τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 1. November 2014

Aristoteles-Lektüren


Unsere Lektüre der Metaphysik – sie steht jetzt schon im vierten Jahr – hat m. E. bereits ein beachtliches Resultat, besser gesagt: Zwischenresultat, erbracht. Nämlich daß wir die beiden postaristotelischen Begriffe „Metaphysik“ und „Ontologie“ als Disziplinbezeichnungen übernehmen und unterscheiden und auf Aristoteles zurückbeziehen, also gewissermaßen „rearistotelesieren“, und zwar sie zuvörderst auf das Buch Metaphysik zurückbeziehen (obwohl wir bisher nur Buch I bis IV gelesen haben). „Metaphysik“ nennen wir die Suche nach den „ersten Prinzipien und Ursachen“, sofern sie über die physische Realität hinausgehen: eine Suche, die in den ersten Büchern mehrmals angekündigt wird und die in den letzten Büchern ausgeführt werden wird. „Ontologie“ hingegen das immanentistische Insistieren auf den Bestimmungen des Seienden als solchen, also aller Seienden: eine Richtung, die im Buch IV programmatisch angekündigt wird, allerdings nicht sehr ausführlich abgehandelt wird. Da sie als Fortsetzung der Kategorienlehre angesehen werden kann, können wir uns von ihr doch eine bestimmte Vorstellung machen.

Wenn wir in Betracht ziehen, daß Aristoteles der Mathematik zwar einen Platz unter den theoretischen Wissenschaften zuweist, ihre theoretische Bedeutung jedoch nicht hoch einschätzt (im Unterschied zu Platon), können wir die theoretischen Wissenschaften aristotelisch so gliedern:

Physik (Zweite Philosophie)

Ontologie (Erste Philosophie)

Metaphysik (Erste Philosophie)


Wobei hinzugefügt werden muß, dass in die Physik auch andere aristotelische Bücher hineinreichen: insbesondere die zoologischen, biologischen wie De anima und ebenso die kosmologischen.
Die Disziplinen Physik und Metaphysik sind jeweils zwei großen Bereichen der Realität – dem hiesig-irdischen und dem anderswo-anderswie gelegenen – zugeordnet, während die Ontologie durchgehend-gemeinsamen Bestimmungen von Realität überhaupt nachforscht.

Unsere Lektüre des Buches Metaphysik hat bisher weitgehend auf Sekundärliteratur verzichtet – und das hat gar nicht geschadet, weil man so leichter ein eigenes Sehen entwickelt. Aber diese Abstinenz muß nicht unbedingt beibehalten werden – es kommt ja nicht nur auf Eigentlichkeit an, sondern mehr noch auf Fülle und Genauigkeit des Sehens.
Daher weise ich jetzt auf zwei Einführungen in Aristoteles hin, die als Taschenbücher erschienen sind:

Thomas Buchheim: Aristoteles (Freiburg 1999)
Buchheim eröffnet mit einer ausführlichen Darlegung der Logik, vor allem der Syllogismus-Lehre und betont dann, dass die Kategorienlehre von der Logik in die Ontologie kippt. Die Metaphysik behandelt er dann sehr zögerlich, ja zweifelnd – weil er den Begriff „Ontologie“ nicht mehr einsetzt, der es ihm gestatten würde, innerhalb der Metaphysik zu unterscheiden. Sehr erhellend dann, wie er die Physik als das Hauptstück der aristotelischen Theorie behandelt – mit der physis als Grundbegriff. Auch Ethik, Politik, Rhetorik und Poetik werden gut verständlich gemacht.

Wolfgang Detel: Aristoteles (Leipzig 2005)
Detel liefert eine noch detailliertere Einführung in die Syllogistik und dann eine Gliederung der theoretischen Wissenschaften, die der meinigen nahekommt: Physik, Theologie, Biologie. Unter „Metaphysik“ behandelt er die Konstitution der Substanzen (die so gut wie alle hiesig-irdische sind). Aufschlußreich seine Ausführungen zu Ethik und Politik sowie zu neoaristotelischen Strömungen, wo er mit Popper, Kripke, Putnam auch an die Analytische Philosophie rührt (dazu meine Bemerkung, dass Aristoteles selber eher ein analytischer Typ denn ein kontinentaler ist).

Dieses Stichwort führt mich in die Richtung der „indirekten“ Sekundärliteratur zu Aristoteles, von der es eine Menge hervorragender und berühmter Bücher gibt – etwa von Hannah Arendt. Ich möchte aber noch einmal auf die gegenwärtigen Vertreter der Analytischen Philosophie hinweisen, welche die Ontologie häufig noch deutlicher thematisieren als die Aristoteles-Forscher: so Barry Smith, Christian Kanzian, Uwe Meixner (übrigens gehörte mit Gustav Bergmann (1906-1987) ein Mitglied des Wiener Kreises zu den Initiatoren der neueren Ontologie, vor allem durch seinen Schüler Reinhardt Grossmann (1931-2010)).
Die französische Zeitschrift Le Magazine Littéraire stellt in ihrer neuesten Ausgabe einige französische Aristoteles-Editionen und -Forscher vor (Frankreich war in dieser Hinsicht bisher nicht übermäßig aktiv). Pierre Pellegrin spricht davon, daß die angelsächsichen Kollegen mit ihrem biological turn einen neuen Zugang zum Werk Aristoteles’ eröffnet hätten. Er selber: „Aristoteles ist grundlegend ein Biologe, er denkt als Biologe.“ Und sozusagen korrigierend dagegen: Aristoteles vertritt keine Einheitswissenschaft, sondern „unterschiedliche Rationalitäten“. Also ein „Anti-Reduktionist“.[1] Francis Wolff bezieht sich auf den von uns gelesenen Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch und betont, daß A sehr wohl B widersprechen könne, dabei aber sich selber nicht widersprechen solle bzw. dürfe.[2] Sehr interessant Florence Dupont, deren anti-aristotelisches Buch (gegen die Poetik) wir seinerzeit beachtet haben: Aristoteles habe die griechische Tragödie zwar gekannt, sich aber entschlossen, unter diesem Titel etwas ganz Anderes zu beschreiben, ja vorzuschreiben: eine zu lesende Story.[3]
Zuletzt verweise ich auf den Fernsehfilm Alexander der Große – wie er wurde, was er war (2010), von Martin Carazo Mendez, in dem Aristoteles’ Rolle als Lehrer des jungen Prinzen recht gut dargestellt wird:  eindringlich, diskutierend, ernsthaft, nicht übermäßig schulmeisterlich.


Walter Seitter
 


[1] Siehe Le Magazine Littéraire 549 (Paris 2014): Aristote, toujous d’attaque: 19f.
[2] Siehe op. cit.: 20.
[3] Siehe op. cit.: 23f.