τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Dienstag, 2. Juni 2015

Theographie via Anthropographie

Bericht über den Vortrag von Christoph Erisman zur „Übertragung der aristotelischen Logik von Alexandria nach Konstantinopel“:

Der griechische Philosoph Stephanos von Alexandria wurde bald nach 610 vom oströmischen Kaiser Herakleios (575-641) nach Konstantinopel berufen, wo er den Titel „Weltlehrer“ erhielt. Er verfasste Kommentare zu Aristoteles und Schriften zur Astronomie und Alchemie. Damit gehört er in die große Bewegung der translatio studiorum hinein: die sowohl historische wie auch geographische Übertragung antiker Wissenschaft ins Mittelalter sowie in neue Räume.

Eine Frucht war dann zweihundert Jahre später der Mönch und Kirchenlehrer Theodor Studites (759-826), der im Byzantinischen Bilderstreit gegen die Ikonoklasten auftrat. Diese argumentierten gegen die bildliche Darstellung Christi folgendermaßen: mit der Inkarnation sei zwar die zweite göttliche Person Mensch geworden, doch sie habe den „allgemeinen Menschen“ angenommen; daher sei es unmöglich und widersinnig, seine Gestalt mit bestimmten Farben darzustellen.

Dagegen Theodoros: wie kann der „allgemeine Mensch“ in Christus  anwesend sein? Doch nur genauso wie in allen Menschen, in Peter oder Paul oder sonst wem. Nämlich in ihnen als Individuen. In dieser Hinsicht fällt Christus überhaupt nicht aus dem allgemeinen Schema heraus. Und für dieses Schema setzt Theodoros die aristotelische Ontologie ein: das Allgemeine existiert nur partikularisiert. Nicht wie die Platoniker meinen, in einer Sonderform in einer Extrawelt, nicht wie die Nominalisten annehmen, nur im menschlichen Geist bzw. in der Sprache (in Form von Wörtern). Diese Aristoteles-Rezeption in Konstantinopel vollzieht zwar eine Applikation auf die christliche Theologie, aber sie respektiert so weit wie möglich Buchstaben und Geist der aristotelischen Logik (und Ontologie).

Ja, sie führt in die Theologie ein Stück „weltliches“ Denken ein. Und das geht in diesem Fall so weit, dass die malerische Darstellung des Gottmenschen theoretisch ermöglicht wird: wobei die Malerei nur auf die Menschheit, nämlich die Menschengestalt, direkt abzielen kann. Christus muß als Mensch eine bestimmte Gestalt gehabt haben, bestimmte Haare, bestimmte Augen und so weiter. Nicht ein Mensch „ohne Eigenschaften“. Theographie via Anthropographie.

Konkrete Fragen nach der Möglichkeit einer „ähnlichen“ Christographie bleiben damit natürlich offen. Dazu etwa: Hans Belting: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst (München 1990).

All dies im Rahmen einer Theologie, die den unvermeidlichen theologischen Überschwang (Enthusiasmus) mit common sense (lumen naturale) verbindet.

Sicherlich wäre auch die theologische Position möglich, der „Ausnahme-Mensch“ Jesus (der er ja dem Glauben gemäß ist), müsse auch in seiner Menschheit anders konstituiert sein, etwa durch direkte Realisierung der „Menschheit an sich“. So könnte er „mehr Mensch“ sein als die anderen. Doch Studites scheint diese Möglichkeit zu verneinen. Insofern hält er sich an die ebenfalls aristotelische Devise „Nullus homo alio homine humanior est“, die im März (über Erisman und Eriugena) hierher zitiert worden ist.

Was Christus von den anderen Menschen unterscheidet, ist also nicht seine „Menschheit“, sondern die Tatsache, dass in seiner Person (Hypostase) mit der Menschheit die Gottheit koexistiert – und zwar unvermischt (entgegen den „Monophysiten“). Diese Koexistenz wird von den Theologen „hypostatische Union“ genannt. Oder auch von der Trinität her „Zirkuminzession“ oder „Perichorese“. Insofern mit der Trinität das aristotelische Ideal der akzidenzienlosen Substanzialiät schon durchbrochen scheint, könnte man vielleicht diese Union oder Zirkuminzession oder Perichorese als Akzidens auf höchster Ebene bezeichnen. Die beiden Wesenheiten koinzidieren nicht miteinander, sondern sie akzidieren einander.

Diese Koexistenz von Menschheit und Gottheit wirft naturgemäß gravierende ontologische Probleme auf – sofern man überhaupt mit griechischer Philosophie an sie herangeht.



Walter Seitter