τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 17. April 2015

In der Metaphysik lesen (1016b 19 – 31)

Unsere Diskussion über das Essen hat – am Beispiel krankmachender Nahrungsaufnahme – gezeigt, dass wichtige Vorkommnisse nicht ohne weiteres als „substanzielle Veränderung“ (im aristotelischen Sinn) aufgefasst werden müssen. Die Akzidenzien werden zwar von Aristoteles der ousia untergeordnet, deswegen müssen sie aber nicht „unwichtig“ sein. Schon ihre Zahl – es sind neun – schafft ein gewisses Übergewicht über die eine Substanz. Und wenn man sie sich näher anschaut, dann machen ihre Eigenarten – zum Beispiel Relation, Wirken, Erleiden – auch nicht den Eindruck von Unwichtigkeit. Eigentlich machen sie zusammen das aus (allerdings zusammen mit den Substanzen), was man „Ereignis“, „Dramatik“, „Schicksal“ nennen könnte. Daher ist es kein Zufall, dass der Erfinder dieser substanzdominierten Ontologie diese seine Ontologie in der Poetik, und zwar für einen bestimmten Bereich, selber suspendiert, ja subvertiert hat und die Agenskausalität durch Ereigniskausalität (Uwe Meixner) ersetzt hat.

Keine bestimmte Ontologie muß das Maß aller Dinge sein: ontologischer Vorrang ist nicht der einzig mögliche. Und notfalls kann man eine alternative Ontologie aufstellen.

Was das Essen betrifft, so ist die von uns zur Sprache gebrachte substanzielle Veränderung, nämlich die Transsubstanziation des Nahrungsmittels ins Wesen der essenden Person, die sich im „Normalfall“ unbemerkt vollzieht: die ist ja nun wohl doch nichts Unwichtiges. „Unscheinbar“ ja, „unwichtig“ ganz und gar nicht. Genaugenommen bildet sie den, jedenfalls einen Hauptzweck des Essens: fortlaufende Selbsterhaltung des Essenden. Diese Tatsache zur Sprache, nämlich zur aristotelischen bzw. scholastischen  Sprache  gebracht zu haben, ist eine philosophische Leistung, die sich hier in den letzten Tagen abgespielt hat. Übrigens hat sich das entsprechende Wort auch in der griechischen Theologie implantiert: metousiasis. Deutsch könnte man sagen: Umwesung. Doch wieso nur in der Theologie?

Das heißt die aristotelische Ontologie kann sich doch bewähren, auch wenn sie zunächst einmal als suspendierbar erscheint. Beide Momente bilden zusammen das, was ich „Ontologie in actu“, „okkasionelle Ontologie“ nennen würde und wofür ich im Dezember sogar einmal „Ontographie“ eingesetzt habe. Ontologie in Diskussion, als Diskussion, als Hin und Her zwischen verschiedenen Ontologie-Entwürfen: Ontodialogie.

Wir haben ja ein „unnormales“ Essen herangezogen: das christliche „Gott-Essen“ (Jan Kott). Wozu das gut ist, ist eine religiöse bzw. theologische Frage. Analog dazu könnte man andere Sonder-Essen heranziehen: Genussmittel, Drogen. Man könnte auch ein anderes Mensch-Essen nennen: das Mutter-Essen des Säuglings und die Verwandlung von Mutter-Substanz in Baby-Substanz (auch eine Form des Wirtschaftens – Planwirtschaft oder Marktwirtschaft?).

Die Ontologie kann auf diese Sachverhalte ihre Lichter werfen – beziehungsweise sie selber wird dadurch provoziert, vielleicht entwickelt oder umgebaut.

In einem gewissen Sinn aber muß die Ontologie „zurückgestellt“ werden: nämlich wissenschaftspragmatisch. Wenn man über das Essen oder eine bestimmte Form des Essens wissenschaftlich und philosophisch arbeiten will, wird man nicht mit der Ontologie beginnen. Sondern mit Beobachtungen, vorsichtigen Begriffsbildungen, die im Sinn des Aristoteles zu einer Abteilung der „Physik“ gehören würden. Da könnten dann verschiedene aristotelische Begriffe für Veränderung eine Rolle spielen: genesis, phthora, auxesis, kinesis, alloiosis, metabole – von diesem Wort leitet sich „Metabolismus“ = Stoffwechsel ab. Im übrigen hat Aristoteles seine eigene Physik der Ernährung aufgestellt, die mit der heutigen Physik, Chemie, Physiologie nicht übereinstimmt.

Ontologie ist eine Betrachtungsart, die man dann zusätzlich, sozusagen hybriderweise, auch noch durchführen kann.

Nun wieder zum „Einen“ – auch das ein Thema der Ontologie, aber nicht zur Lehre von den Kategorien bzw. alternativen Seinsmodalitäten gehörig, sondern zur Lehre der neuscholastisch so genannten „Transzendentalien“. Jetzt wird das Eine mit dem schon behandelten Begriff arche kombiniert – und das führt zunächst zur allerbanalsten Bedeutung: nämlich zur ersten Zahl „eins“. Dann gleich eine Ausweitung: das Eine als Anfang des Erkennbaren: das geht schon in die Richtung der Transzendentalien, zu denen auch das Erkennbare gehört.

Sodann Aufspaltung des Einen in mehrere physikalische Gattungen: bei den Tönen die Diësis, also der kleinste Intervall (Viertel- oder Halbton); bei den Sprachlauten der Vokal oder der Konsonant: ein merkwürdiges „oder“ zwischen vokalisch und unvokalisch; beim Gewicht ein x, bei der Bewegung ein y. Innerhalb jeder Gattung ist das Eine unzerlegbar – dem Quantum nach oder der Art nach. Hier greift Aristoteles auf das zurück, was er einige Zeilen davor schon ausgeführt hat.

Die Quantität wird dann je nach Gelegtheit (Räumlichkeit) oder Nicht-Gelegtheit in Geometrie und Arithmetik unterschieden, die Geometrie je nach Unzerlegbarkeit und zählbarer Zerlegbarkeit in Punkt, Linie, Fläche, Körper. Heute spricht man von „Dimensionen“. Ausführungen, die dann in Kapitel 13 wieder aufgegriffen werden.

Der geometrische Begriff des Körpers (soma) leitet zum physikalischen Begriff des Körpers (soma) über, der indirekt auch ontologisch von größter  Bedeutung ist, weil er die allermeisten uns bekannten Substanzen (ob unbelebte oder belebte) begrifflich exemplifiziert und damit zur Entmystifizierung der „Substanz“ beiträgt. In allen erwähnten Fällen der Nahrungsaufnahme geht es um diverse Körper: Körperbewegungen, Körperverwandlungen. Doch der Begriff „Körper“ ist kein ontologischer. Auch nicht-ontologische Begriffe können sehr „wichtig“ sein: theoretisch und praktisch.

Walter Seitter


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Sitzung vom 15. April 2015