τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 2. Mai 2014

In der Metaphysik lesen (1006b 12 – 1007a 35)


Aristoteles nennt das Axiom des Buches IV das sicherste Prinzip des Syllogismus (1005b 5f.): es ist ein Satz und als Prinzip bezieht es sich auf die Ableitung von Sätzen – insofern gehört es in den Bereich der Logik. Doch führt er es ein, weil es sich auf alle Seienden bezieht und auf das Seiende als solches. Insofern gehört es in die Reihe der Bestimmungen, die sich auf das Seiende als seiendes beziehen. Und meine Aussage, die ontologischen Bestimmungen hätten mit den Prinzipien und Ursachen direkt nichts zu tun, muß relativiert werden. Sie kann nur insofern aufrechterhalten werden, als es nicht zu den seinsmäßigen Ursachen und Prinzipien gehört (die bei Aristoteles letztlich die theologische Dimension eröffnen). 

Ein logisches Prinzip ist bei Aristoteles nicht nur ein logisches: logisches Reden bezieht sich auf die Realität und gelegentlich erläutert Aristoteles das Axiom so, daß ein Etwas dieses Etwas ist und nicht etwas anderes, zumeist aber so, daß eine Aussage von etwas bzw. über etwas eine Aussage von diesem Etwas bzw. über dieses Etwas sein muß. Wenn eine Aussage sich diesem Zwang oder diesem Gesetz entzieht, dann wird sie tatsächlich dafür „bestraft“ – und zwar damit, daß sie gar keine Aussage ist (sozusagen eine automatische Todesstrafe). Wir könnten von einem „Identitätszwang“ sprechen, der sich aber nicht so auf die Realität bezieht, als gäbe es nur eine einzige ständige und ständig identische Realität und alles andere wäre bloßer Schein: Parmenides.  Nur die einzelnen Aussagen müssen sich jeweils als identische durchhalten – um über die Vielheit der Realität, über die vielen Realien etwas sagen zu können. Sie können z. B. über ein Reales sagen, daß es mit seiner Realität nicht weit her ist, daß es bereits im Zustande des Vergehens ist und bald überhaupt nicht mehr existieren wird: eine solche Aussage wäre wohl eine „ontologische“ im Sinn von „ontodramatische“. Sie könnte jedoch oder sollte sogar mit eindeutigen Begriffen operieren – es gibt ja nicht nur die Begriffe „seiend“ oder „Wesen“ sondern auch die Begriffe „entstehen“, „vergehen“, „potenziell“, „nicht seiend“ (ouk on), gar nicht sein dürfend (me on) usw. Die Dichter hingegen dürfen ja sollen bestimmte Sachverhalte mit „unpassenden“ Ausdrücken bezeichnen – aber sie müssen das können, sonst machen sie sich lächerlich. Wenn sie das nicht können, sollten sie sich der normalen Umgangssprache bedienen. Aber auch die kennt eine Steigerungsstufe: die wissenschaftliche, die philosophische Sprache (die kann wiederum mehr ins Poetische gehen wie bei Platon, oder mehr ins Logische wie bei Aristoteles).

Walter Seitter


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Sitzung vom 30. April 2014