τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 12. Juni 2014

In der Metaphysik lesen (1010a 1 – 31)


Eine ringförmige Verkettung aus zerbrochenen Ringen ist eine recht lose Zusammenfügung – im Grunde genommen eine Phase, ein momentanes Resultat eines work in progress, das durch den Tod des Autors abgebrochen worden ist und dann eben in so einem Zustand liegengeblieben ist. Bei Aristoteles kommt dazu noch die große zeitliche Entfernung zwischen ihm und uns – mitsamt den Ungewißheiten aus Überlieferung, Erhaltung und Nicht-Erhaltung. So sollen die von Aristoteles fürs Publikum verfaßten Schriften alle verloren sein, erhalten sind nur die Schriften aus dem Lehrbetrieb – und die nicht alle (Buch II der Poetik (über die Komödie) ist verloren). Umgekehrt die Lage bei Platon, von dem die Dialoge erhalten, die esoterischen Lehrsätze jedoch nur erschlossen werden können (er soll sie selber „geheimgehalten“ haben). Zur Überlieferungsgeschichte gehören aber auch die Akkumulation sowie die Kontroversen der Deutungen: war Aristoteles Platoniker oder nicht? Kann er überhaupt von den Sophisten etwas aufgenommen haben?
Nachdem Aristoteles lang genug referiert hat, daß die frechen Sophisten – und sogar die altehrwürdigen Naturphilosophen - ziemlich abenteuerliche, jedenfalls unphilosophische Meinungen über die Dinge und ihre Erkenntnis von sich gegeben haben, fragt er nach der „Ursache“ für ihre Meinungen (Aussagen). Eine Frage, die uns der Physik zuzugehören scheint. Er versucht sich aber nicht mit einer „physikalischen“ Antwort etwa psychologischer oder soziologischer Art, sondern führt als Ursache eine weitere Meinung (Aussage) dieser Denker an, eine zugrundeliegende Meinung: daß nämlich die Sinnesdinge die einzigen Dinge seien. Für diese veränderlichen Dinge jedoch treffe die Aussage zu, daß sie ein Gemisch aus etwas und nichts seien, eigentlich schon mehr ein Nichts, denn sobald man über sie spreche, sind sie gar nicht mehr: der Fluß Heraklits ist im nächsten Moment schon gar nicht mehr da, „er“ fließt ja schon im selben Moment weg.
Dagegen Aristoteles: wenn etwas sich ändert, wenn etwas entsteht oder vergeht, so muß es doch Voraussetzungen, Bedingungen, ein Woraus und ein Worin geben, welche dableiben und gleichbleiben. Ich würde sagen, jedwede Veränderung setzt stabile Elemente voraus, an denen und gegen die die Veränderung überhaupt wahrnehmbar ist. Dabei handelt es sich um Umweltbedingungen, Rahmenbedingungen, die gar nicht weit weg sein müssen. Daß ein Fluß fließt, sieht man im Kontrast zum ruhig bleibenden Ufer. Wird dieses auch weggerissen, während man als Beobachter am Ufer steht, so steht man nicht lange und die Beobachtung wird beendet (vielleicht für immer). Tatsächlich bewegt sich auch das ruhige Ufer ständig mit der Drehung der Erdkugel in rasendem Tempo gen Osten – aber diese Bewegung, welche uns selber mit fortreißt, bemerken wir nicht, sie würde unser Wahrnehmen unmöglich machen. Die Wissenschaft kann sie nur feststellen, indem sie eine andere stabile Kontrastfolie aufstellt.

Aristoteles reißt hier selber die kosmologische Perspektive auf, welche ihm die Bahnung der „Metaphysik“ eröffnet: der gesamte Weltraum wird in zwei konzentrische Sphären unterteilt: „bei uns“ auf der Erde und in ihrer Nähe sind die Dinge veränderlich und beweglich, weiter draußen bzw. weiter oben, erstreckt sich ein viel weiterer Raum, Aristoteles nennt ihn „Himmel“, wo die Dinge unveränderlich und unvergänglich sind. Die Sophisten machen den Fehler, die hiesige Veränderlichkeit auf den Himmel zu projizieren. Wenn man schon das gesamte All „gleichschalten“ wollte, sollte man eher die kleine menschlich-irdische Sphäre an die große himmlische angleichen. So meint hier ein übereifrig platonisierender Aristoteles – doch würde er damit seine Wissenschaftserfindung dementieren: die Wissenschaft von der veränderlichen Dingen.
Übrigens hat die neuzeitliche Physik die Gleichschaltung doch vollzogen: einerseits in der sophistischen Richtung der Bewegung überall, andererseits in der Gegenrichtung einer Uranisierung des Irdischen: denn die lineare Fallbewegung „neigt“ zur Kreisbewegung – und diese ist für Aristoteles das Übergangsphänomen zur Unbewegtheit.
Aristoteles sieht das Element der Unbewegtheit keineswegs nur im fernen Himmel – sondern auch in jedem hiesigen Ding: zumindest in der Wesensform. Und was die Großbewegungen im Himmel betrifft, so sind sie es, die jedenfalls vorläufig die Stabilität unserer Makrosituation garantieren: Jahre und Jahreszeiten, Tag und Nacht.

Walter Seitter


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Sitzung vom 4. Juni 2014