τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 1. Februar 2013

In der Metaphysik lesen (996b 19 – 25)

In 996a 29ff. hat Aristoteles die Mathematik einerseits sowie das Zimmerer- und Schusterhandwerk andererseits gegenübergestellt. Jene handelt von „unbewegten“ oder unveränderlichen Sachverhalten, in diesen hingegen geht es um Erzeugungen und Veränderungen, weswegen da auch von Gutem und Schlechtem die Rede sei. In der Mathematik werden Beweise geführt, die weder von einem Guten ausgehen noch irgendein Besser oder Schlechter plausibilisieren sollen. Die Mathematik wird als Prototyp der beweisenden oder „demonstrativen“ Wissenschaft eingeführt. Die besagten Handwerke sind zunächst einmal keine Wissenschaften. Die für sie konstitutiven Redeweisen sind einmal die Wunschkundgebungen der Kunden bzw. Verbraucher, zum anderen die Vorschriften und Anweisungen der Meister gegenüber den Lehrlingen: optative und präskriptive Redeweisen.

Wenden wir uns wieder den wissenschafstheoretischen Klassifikationen des 19. und 20. Jahrhunderts zu, so stellen wir fest, daß da – sowohl in den Natur- wie in den Geisteswissenschaften – die deskriptiven Vorgehensweisen dominieren: Tatsachenfeststellungen und –vergleiche sowie Ursachen- bzw. Funktionsfeststellungen. Demgegenüber werden normative Aussagen nur ungern zugelassen, da ihr wissenschaftlicher Status prekär erscheint, vor allem kann man aus dem Sein nie auf ein Sollen schließen. Obwohl manche Tätigkeiten wie diejenige der Jurisprudenz oder der Medizin ohne irgendein Sollen gar nicht zu denken sind. Im großen und ganzen bemüht man sich, das Normative aus der Wissenschaft auszuschließen: erstens weil es als unwissenschaftlich gilt und zweitens weil sich mündige Bürger keinem Sollen unterwerfen wollen, man hat Angst vor moralisierender Bevormundung und vor religiösen Zwängen.

Aus der aristotelischen Gegenüberstellung zwischen Mathematik und Handwerken können wir ersehen, daß es neben der Mathematik, die demonstrativ vorgeht und damit einen höheren Grad des Deskriptiven erreicht, auch rationale Vorgehensweisen gibt, die aber nicht gleich mit Normen daherkommen, sondern vielmehr von Wünschen ausgehen.

Neben den deskriptiven Sprechweisen gibt es zunächst einmal die optativen Vorgehens- und Sprechweisen: die Leute wollen dieses und jenes, halten dies für besser, das für schlechter, sie haben Optionen und Präferenzen; es öffnet sich die weite Landschaft des Optativen. Und ausgerechnet das ist in bzw. aus der modernen Wissenschaftsauffassung noch viel gründlicher und radikaler eliminiert worden als das Normative, das sich immerhin – zumindest angeblich – doch immer wieder als unvermeidlich einschleicht. Ernsthafte Philosophen wie Kant haben sogar von einem Primat der praktischen Vernunft vor der theoretischen gesprochen. Hat er damit einen Primat des Normativen oder des Optativen gemeint? Nach allgemeiner Auffassung eher den ersten. Im 19. Jahrhundert beginnt gleichwohl die philosophische Karriere des Willens als erster Instanz: Fichte, Schopenhauer (aber bei dem wieder nur deskriptiv und mit der Intention (mit dem Willen?) zur Stilllegung des Willens (also zur Depression)), Nietzsche, auch Freud könnte man dazunehmen (aber da in der Form einer schwülen Sexualisierung).

Die Protagonisten des expliziten und großformatigen Wünschens sind die sogenannten „Utopisten“ (ein Titel, mit dem das Wünschen aber wieder ganz und gar auf den Mangel zurückgeführt wird). Wie die Autoren des Anti-Ödipus zurecht kritisieren. Diese haben das Wünschen immerhin auch als „objektive“ Realität anerkannt. Gleichzeitig haben sie das Vokabular in Absetzung von Lacan arg vereinfacht: bei Lacan finden wir annähernd die Begriffspalette, welche die Umgangssprache immer schon bereithielt: Wunsch (Begehren), Lust, Genießen, Liebe ...

Angeregt durch Aristoteles sollten wir diese Dimension auch in der metasprachlichen Wissenschaftsklassifikation installieren und die moderne Zweiteilung zwischen „deskriptiv“ und „normativ“ („präskriptiv“) durch das dritte (oder zweite) Glied „optativ“ ergänzen.

Schauen wir auf die Bestimmungen der „gesuchten Wissenschaft“ oder „Weisheit“ in 996b 10ff., so finden wir da an erster Stelle eine, die ihr den Superlativ des Normativen zuspricht, sogar einen doppelten Superlativ: sie ist die „herrschendste“ und „führendste“ – gegenüber den anderen Wissenschaften. Aber warum ist sie das? Weil sie herrschsüchtig ist? Das wäre eine etwas schwache oder vielmehr eine sehr bestreitbare Ambition. Ich meine, daß Aristoteles ihr zwei andere Bestimmungen sozusagen als Grundlage ihres Herrschaftsanspruches zuspricht. Sie ist die Wissenschaft nicht vom Besseren und Schlechteren (wie etwa alle poietischen und praktischen Wissenschaften, die etwas wünschen), sondern vom „Selbstguten“, von der „Natur des Guten“, vom Superlativ des Guten – und das heißt sie ist auch der Superlativ des Wünschens, Wollens, Strebens: denn nur dieser hat die Kraft, sich dem Selbstguten zuzuwenden, zu öffnen, es zu „fassen“, sich ihm zu stellen, ihm gegenüberzustehen. Und sie ist die Wissenschaft vom Wißbarsten: das stärkste, das erkennendste, erleuchtetste und erleuchtendste Wissen vom Lichtvollsten, Klarsten, Deutlichsten. Erkenntnissuperlativ, der den Superlativ des Ursächlichsten, des Seiendsten, Wesenhaftesten erfaßt.

Es handelt sich um eine Verknüpfung von drei oder vier Superlativen. Aber mir kommt es jetzt weniger auf diese Superlativposition an, sondern auf die Mehrzahl der Dimensionen und da greife ich die „subjektiven“ Einstellungen heraus, die sich als erkenntnispolitische Einstellungen und folglich auch als wissenschaftstheoretische Positionierungen benennen lassen.

Die aus dem frühen 20. Jahrhundert überlieferte Gegenübestellung von

deskriptiv                                normativ


läßt sich vervollständigen zu


deskriptiv                                optativ

demonstrativ                              normativ  


Die Deskription bezieht sich auf die faktischen Akzidenzien, von denen Aristoteles hier vier nennt (Quantität, Qualität, Wirken, Leiden). Die Demonstration operiert mit logischen und mathematischen Notwendigkeiten (einen gewissen Abglanz davon vermag laut Aristoteles die gute Dichtung mit anderen Mitteln herzustellen). Von ihr ist noch einmal die Einsicht in die Wesenheiten zu unterscheiden – nennen wir sie Intuition (die auch mit der Deskription verwandt ist).

Im Superlativ der „Weisheit“ koinzidieren die „theoretischen“ Einstellungen (im Schema links) mit den „praktischen“ (im Schema rechts). In der Pluralität der „anderen“ Wissenschaften (und Künste und Tugenden) treten die Einstellungen auseinander. Begnügen wir uns vorläufig damit, in den unteren Geschoßen die vier oder fünf Einstellungen zu unterscheiden.                

Walter Seitter