τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Sonntag, 7. Dezember 2014

In der Metaphysik lesen (1013b 17 – 1014a 7)

Nach den Einzelbeispielen für die Bedeutungen bzw. Verwendungen von „Ursache“ hat Aristoles ausdrücklich gesagt, dass dieser Begriff „vielfach ausgesagt“ wird. Insofern wird er mit dem Begriff des Seienden parallelisiert, was ja nicht sehr verwunderlich ist, denn „Ursachen“ sind nun einmal „Sachen“, denen eine besondere Kraft innewohnt: nämlich andere Sachen hervorzubringen oder zu ermöglichen. Die Ursachen sind eine Teilmenge der archai und ihre Ursächlichkeit lässt sich im Großen und Ganzen als physikalische verstehen, trotzdem umfassen sie mehr als dieser Begriff in unserer Sprache meint.

Die verschiedenen Ursächlichkeiten werden zunächst in vier „offensichtlichste“ Weisen unterschieden: Materialursachen (nicht nur Materialien, sondern auch auch Teile und Voraussetzungen), Formursachen (genannt das ti en einai oder die Art, aber auch das Ganze und die Zusammensetzung (zwei neue Bezeichnungen, die zu den früher aufgezählten dazukommen)), dann die Wirkursachen als Ursprung für Veränderung oder Zustand und schließlich das Weswegen, auch Gutes oder Bestes genannt. Dieser vierte Ursachentyp, der sich von unserem Gebrauch des Begriffs sehr weit entfernt, zeigt auch, dass die aristotelische Unterscheidung zwischen theoretischen Wissenschaften einerseits , poietischen oder praktischen Wissenschaften andererseits, doch nicht so strikt ist. Darüber hinaus unterscheiden sich die Ursachen (selbst die einer selben Weise zugehörigen) in logischer Hinsicht, wie eben die entsprechenden Sachen. Der Bildhauer Polykleitos als Ursache (wir würden eher sagen: Urheber) der von ihm hergestellten Statuen lässt sich „logisch“ aufteilen: er ist Gattung: Lebewesen; Art: Mensch; Individuum: Polykleitos. Und einige von denen können als „akzidenziell“ in bezug auf andere angesehen werden. Die logische Zersplitterung des Künstlers mag uns als Spielerei erscheinen; man kann sie aber auch als kunstwissenschaftliche Fragestellung auffassen: biographische oder psychologische oder soziologische oder rassische oder evolutionäre Betrachtung.
Für uns – wohl auch für Aristoteles – gehört Polykleitos (480-415) der Kunstgeschichte an, ist also möglicher Gegenstand einer historischen Betrachtung. Daher noch einmal die Frage, ob Aristoteles die Dimension der historischen Kausalität, die noch stärker vom Begriff arche – mit der Hauptbedeutung „Anfang“ – nahegelegt wird, tatsächlich vernachlässigt und wenn ja wieso. In der Poetik hat Aristoteles die Geschichtsschreibung erwähnt – allerdings mit einer Minderbewertung gegenüber der Dichtung, weil diese „philosophischer“ sei. Das ändert aber nichts daran, dass die Geschichtsschreibung in bezug auf ihre Gegenstände eine enge Kollegin der Dichtung ist. In dieser sollen die Ereignisse wahrscheinlich-notwendig aus den Ereignissen, nämlich den früheren, hervorgehen. Damit werden die jeweils früheren als Ursachen für die späteren postuliert – auch wenn der Begriff „Ursache“ gar nicht gebraucht wird. Handlungselemente sind grundsätzlich „Ursachen“ für Handlungselemente, pragmata für pragmata. Aristoteles hat das mit dem wahrscheinlich-notwendigen Hervorgehen, mit dem Hervorgehen der „Lösung“ aus der „Knüpfung“ ausgedrückt. Eine Art Automatik, die mit der Sukzession und Akkumulation der Ereignisse gegeben ist. Ursächlichkeitsfaktoren, die Aristoteles hier unter arche nennt und die in den Tragödien eine Rolle spielen sind: Eltern, Herrscher, Überlegungen, Entscheidungen. Unter den Entscheidungen spielen in der Tragödie solche eine Rolle, die „Fehler“ genannt worden sind.
Die historische Kausalität ist von Aristoteles in der Poetik abgehandelt worden. Dort hat er der Geschichtsschreibung vorgehalten, sie berichte vom Ablauf der Ereignisse, ohne eine stringente Ursächlichkeit aufzuzeigen. Heißt das, dass die reale Geschichte nur mit lückenhafter, mit akzidenzieller Ursächlichkeit abläuft? Während die Dichtung eine historische Ursächlichkeit künstlich herstellt, verdichtet?
Hier, in den Betrachtungen über die Ursachen, spielen die ethisch-politisch-historischen Ursachen doch eine geringere Rolle als die physischen. Stimmt das? Verweisen nicht auch die Zweckursachen auf die anthropische Kausalität? Wird nicht mit der Zersplitterung des Bildhauers Polyklet eine spezifisch menschliche Kausalität angedeutet – welche die animalische nicht ausschließt?

Walter Seitter


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Sitzung vom 3. Dezember 2014