderne Souveränität wurde erst durch Tod des Königs möglich – dessen Platz musste also entsakralisiert werden. Beide setzen nun der neuen Ordnung der Normalität – der bürgerlichen Gesellschaft und ihrem Souverän, dem Beamten – eine neue Souveränität entgegen. Bei Bataille ist es der individuelle Exzess, um ein freier, souveräner Mensch zu werden, bei Schmitt der staatliche zu einer neuen Ordnung. Beide Souveränitätsbewegungen verhalten sich dabei gleichgültig gegenüber ihren Opfern. Allgemein etwas enttäuscht vom Gehörten dieser sehr ,internen‘ Veranstaltung, die nur wenig über bekannte historisierende Leseweisen Batailles hinausging. Seine heterogen gesetzten, exzessiven Denk- und Schreibbewegungen boten den Referenten, entgegen der Ankündigung, überraschend wenig aktuelle Anknüpfungspotentiale.
Am frühen Abend überhasteter Aufbruch Richtung Bahnhof. 

Horst Ebner