τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 23. Januar 2014

In der Metaphysik lesen (1003b 23 – 1003b 33)

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Franco Moretti hat der Methode des close reading (wort-wörtliches Lesen) eine sogenanntes distant reading entgegengesetzt, das dazu befähigen soll, „über Bücher zu reden, ohne sie gelesen zu haben“. Unsere Poetik-Lektüre versuchte sich in der erstgenannten Richtung. Unser Lesen „In der Metaphysik“ unterscheidet sich nicht nur dadurch, daß wir Sekundärliteratur nicht heranziehen, sondern womöglich auch dadurch, daß wir das Lesen durch ein „Sehen“ ergänzen wollen, das im Text eine Aktion sieht, in der verschiedene Vorgangsweisen auffallen und benannt werden können. Nicht Nicht-Lesen, sondern Lesen und Sehen. Schauen, was in diesem Text gemacht wird, um was für ein Unternehmen es sich handelt: Unternehmensanalyse, Betriebsspionage (BWL).

Zuletzt lasen wir den erstaunlichen Satz, daß jeder Gattung (von Seienden) eine bestimmte Wissenschaft zugeordnet ist und jeder Wissenschaft eine Sinneswahrnehmung (1003b 20). Und als Beispiel nannte Aristoteles die Grammatik mit den Lauten als sinnlichem Gegenstand. Zunächst dürfen wir darüber erstaunen, daß er der Grammatik als Schreibkunde (Wie schreibt man richtig?), also der Sichtbarmachung von Sprache die Laute zuordnet, die ja akustisch wahrgenommen werden. Schrift und Sprache werden da irgendwie identifiziert. Sodann können wir fragen, ob er mit den Lauten nur die Einzellaute meint oder auch die Zusammensetzungen, die Lautfolgen wie Wörter, Sätze. Wir dürfen letzteres annehmen, weil damit die Verbindung zum heutigen Sinn von „Grammatik“ möglich wird.

Aus der allgemeinen Aussage über Gegenstand, Wissenschaft, Sinneswahrnehmung scheint indessen die Schlußfolgerung möglich, daß auch der Ontologie als Wissenschaft vom Seienden als Seienden eine bestimmte Sinneswahrnehmung zugeordnet sein müßte. Welche mag das sein? Das Denken? Ist das Denken eine Sinneswahrnehmung? Am ehesten fällt einem die alte griechische Vorliebe fürs Sehen ein, die anscheinend auch bei der Erfindung der Philosophie (einer ausgezeichneten Form von „Denken“) mitgewirkt hat, als sie mit der „Theorie“ gleichgesetzt worden ist und als ihre vornehmsten Gegenstände die „Ideen“ („Sichten“) aufgestellt worden sind. Sollen wir also die der Ontologie entsprechende sinnliche Wahrnehmung in einer Art von Sehen suchen, in einem platonischen Mehr-Sehen? Dagegen spricht immerhin, daß Aristoteles bei der als Beispiel eingeführten Grammatik auf die hörbaren Laute setzt. Können wir das Denken selber als „Wahrnehmen“ betrachten? Wir kommen auf Bestimmungen des Denkens als Erstaunen, Zweifeln – das sind gewissermaßen Selbstempfindungen. Denken als Fragen, als Selbstgespräch – wir kommen in die Nähe des Sprechens. Ist Sprechen eine Wahrnehmung? Eher eine Wahrgebung. Andere Wahrgebungen: singen, zeigen, zeichnen, malen, schreiben, musizieren, publizieren (aus dem Publizistik-Seminar ging seinerzeit das Klossowski-Seminar hervor). Das griechische Wort, das häufig mit „denken“ wiedergegeben wird, heißt noein – und das heißt eigentlich so etwas wie wahrnehmen (laut Motto der Hermesgruppe); denn es hängt etymologisch mit Nase, folglich semantisch mit riechen, spüren zusammen.

Wir verschieben die Frage auf diejenige, ob es bei Jacques Derrida oder Michel Foucault so etwas wie eine „Ontologie der Sprache“ gibt: also eine Regionalontologie zur Einzelwissenschaft der Grammatik (Linguistik).
Aristoteles scheint nun so in die Ontologie einzusteigen, daß er behauptet die Bestimmungen „seiend“ und „ein“ seien zwar begrifflich unterschieden, der Sache nach aber ein und dieselbe – allerdings nicht nur diese beiden sondern auch das Fehlen solcher Bestimmungen sei der Sache nach eine selbe Bestimmung (!). Das heißt nicht, daß „seiend“ dasselbe ist wie „nicht-seiend“ oder „ein“ dasselbe wie „kein“ – sie bedeuten nur dasselbe wie          . Dies aber auch nur in ganz bestimmten Kontexten wie demjenigen, den er mit „Mensch“  konstruiert. 

Walter Seitter


Sitzung vom 22. Jänner 2014