τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 20. Februar 2014

In der Metaphysik lesen (1004b 18 – 1005a 18)


Wieso subsumiert Aristoteles die „gesuchte Wissenschaft“ unter die theoretischen Wissenschaften – neben und über Physik und Mathematik? Weil sich diese Wissenschaften mit Sachen beschäftigen, die so sind, wie sie sind – unabhängig vom Tun der Menschen. Die poietischen und die praktischen Wissenschaften beschäftigen sich mit dem Tun der Menschen – und zwar im Hinblick darauf, daß dieses Tun möglichst gut vonstatten gehen soll: zum einen das Herstellen von guten Dingen (im weiteren Sinn), zum andern das Gelingen von guten menschlichen Verhältnissen.

Die adverbialen Bestimmungen „gut“ oder „schlecht“ gibt es jedoch auch im Feld der theoretischen Wissenschaft. Schlechte Physiker, schlechte Mathematiker erkennt man daran, daß sie keine „wahren“ Aussagen auf ihren Gebieten zustandebringen, vielleicht sogar falsche vorbringen. Auf diesen Gebieten wird das aber nur in der Schule eine Rolle spielen – und mit schlechten Noten geahndet. Bei den Erwachsenen haben die einfach keine Chance und werden rücksichtslos eliminiert bzw. ignoriert. Es sei denn, in diesen Wissenschaften bricht eine sogenannte Grundlagenkrise aus, es tauchen neue Axiome auf, es kommt zu neuen, zu anders gearteten Ergebnissen, die man nicht mehr ignorieren kann, und die sich schließlich sogar durchsetzen. Dabei handelt es sich um Vorgänge, die man nicht hochspielt, denn man möchte es mit sicherer „Normalwissenschaft“ zu tun haben. Allerdings läßt sich nicht verschweigen, daß es also doch in der Mathematik gute und sogar sehr gute Fachverteter gibt: die guten bewähren sich in der Normalwissenschaft, die sehr guten gründen neue Normalwissenschaften. Soll man „gut“ und „schlecht“ hier poietisch oder praktisch verstehen? Eher wohl poietisch, was impliziert, daß in theoretischen Wissenschaften nicht nur „betrachtet“ wird sondern auch etwas getan wird: es wird gesagt, diskutiert, es wird handwerklich gebastelt und experimentiert, es wird geschrieben. Hatte die Antike für diese Seite der theoretischen Wissenschaften irgendwelche Begriffe oder gar (Sub)Disziplinen? Ansatzweise sehr wohl, auch wenn sie kaum mit den theoretischen Wissenschaften in Verbindung gebracht wurden: die Disziplinen Logik (Denklehre), Dialektik (Argumentationslehre), Rhetorik (Redekunstlehre), Grammatik (Schreibkunde). Die Heuristik als Erfindungskunstlehre war in der Antike nicht sehr ausgeprägt, sie findet sich in den genannten Disziplinen, auch in der aristotelischen Topik.

Die Philosophie war schon in der Antike diejenige Wissenschaft, in der die Qualifizierungen „gut“ oder „schlecht“ eine große Rolle spielten, weil da die unterschiedlichen und feindlichen Richtungen  ständig koexistierten, ohne einander eliminieren zu können. Manche Richtungen wurden jedoch von anderen (und einflußreichen) sehr wohl verbal eliminiert und als „Nicht-Philosophen“, sogar „Anti-Philosophen“ etikettiert.

In unserem Text liefert Aristoteles, der doch im Buch I mit manchen Schulen unsanft aber doch diskussiv umgegangen war, ein Beispiel für polemischen, genaugenommen, eliminierenden – immerhin nur verbalen – Umgang mit feindlichen Schulen: Dialektiker und Sophisten. Sie beschäftigen sich mit den Themen der Philosophen, sind daher direkte Konkurrenten. Aber wodurch unterscheiden sie sich? Aristoteles verzichtet darauf, ihne falsche oder fragwürdige Aussagen nachzuweisen. Das hat er ja gelegentlich mit Pythagoräern und ähnlichen getan. Hier argumentiert er auf der Ebene des Verhaltens. Den Sophisten hält er sehr pauschal vor, daß sie nur zum Schein Philosophen sind, das heißt sie sind bloße Nachahmer. Ähnlich die Dialektiker, die über alles diskutieren, die alles versuchen, also vielleicht alles „andiskutieren“. Also eine gewisse Nähe zur „gesuchten Wissenschaft“, die ja eine suchende ist und sich durch die Aporien durcharbeiten will.

Aristoteles deutet die Unterscheidung an, indem er auf der Seite des Philosophen einige Punkte nennt: die Philosophie unterscheidet sich von der Dialektik „durch die Wendung des Vermögens“. „Wendung“ (tropos) ist genau das Wort, das Giannaras (allerdings gegen eine bestimmte westliche Substanz-Auffassung) vorgebracht hat. Was heißt hier „Wendung“? Es muß wohl eine bestimmte Wendung sein und nicht ein Sich-Wenden je nach dem Wind. Die Formulierung verweist auf eine Entscheidung und die geht in die Richtung von „Erkenntnis“. Die Unterscheidung der Philosophie von der Sophistik liegt in der „Wahl des Lebens, der Lebensweise“, geht also deutlicher in die Richtung eines „Praktischen“. Soll wohl heißen, daß die Entscheidung fürs Erkennen auch das Umfeld der praktischen Bedingungen und Konsequenzen einbezieht (was möglicherweise so etwas wie praktische Wissenschaft oder Philosophie impliziert) – gegen ein total „freies“ Herumtheoretisieren.

Mit den oben genannten „artes liberales“ war die Philosophie in die Nähe des „Poietischen“ gerückt worden. Nun hat aber Aristoteles schon im Buch I betont, daß die gesuchte Wissenschaft keine poietische ist (982b 11). Warum muß er das betonen? An der Stelle vielleicht, weil er gerade ausführt, daß zu den ersten Prinzipien und Ursachen, die zu betrachten sind, auch das Gute und das Weswegen gehören: die aber verweisen in die Dimension des Praktischen (im weiteren modernen Sinn). Noch weiter vorn war ausführlich von den Künsten die Rede gewesen, welche im stufenweisen Aufbau der Erkenntnisleistungen eine große Rolle spielen. Aber da hat Aristoteles die theoretischen Wissenschaften über die poietischen gestellt.

Walter Seitter

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Sitzung vom 19. Februar 2014