τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 23. Januar 2015

In der Metaphysik lesen (1014b 15 – 1015a 3)

Die ersten drei Kapitel des Buches V waren verschiedenen Versionen des Ursächlichen gewidmet. Kapitel 4 hat die Natur (physis) zum Thema – eher fast die verschiedenen Bedeutungen des Wortes. Doch wir werden gleich sehen, dass es sich damit von der Ursachen-Thematik kaum entfernt. Das liegt an der weiten Fassung dieses Komplexes bei Aristoteles.
Wir haben uns schon einmal ausdrücklich mit der physis beschäftigt, nämlich am 14. November 2012, als uns Peter Berz Heideggers Aufsatz zum 1. Kapitel von Buch II der Physik vorgestellt hat: eigentlich eine sehr ähnliche, aber ausführlichere Darlegung derselben Bedeutungsvielfalt. Wir sehen daran neuerlich, dass die „gesuchte Wissenschaft“ in der Metaphysik im Vergleich zu den anderen, von Aristoteles vorher bearbeiteten Wissenschaften, vor allem zur Physik gehört, keineswegs eine Wissenschaft vom Ganz Anderen ist (in dem Sinn keine „Heterologie“) – sondern eine Fortsetzung, eine Ausdehnung. Wobei wir die Vorsilbe meta in zweifachem Sinn verstehen können: erstens in dem eher antiken Sinn einer extensionalen Erweiterung, zweitens in dem eher modernen Sinn von „Metawissenschaft“ (hier ließe sich eventuell die Ontologie einordnen).
Die erste Bedeutung von physis erläutert Aristoteles rein heideggerianisch: man spreche die  erste Silbe des Wortes sehr langsam aus, dann eröffnet sie die Zeit zum Wachsen der Naturdinge: zum Entstehen der Wachsenden: phyomenon genesis. Aristoteles hat schon 2000 Jahre vor Heidegger geheideggert – aber nur manchmal. Diese erste Bedeutung ist also eine rein verbale (wofür die mit -sis gebildeten Substantive zuständig sind). Zweite Bedeutung: das anfängliche und immanente Woraus des Wachsens des Wachsenden (der Samen, die Matrix ?). Dritte Bedeutung: das Woher der spezifischen Bewegung eines Lebewesens: Wachsen, Vermehrung kraft Berührung und Zusammenwachsen (Seele, Ernährung, Fortpflanzung ?). Vierte Bedeutung: das unvergängliche Woraus oder der Grundstoff der natürlichen Dinge: also die kosmischen Elemente. Fünfte Bedeutung: die ousia oder die Wesenheit der natürlichen Dinge, sofern sie ihre Gestalt oder Form gefunden haben. Diese physis ist eine Synonym für die Formursache der vollendeten Dinge. Aber mit dem Empedokles-Zitat legt Aristoteles eine Version der Wesenheit nahe, welche in Mischung besteht. So etwas wie Mischung war bereits in der dritten Bedeutung angeklungen.
                               
Walter Seitter


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Sitzung vom 21. Jänner 2015