τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 17. Januar 2014

In der Metaphysik lesen (1003b 11 – 23)

Wir kommen auf das Sammelsurium von Bestimmungen zurück, denen Aristoteles das Prädikat „seiend“ zuspricht: nämlich dem Wesen oder der Substanz und dann einigen Akzidenzien (aus der Kategorientafel) sowie einigen „Superakzidenzien“ wie Entstehung, Vernichtung, Verneinung. Worauf laufen diese Bestimmungen hinaus? Sie bilden einen Gegensatz, ja eine Gegenfront zum Wesen und im Unterschied zu den Akzidenzien ordnen sie sich ihm keineswegs unter sondern stehen ihm gleichrangig gegenüber, da sie ja sogar über es verfügen – so die Entstehung und die Vernichtung. Wir können diese Gegenfront als Wechselfälle, als Schicksal, als Dramatik bezeichnen oder mit dem neuphilosophisch-pathetischen Singular „Ereignis“. Zwar würde Aristoteles auf die Frage, vom wem die Erzeugung oder die Vernichtung eines Wesens ausgeht, wieder auf ein Wesen verweisen: entweder auf dasselbe oder auf ein anderes. Damit wären wir bei der Tatsache „Leben“ oder in der Situation „Krieg“. Das heißt nicht, daß Aristoteles den Vorrang des Wesens aufgibt, aber er faßt ihn so weit, daß auch das Gegenteil der Fall sein kann: das Wesen ist etwas so Großzügiges, daß auch der „Fall“ vorkommen kann und unter es fällt.

Die Spannweite dieses Spektrums wird aufgemacht, um die Flexibilität des Begriffes „seiend“ zu verdeutlichen und die Möglichkeit, daß eine einzige Wissenschaft diese ganze Spannweite behandelt. Das geht also in die Richtung einer „Einheitswissenschaft“, die unterschiedliche Phänomene behandelt. Aber keineswegs „alle“ Phänomene: denn für die Phänomene (und Erzeugungen und Vernichtungen) der Gesundheit ist wiederum eine andere Wissenschaft zuständig (die indessen anders konzipiert ist als die moderne Medizin, welche sich um die Krankheit dreht).

Sodann führt Aristoteles die Spezifizität einer jeden Wissenschaft auf eine spezifische Sinneswahrnehmung zurück, womit er die epistemologische Stufung vom Anfang des I. Buches aufgreift und nun sogar in die Konzipierung der „gesuchten Wissenschaft“ einbezieht. Eine empiristische oder sensualistische oder positivistische Volte? Die sinnlichen Basisdaten der Grammatik, das sind alle Laute. Welche sind die sinnlichen Basisdaten der Gesundheitswissenschaft? Die gesuchte Wissenschaft ist gattungsmäßig eine: sie teilt sich aber in Wissenschaftsarten, welche die Arten der Seienden (als solcher) zu untersuchen hat. Diese Wissenschaft scheint sich also logisch in gattungsmäßig Einheitswissenschaft und spezielle Wissenschaftsarten zu gliedern. Ist ihre Einheitlichkeit schwächer als die der Grammatik oder der Gesundheitswissenschaft? Außerdem läßt sich die Frage stellen, wo denn die sinnliche Basis dieser Wissenschaft bzw. dieses Wissenschaftskomplexes liegt. Wo ist das Seiende (als solches!) sichtbar, hörbar usw.? Wie die verschiedenen Arten dieses Seienden? Sind die Arten die oben genannten Akzidenzien bzw. Superakzidenzien?

Walter Seiter

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Sitzung vom 15. Jänner 2014