τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 18. April 2013

Krypto-Animismus und Physik


Zuerst Erinnerung an meinen Vortrag vom 10. April:

Morphismus, Energismus, Krypto-Animismus ....
Eine postaristotelische Glosse 

Von Philippe Descola: Jenseits von Natur und Kultur (Berlin 2011) beziehe ich einen heute üblichen Begriff von „Animismus“: Menschen schreiben Elementen der Umwelt – Tieren, Pflanzen und anderen – menschliche Merkmale wie Personalität, bewußtes Handeln zu und verhalten sich zu ihnen entsprechend. Die konträr entgegengesetzte Denk- und Verhaltensweise nennt Descola „Naturalismus“: sie habe sich nur im Abendland ausgebildet und durchgesetzt. Zu den Anfängen dieser Entwicklung zählt Descola auch die aristotelische Philosophie, da sie mit dem Wort „physis“ den Bereich der außermenschlichen Natur bezeichne; was sie aber nicht konsequent tut.

Ich greife das aristotelische Lehrstück „Hylomorphismus“ heraus: Zusammengesetztheit aus Stoff und Form, die für alle Dinge und Wesen gilt. Und ich isoliere das Element der Formursache und stelle fest, daß es dafür bei Aristoteles ungefähr neun Ausdrücke gibt: morphe, eidos, physis (jetzt als Bestandteil aller Wesen), logos, ousia, to ti estin, to ti en einai, energeia, entelecheia. Diese Synonyme heben jeweils unterschiedliche Nuancen des Formprinzips hervor. Die beiden zuletzt genannten steigern das Prinzip schon zu einiger Höhe. So daß man als höchste Version den Ausdruck psyche=Seele einsetzen kann. Die kommt allerdings nicht allen Seienden zu, sondern den zur Selbstbewegung fähigen, also den zoa (Menschen, Tiere, Pflanzen, Himmel). Die sind aber nur graduelle Steigerungen der anderen, der übrigen Wesen. Und insofern schreibe ich Aristoteles einen Fast- oder Krypto-Animismus zu.

Meine Feststellung der ungefähr zehn Synonyme beruft sich auf ein „Zusammenlesen“ vieler Textstellen bei Aristoteles. In der Sekundärliteratur habe ich sie nicht gefunden. Wenn sie stimmt, ist sie das Ergebnis eines „Sehens“, das sich aus Lektüren zusammensetzt, auch sehr wortwörtlichen, das aber auch ein darüber hinausgehendes oder ein durchwehendes Sehen ist, eben ein Seherblick. Lesen und trotzdem oder vielmehr mit dem: Sehen. Dieses Sehen, das unbedingt mit einem Sagen, einem irgendwie neuen Sagen zusammenhängt – das konstituiert meine Physik.

Die Physik und zwar die aristotelische steht im Mittelpunkt einer ausführlichen Rezension in der Süddeutschen Zeitung vom 16. April. Jürgen Busche über Martin Heidegger: Seminare. Platon-Aristoteles-Augustinus. Hg. Von M. Michalski (Frankfurt 2012). Heidegger-Seminare von 1929 bis 1952 werden da dokumentiert: aufgrund von Heideggers persönlichen Notizen sowie von Protokollen seiner Schüler. Nach der Aufhebung des Lehrverbotes führte Heidegger drei Semester „Übungen im Lesen“ durch, die sich bezeichnenderweise auf die aristotelische Physik bezogen, also das Buch, das man nicht unbedingt mit Philosophie verbinden möchte (siehe die Protokolle vom 26. und vom 29. November 2012). Wenn diese Übungen tatsächlich so stattgefunden haben wie angekündigt, dann haben sie mit dem Üben im Lesen „Physik“ im aristotelischen Sinn gelehrt. Denn der lautet: sagen was man wahrnimmt (Met. 1037a 13f.)

Dann wirkt Aristoteles tatsächlich bis ins 20. und 21. Jahrhundert nach Christus.

Am späteren Abend dann noch ein Vortrag über ein interessantes Buch: Bernhard Lang: Jesus der Hund.Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers (München 2011). Die auf Sokrates zurückgehende griechische Philosophenschule der Kyniker soll auf den jüdischen Kulturraum schon vor Jesus eingewirkt haben, mit den Propheten Elias und Johannes als Protagonisten. Die Lehre Jesus lasse sich nur in diesem Kontext verstehen – womit allerdings kirchliche Dogmatik in Frage gestellt werde. Diese Thesen stehen neben denjenigen des Buches Bruno Delorme: Le Christ grec. De la tragédie aux évangiles (Montrouge 2009) – auf das wir während der Poetik-Lektüre gestoßen sind.

Walter Seitter