τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 20. Mai 2015

In der Metaphysik lesen (1017b 17 – 26)

Im letzten Protokoll habe ich geschrieben, da Aristoteles die Substanzen weitgehend mit den Körpern gleichsetzt (aber nur extensional, nicht intensional) bekomme seine Ontologie eine „materialistische Schlagseite“. Eine etwas unvorsichtige Ausdrucksweise, weil die auf der Logik aufbauende Ontologie jenseits von Eigenschaften wie „körperlich“, „seelisch“ oder dergleichen operiert. Dennoch können „moderne“ philosophische Theoreme auch auf die Ontologie (im aristotelischen Sinn) bezogen werden. Und zwar auch dann, wenn sie das Wort „Ontologie“ gar nicht verwenden. Der Begriff „Intensität“ von Gilles Deleuze etwa würde sich dazu eignen. Intensität ist eine pure Seinsmodalität, die in allen möglichen Realitätsbereichen eine Rolle spielen kann (auch in psychischen). Eine ontologische Kategorie, die auch mit „Wesen“ wenig zu tun hat. Eher schon mit der „Überkategorie“ seiend = wirklich = real. Ontologische Begriffe haben etwas Formalistisches.

Für die These, dass auch die Teile von Wesen als Wesen gelten können, wird das Argument angeführt, dass bei Wegfall von Teilen das Ganze wegfällt. Also die Abhängigkeit des Ganzen von Teilen. Eine merkwürdige Umdrehung, denn für die Akzidenzien gilt, dass sie nur Akzidenzien sind, weil sie vom Wesen abhängen. Aber da unterscheidet Aristoteles stark zwischen Teilen und Akzidenzien. Obwohl die Teile ja ebenfalls vom Ganzen abhängen – doch da wird die Abhängigkeit reziprok gesehen.

Eine gewisse reziproke Abhängigkeit zwischen Wesen und Akzidenzien ist uns allerdings auch schon gelegentlich untergekommen (sogar bei Aristoteles – siehe Poetik).

Mit dem Doppelbeispiel Lebewesen – Seele sollten die beiden Versionen von ousia, Substanz, Wesen ein für alle Mal klargestellt sein. Erfreulicherweise spricht Aristoteles nicht nur von „der anderen Version“, sondern auch von „den beiden Versionen“ (1017b 15, 23).

Daß die Zahlen als Substanzen gelten, wird als Meinung referiert, aber eher abgelehnt. Die allerletzten Sätze dieses Abschnittes fassen zusammen – ich würde sagen: etwas konfus. Aber sie führen zusätzliche Begriffe ein, was natürlich hilfreich ist.


PS.: Am Samstag, dem 30. Mai 2015, um 11.45 – 12.45,
spricht Christophe Ehrismann, den ich vor einiger Zeit mit einem Satz von Eriugena herbeizitiert habe, über die Geographie der Logik:


Ort: Institut für Byzantinistik, Postgasse 7, 1010 Wien


Walter Seitter


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Sitzung vom 20. Mai 2015