τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 5. Dezember 2013

In der Metaphysik lesen (1002b 12 – 29)


In der letzten Stunde haben wir unterschieden zwischen „Wesen“ im Sinn von Wesensform, Wesenheit und „Wesen“ im Sinn von Lebewesen, aktiver und beinahe personaler Einheit. Im Sprachgebrauch unterscheidet man: Wesen haben, Wesen sein. Im Protokoll wird die Analogie zu Jacques Lacans ähnlich klingendem Sprachgebrauch hergestellt: Phallus haben, Phallus sein. Den Phallus zu haben ist in erster Linie Sache des Mannes, während es der gewöhnlichen Ansicht nach der Frau zukommt, den Phallus nicht zu haben. Das sexualtheoretisch kompetente Kind weiß, daß es die Liebe der Mutter erlangen kann, wenn es selber „Phallus sein“ könnte, was es daher zu glauben geneigt ist. Allerdings meint Lacan mit „Phallus“ nicht nur das positive männliche Geschlechtsorgan, sondern auch dessen Fehlen, das bei der Frau angeblich durch Kastration zustande gekommen ist – die jedoch auch dem Mann nicht erspart bleibt: Phallus heißt auch die vom Gesetz des Vaters verfügte „Kastration“ und diese trifft alle positiven Phallus-Verhältnisse – auch das imaginäre Phalllus-Sein, welches die Frau aus der Kindheit beibehält. Dennoch „schneidet“ die Frau in diesem Hin und Her aus Phallus-Haben und -Nichthaben und Phallus-Sein und -NichtSein letztlich „besser“ ab – mit ihrem „Mehrgenießen“ bleibt ihr „Mehr-Phallus“. Und Lacan wird mit all seinem Phallo- und Kastrationszentrismus zu einem insgeheimen aber aber radikalen Feministen.

Steht auch das aristotelische Wesen – ein doppeltes Wesen – unter dem Gesetz einer analogen „Kastration“ – also Bestreitung, Aufhebung, Vernichtung? Die Philosophiegeschichte scheint in diese Richtung zu gehen: Nominalismus und Positivismus, Nietzsches Aggressionen und Wittgensteins vorsichtiger Pragmatismus (wonach die Bedeutungen der Wörter nur auf ihrem Gebrauch beruhen): sie alle bestreiten die Möglichkeit von Wesensbehauptungen.

Dennoch sei die Frage aufgeworfen, ob sich für die Analogisierung zwischen Wesen und Phallus auch inhaltliche Gründe nennen lassen: haben die beiden Begriffe auch sachlich etwas gemein?  Herkömmlicherweise gilt der Phallus als Eigentümlichkeit und insofern Wesenskern des Mannes. Nach Lacan ist er die Eigentümlichkeit von Mann und Frau – also des Menschen. Und diese Rolle teilt ihm sogar die Biologie zu, sofern man ihn mit den Keimzellen assoziiert, die sich – wie wir heute wissen – auch bei der Frau finden. In jeder Keimzelle liegt die Wesensform des Menschen (und die Keimzellen funktionieren nur, indem sie ausgeschieden also weggenommen werden). Die Fortpflanzung ist ein massives Phänomen, das den Wesensbegriff stützt. Aristoteles war ja nicht umsonst hauptberuflich Zoologe.

Der gelesenen Passage entnehmen wir nur die Auskunft, daß sich die drei Ebenen der sinnlichen Dinge, der mathematischen Objekte und der Formursachen quantitativ so unterscheiden, daß auf der ersten Ebene sehr viele Einheiten, auf der zweiten Ebene viel weniger und auf der dritten Ebene noch weniger Einheiten gezählt werden.

Walter Seitter


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Sitzung vom 4.12.2013