τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 27. Februar 2014

In der Metaphysik lesen (Ontologie der Sprache)

Die Definition der gesuchten Wissenschaft als Ontologie im Buch IV geht bei Aristoteles mit einer gewissen „Verschärfung“ Hand in Hand – so jedenfalls im Umgang mit „anderen“ Philosophen. Ausgerechnet in diesem Buch findet sich auch die ziemlich sensualistische Aussage, daß jede Wissenschaft in einer Gattung von sinnlich wahrnehmbaren Elementen ihre Basis habe: für die Grammatik seien das die Laute (1003b 21). Gilt das auch für die Ontologie? Wo könnte diese ihre sinnlichen Elemente haben?

Anstatt diese Frage in dieser extremen – und wohl eher aussichtslosen Weise – zu stellen, machen wir einen Kompromiß zwischen Ontologie und „Grammatik“, denken uns eine „Ontologie der Sprache“, also eine Wissenschaft, die von Elementen der Sprache ausgeht, welche sie „ontologisch“ faßt: also als Seiende als solche – analog zum aristotelischen Seienden, das ja „absolut“, also losgelöst, thematisiert wird.

In der Archäologie des Wissens (Frankfurt 1973) erprobt Michel Foucault eine Sprachphilosophie, der man „ontologischen“ Charakter zusprechen kann. Er geht nicht von den Lauten aus, jedenfalls nicht von den Einzellauten, die ja noch keine Bedeutung haben. Auch nicht von den kleinsten Einheiten, die schon Bedeutung haben, also den Wörtern. Sondern von der kleinsten Einheit mit der vollen Bedeutung von Sprechen, Mitteilen, Aussage. Aristoteles nennt das in der Poetik „logos“ – womit allerdings auch größere Ensembles gemeint sein können, wie etwa ganze Dichtwerke.

Foucault nennt dieses Niveau „Aussage“, wenn er die kleinste Einheit betrachtet, oder „Diskurs“, wenn er größere Ensembles im Auge hat. Allerdings geht es ihm darum, innerhalb der sprachlichen oder sonstwie kundtuenden Tätigkeiten bzw. Tatsachen die elementarste Ebene herauszuarbeiten, was er mit großer Umständlichkeit und mit unaufhörlichen Abgrenzungen auch tut. Diese Ebene ist die minimalste: nämlich das bloße „es gibt“ von sprachlichen oder ähnlichen Akten, die Instanz ihres Erscheinens im ständigen Widerspiel mit dem noch nicht und dem nicht mehr ihres Erscheinens: also Auftauchen, Existenz, Verschwinden (161ff., 243, 249). Entspricht dieses Niveau dem, was Aristoteles mit der Betrachung des Seienden als Seienden meint? Wohl nicht in dem Sinn, daß diese Betrachtung ständig auf das „Wesen“ bezogen bleibt. Wohl aber in dem Sinn, daß alle Seinsmodalitäten, auch die negativen und die konträren einbezogen werden. Mit dem Widerspiel von Sein und Nicht-Sein (der Sprache) habe ich jedoch nur einen Punkt, vielleicht den zentralen, des Eigentümlichen der Aussage genannt. Foucault spinnt darum herum ein ganzes Netz aus Korrelierungen, die insgesamt dann doch so etwas wie das Wesen zusammensetzen: aber eines, das nicht von vornherein gegeben ist und alles bestimmt, sondern eines, das mühsam und ständig gefährdet und ständig transformierbar zu eruieren ist.

Damit klingt schon an, daß es mit der Erkennbarkeit dieser Aussage nicht sehr gut steht. Keine Spur von sicherer Wahrnehmbarkeit, wie sie etwa den Lauten, den Sätzen, den Texten eignet. Da es um deren bloßes „es gibt“ geht, um das pure und minimale Aufscheinen, schwankt sie zwischen Verborgenheit und Sichtbarkeit. Da sie andererseits ständig und selbstverständlich irgendwie da ist, wird sie umso leichter übersehen (analog zu den doch massiven Tatsachen des Lichtes, der Luft).

„Man bedarf einer bestimmten Wendung des Blicks und der Haltung, um sie erkennen und an ihr selber ins Auge zu fassen können.“ (161).
Die epistemologische Voraussetzung der Ontologie wird von Foucault genau mit derselben „Wendung“ formuliert, wie Aristoteles das tut: nur daß dieser die Wendung generisch-allgemein formuliert: „Wendung des Vermögens“ (zur Abgrenzung des Philosophen von den „Dialektikern“ – das sind die diejenigen, die die Methode des Diskutierens verabsolutieren). Mit Diskutieren, Rechthaben, Wortspielen allein kann man die ontologische „Einstellung“ nicht erlangen (auch wenn man sich verbal ganz darauf festlegt, was die Dialektiker offensichtlich tun). Es gilt aber auch etwas Gegenteiliges bei Aristoteles: er tut nicht so, als wäre diese „Ontologie“ die einzig wahre Einstellung. Erstens bildet sie nur eine Linie innerhalb der gesuchten Wissenschaft. Und zweitens gibt es auch noch viele andere Wissenschaften – zum Beispiel von der Sprache die Grammatik.
In seinen späten Jahren hat Foucault noch eine ganz andere Spielart von „Ontologie der Sprache“ entworfen, die noch stärker das Tun, das Ereignis des Sprechens vor dem Hintergrund des Nicht-Sprechens abzeichnet. Das Sprechen in riskanten Situationen, wo das Nicht-Sprechen „leichter“, jedenfalls bequemer, ja sogar weniger gefährlich wäre. Wo die bekannte ontologische Grundfrage so umformuliert werden muß: Warum soll ich hier und jetzt etwas sagen und nicht vielmehr, nicht viel lieber – nichts? Siehe dazu Michel Foucault: Diskurs und Wahrheit. Die Problematisierung der Parrhesia (Berlin 1996).

Bei Foucault jedenfalls, vielleicht aber auch bei Aristoteles, ist die „Ontologie“ eine Krisen-Angelegenheit. 

Walter Seitter


Sitzung vom 26. Februar 2014