τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 22. Februar 2013

Menschengestaltige Götter? (997b 11)

Wir kommen auf den religionskritischen Seitenhieb zurück, den Aristoteles zur Erläuterung seiner Platon-Kritik einschiebt, damit ihn auch die verstehen, die von Platon noch nicht so viel gehört haben, wohl aber von den Göttern – und das sind alle. Seine Aussage klingt durchaus nach asebeia, sodaß sie von interessierter politischer Seite gegen ihn verwendet werden könnte (nach dem Vorbild der seinerzeitigen Anklage gegen Sokrates). Sie richtet sich gegen diejenigen, die sagen, es gebe Götter, und zwar menschengestaltige (997b 11). Damit sind zweifellos die Götter der griechischen Volksreligion gemeint, die ja allgemein als „anthropomorph“ gelten: im Aussehen, welches uns ja durch die Bilddarstellungen überliefert ist, aber auch im Sprechen, Wollen und Verhalten, von dem uns die Mythen erzählen. Handelt es sich dabei nur um ihre Gestalten, um Erscheinungsweisen, denen eigentlich andersartige, also göttliche Wesenheiten zugrundeliegen (welche sich fallweise auch in anderen Erscheinungen zeigen können; besteht also ihre Göttlichkeit gerade in ihrer Metamorphose-Fähigkeit?)? Oder handelt es sich tatsächlich um „ewiggemachte“ historische Menschen, wie eine religionskritische Theorie in der Antike schon angenommen hat – oder eben um eine „platonische“, aber mit Namen und Geschichten angereicherte Verdoppelung der Menschen?

Beschränken wir uns auf die Annahme, daß Aristoteles die anthropomorphen Gottheiten der griechischen Volksreligion abgelehnt hat, so könnte das auf so etwas wie „Atheismus“ hinauslaufen. Oder aber im Gegenteil auf eine Kritik an falschen Göttern, denen eine göttliche Wesenheit, also eine andersartige morphe, ein göttliches eidos gerade fehlt. Aristotelischen Gottheiten müßte eine göttliche Wesensform eignen, die sich von der menschlichen unterscheidet. Ob diese Wesensform sich auch in einer anderen Erscheinungsform äußern müßte, sei jetzt einmal dahingestellt; tendenziell ja, denn der griechische Begriff von „Wesen“ impliziert eben auch die Begriffe eidos und morphe.

Den griechischen Göttern die Göttlichkeit absprechen, weil sie so menschlich daherkommen – das könnte auch so verstanden werden, daß ein anspruchsvoller Begriff von „Gott“ aufrechterhalten wird, wie er im jüdischen Monotheismus entwickelt worden ist, und der Gott nicht nur von den Menschen sondern sogar von der Welt überhaupt absetzt: als „ganz Anderen“, als „Transzendenz“, als „Absolutes“, als Unnennbaren und Undarstellbaren. Diese Begriffe zeigen bereits, daß der Gott des Monotheismus philosophische Begriffe nahelegen kann, die ihn von den bunten Göttergeschichten der Griechen weit entfernen. Derselbe Gott ist andererseits in den Quellen, in den Gründungstexten der jüdischen Religion, als sprechender, als fordernder, als befehlender , als beleidigter, als rächender, als auserwählender, als bündnisschließender, als versprechender, als zorniger, als barmherziger und so weiter und so weiter Gott dargestellt worden: also wiederum als menschlicher, um nicht zu sagen allzumenschlicher Gott. Bis er schließlich, und das ist die christliche (halb ägyptische und griechische) Fortsetzung der Judenreligion, offiziell und historisch zusätzlich Mensch geworden ist: Jesus (0-33). Da ist also ein richtiger Mensch „ewiggemacht“ geworden: entsprechend dem kritischen Diktum des antiplatonischen Aristoteles.

Das Göttliche bei Aristoteles sieht anders aus, wenn schon.

Walter Seitter