τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 3. Mai 2014

In der Metaphysik lesen, Nachtrag


Lese ich weiter, so sehe ich (es ist ein Glück wenn man auch beim Lesen etwas sieht, denn dann kann man vom Gelesenen berichten, ohne die gelesenen Wörter wiederholen zu müssen), daß Aristoteles nicht aufhört, sein Axiom, den Satz vom auszuschließenden Selbstwiderspruch, zu erläutern bzw. zu verteidigen, von dem er behauptet hat, es gehöre zum Seienden als seienden und es sei das allersicherste Prinzip (und zwar ein Sag-Prinzip) und es sei nur indirekt beweisbar (welchen Beweis Aristoteles gerade mit der Einbeziehung der Widerrede führt). Als theoretischen Gegner nannte Aristoteles zunächst, wenn auch nur vorsichtig, den berühmten vorsokratischen Philosophen Heraklit. Dann nennt er den theoretischen Gegner namenlos „Gegenredner“ und macht ihn zwischendurch lächerlich durch den Vergleich mit der Pflanze. Sodann bezieht er sich auf „viele der Naturphilosophen“. Seine Ausführungen halten sich auf der Ebene der Logik, ja der Linguistik und insofern heben sie sich einigermaßen deutlich von der Einführung der Forschungsrichtung, die ich als „Ontologie“ bezeichne, ab. Die recht polemische, aber auch immer detaillierter und ausholender werdende Argumentation versteift sich darauf, die bekannte aristotelische, wohl auch schon platonische Unterscheidung zwischen Wesen und Akzidenzien zu verteidigen. Dem Gegner wird unterstellt, sich in der Unzahl der Akzidenzien zu verlieren, das Wesen in Akzidenzien aufzulösen. Die Vertreter der gegenteiligen Ansicht werden dann mit dem Relativismus des bekannten Sophisten Protagoras identifiziert und gleich darauf mit einer kosmologischen These des Vorsokratikers Anaxagoras, derzufolge irgendwann „alles zusammen war“. Eine solche Unbestimmtheit könne nur „der Möglichkeit“ (dynamei) nach zutreffen, nicht der „Vollendung“ nach (entelecheia)(1007b 28). Hier liefert Aristoteles eine Unterscheidung, mit der er sich – ich würde sagen: wieder – auf die Ebene seiner Ontologie begibt. Zwei Seinsmodalitäten, die er anfangs gar nicht erwähnt hatte, wiewohl sie zum Kernbestand des aristotelischen Denkens gehören. Aber da ist gleich ein zweites, ein untergeordnetes „wiewohl“ am Platz. Denn gewöhnlich wird dem Vermögen, der Möglichkeit (dynamis) der Gegenbegriff der Tätigkeit oder der Wirklichkeit (energeia) gegenübergestellt. Hier aber unterscheidet Aristoteles Vermögen und Vollendung – um seinen theoretischen Gegnern halb doch recht geben zu können. In 1009a 35 wird dieselbe Unterscheidung dazu herangezogen, um die Grundaussage seiner theoretischen Gegner, daß nämlich dasselbe auch sein Gegenteil sein könne, in gewisser Weise zu rechtfertigen. In gewisser Weise, das heißt durch Zerlegung (diairesis) (1008a 27). Die Widerlegung und Zurückweisung der gegnerischen Ansichten, die Heraklit und Anaxagoras, vor allem aber und immer wieder dem Protagoras zugeschrieben werden, würde ich doch von der eigentlich ontologischen Ebene unterscheiden. Beinahe habe ich den Eindruck von einer denkpolizeilichen Veranstaltung, mit der Aristoteles die ontologische Vervielfältigung des Seienden wieder eindämmen möchte – als würde er Angst vor der eigenen Courage bekommen. Der weitaus größte Teil des Buches IV ist diesen Widerlegungen gewidmet, in deren Zug nach dem sogenannten Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch auch der sogenannte Satz vom ausgeschlossenen Dritten und schließlich auch eine Empfehlung für das Dritte, nämlich die mittlere Position zwischen den Extremen, aufgestellt werden. Andererseits werden en passant doch auch eigentlich ontologische Begriffe eingeführt: nach Vermögen und Vollendung auch Wahrheit und Erscheinendes, Unbewegtheit und Bewegung.

Walter Seitter


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Wien, am 2. Mai 2014