τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 21. Juni 2013

In der Metaphysik lesen (1000a 5 – 1000a 24)


Wir greifen auf den Satz in 999b 24 zurück; auf den Schlußteil des Satzes, der „nur“ ein Fragesatz ist, „und wie ist das Konkrete diese beiden (nämlich die Wesenheit und der Stoff)?“; und interessieren uns nur für die grammatische Form des Satzes: Subjekt im Singular, Prädikatsverb im Singular und Prädikatsnomen im Plural (obwohl nur zwei und nur pronominal ausgedrückt). Im Deutschen müßte das Prädikatsnomen ebenfalls im Singular stehen: Subjekt und Prädikatsverb „regieren“ oder „fixieren“ die Zahl des Prädikatsnomen. Im Griechischen hingegen kann das Verb „sein“ sich so dehnen oder spreizen, daß es den Übergang vom Singular zum Plural vermittelt. Allerdings handelt es sich hier um einen „schwachen“ Plural, einen Neutrum-Plural und der regiert auch als Subjekt die Singularform des Verbs. Die asexuellen Dinge werden nur als „ein Ding“ behandelt: als ein Sachverhalt, als eine Menge von Dingen. Es sieht so aus, als hätten die asexuellen Dinge eine viel schwächere Eigenheit: für die Satzbildung verschmelzen sie immer schon zu einem Gesamten.

Was hier von der griechischen Sprache gesagt wird, geht in dieselbe Richtung, die Aristoteles mit seinen Ausführungen über Zahl und Art der Prinzipien andeutet (9. Aporie): daß das antike Denken – ob nun aristotelisch oder allgemein-sprachlich – in manchen Punkten von dem unsrigen dermaßen abweicht, daß es für uns nur schwer zugänglich ist. Im übrigen handelt es sich hier um die Explikation einer Aporie, nicht um deren Beantwortung.

10. Aporie: haben die vergänglichen und die unvergänglichen Dinge dieselben Prinzipien? Der Schule um Hesiod und den Theologen hält Aristoteles vor, sie hätten nur bedacht, was ihnen selber glaubhaft schien und wenig Rücksicht auf uns genommen. Da zwischen ihnen und „uns“ mindestens zwei oder drei Jahrhunderte liegen, erscheint die aristotelische Rüge doch sehr streng. Sie scheint vorauszusetzen, daß es damals schon möglich gewesen wäre, über die seinerzeitigen Denkgewohnheiten hinauszugehen: also unvergängliche Denkleistungen zustandezubringen – hier darf, nein muß man an die Mathematik denken. Was sie gerade mit ihren Annahmen über die ewigen Götter nicht taten – so Aristoteles. Falls diese in ihrem göttlichen Sein von Nektar und Ambrosia abhängig waren, wären diese beiden Nahrungsmittel „Ursachen“ der Götter gewesen. Da sieht Aristoteles eine Unstimmigkeit: solche Götter können gar nicht ewig sein.

Dem Einwand ließe sich entgegenhalten, daß die Götterspeisen in einem ewigen Kosmos ewig kopräsent bzw. „nachwachsend“ zu denken wären. Und bzw. aber: die Autarkie und die Allmacht, ganz zu schweigen von der Ewigkeit der Götter: das waren schon in jener Volksreligion Huldigungsübertreibungen, die einerseits notwendig waren, um die Götter zu erhalten (die also auch von den Menschen abhängig waren), die andererseits aber nie ganz stimmten.

In einem seiner vielsagendsten Texte, im Kapitel „Vom Barock“ im Seminar XX, macht Lacan den Göttern das Kompliment, sie seien doch „einigermaßen beständige Repräsentationen des Anderen“ gewesen. Also des sogenannten großen Anderen, welches bei Lacan die eher dürftige Repräsentation des Göttlichen ist. Aber mehr und mehr hat Lacan beim großen Anderen Abstriche gemacht: es gebe keine Metaebene und keine Garantie für diesen Anderen – der nichts sei als das Extrem, welches den Menschen aus seiner sogenannten Identität heraustreibe und zum Subjektsein zwinge.


 Walter Seitter