τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 27. Januar 2014

Metaphysik oder ......

Heute ist Mozarts Geburtstag, aber diese Glosse ist einem anderen wichtigen Thema gewidmet.

Wir haben darüber gesprochen, ob die „gesuchte Wissenschaft“ besser „Metaphysik“ oder „Ontologie“ genannt werden soll. Die in den Jänner-Sitzungen gelesenen Seiten schienen eher die Bezeichnung „Ontologie“ nahezulegen. Zuletzt aber konnte die Frage auftauchen, ob diese Ontologie nicht doch bloß in der Wiederholung selber Wörter, also in Tautologie, oder aber in Analyse des gewöhnlichen Sprachgebrauchs bestehe: Ordinary Language Philosophy.

In der griechischen Tageszeitung Kathimerini erschien gestern wieder ein Artikel von dem vielleicht bereits erwähnten Philosophen Christos Giannaras, der sich wieder einmal mit der griechischen Krise beschäftigt – dies aber aus einer bestimmten geopolitischen und geistespolitischen Perspektive. Ich zitiere einige Sätze aus dem Aufsatz, der den Titel trägt „Warum ein ‚Dänemark des Südens’ unrealisierbar ist“.

Das grundlegende Element des neueren westlichen Paradigmas ist sein kämpferisch „naturalistischer“ Charakter: die Notwendigkeit, daß sich die Menschen von dem Vorrang der Metaphysik in ihrem Leben befreien.

Der Mensch des Westens ist dadurch erwachsen geworden, daß ihm die Physik genügt; er braucht keine Metaphysik. Die Logik der Natur und die Fähigkeiten der Natur (vor allem die menschliche Erkenntnis) führen dazu, daß wir unsere Notwendigkeiten und Wünsche so organisieren, daß wir von apriorischen „Wahrheiten“ und Voreingenommenheiten frei sind. Die Praktiken des Lebens werden materialistisch; die Notwendigkeiten und Triebe folgen der Selbsterhaltung.

Die mittelalterliche Metaphysik des Westens war religiös – und gleichzeitig ums Individuum zentriert: sie beförderte den Ich-Trieb des „individuellen Heils“. Die Neuzeit lieferte diesem Heil ihr eigenes historisch-materialistisches Verständnis, behielt aber die individualistische Richtung bei. Die beiden historisch-materialistischen „Heils“-Praktiken, welche die Neuzeit ausbildete, waren die unbeschränkte Unternehmerfreiheit des Individuums oder aber die Sicherung des Individuums mithilfe einer zentralistischen Wirtschaftsorganisation: Kapitalismus, Sozialismus.

In Griechenland ist das neuzeitliche Paradigma eklatant gescheitert, denn wir haben es nicht um unserer pragmatischen Notwendigkeiten willen gewählt, sondern einfach aus Wichtigtuerei wollten „wir auch Europäer werden“. Diese Wahl war das Ergebnis des sogenannten Neohellenismus, der uns suggeriert hat, wir müßten an der Dynamik der Geschichte teilhaben.

Unsere Situation war jedoch grundlegend anders als im Westen: wir kannten kein Mittelalter; als die barbarischen Völker die römische Herrschaft auflösten und den Westen in den Primitivismus stürzten, fand sich die griechisch-römische „Ökumene“ auf dem Gipfel ihrer kulturellen Errungenschaften. Die metaphysische Suche (Forschung) führte zu hervorragenden Ergebnissen in Politik, Kunst, Philosophie. Die „Volkskirche“, die „Kirche der Gläubigen“ gab das Griechentum nicht auf zugunsten einer individualistischen „Religion“. Deshalb hat das „Schisma“ die griechische Welt kaiser(schnitt)lich vom barbarischen Westen getrennt.

All dies ist vergessen. Wir nennen uns zwar noch Griechen, haben jedoch den griechischen tropos (modus vivendi, modus operandi ....) aufgegeben, um eine „Kultur“ nachzuäffen, die unseren Notwendigkeiten nicht entspricht. Wir bringen nicht einmal ein bißchen protestantische Ethik auf, um den Primitivismus unserer gegenwärtigen Anführer zu zähmen ...
 
Walter Seitter