τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 29. Oktober 2015

In der Metaphysik lesen (1020b 4 – 36)

Das Protokoll wird geschrieben und herumgeschickt, damit es am Anfang der nächsten Sitzung bei allen präsent ist und sofort besprochen werden kann. Damit also ein fester Faden von einem Mittwoch bis zum nächsten gespannt ist oder eine ordentliche Signifikantenkette, eine feste und natürlich physische Schiene, damit wir nicht irgendwie im Vagen hängen bleiben. Das Ungefähre ist keine philosophische Qualität und ein Seminar braucht auch eine – mindestens eine - schriftliche Bahnung, um mehr zu sein als ein „Lesekreis“. Die Dinge müssen schriftlich eingraviert werden, wie die Pflänzchen in die Erde gesetzt werden: „seminarium“. Auch soll später nachgelesen werden können und geschaut, ob die Pflanzen vielleicht schon größer geworden sind.

Zunächst Erinnerung daran, dass die aristotelische Bestimmung der Quantität durch Teilbarkeit anhand unseres Frühlingsthemas, nämlich des Mutter-Essens durch den Säugling (unser aristotelischer Frühling), drastisch exemplifiziert worden ist. Das Beispiel ist drastisch, aber nicht durch Einwände, die Milch sei kein Teil der Mutter, die Mutter sei doch nicht nur ein Quantum, die arme Mutter, aus der Welt zu schaffen. So ein Beispiel, das gerade nicht aus dem aristotelischen Text genommen ist, sondern aus einer wenn man will banalen jahrtausendealten – und immer wieder erneuerten – Praxis, ist geeignet, Aristoteles sachlich, also philosophisch, zu verstehen. Lacan hat mit seinen vier Objekten klein a ein paar Körperausscheidungen namhaft gemacht, darunter auch die der mütterlichen Brust; die hat er zu Freud dazugesagt. Ich habe dieselbe zu Aristoteles dazugesagt. Also Lacan zu Freud koinzidiert hier mit Seitter zu Aristoteles.

Und wenn irgendwann ein Psychoanalytiker dies zu Gesicht bekommen und zur psychoanalytischen Ansicht kommen sollte, der Seitter, der muß irgendwie einem Mutter-Komplex verfallen sein, dann würde damit nichts Schlimmes passieren: er könnte damit seine Theorie bestätigen und an meiner Sache würde er immerhin etwas kapieren.

Und nun die „Qualität“. Zu meiner Überraschung – das Beste, was einem Leser passieren kann – bestimmt Aristoteles Qualität zunächst nicht als Gegenstück, als anderes Akzidens, neben der Quantität, sondern hebt sie auf die höhere Stufe der ousia, als Sosein der Art, differentia specifica zwischen Mensch und Pferd (womit der Mensch ziemlich antihumanistisch in die Ordnung der Dinge, in den Garten der Arten, in den Zoo der Gattung eingesperrt wird (da kann er dann sehen, ob er nicht etwa doch etwas Besseres ist)). Und dann die Qualität wieder als Artbestimmtheit – aber jetzt von arithmetischen und geometrischen Entitäten. Um ein anderes Beispiel für die Zahlen anzuführen: da gibt es die „rationalen“ und die „irrationalen“. Sobald eine Art von Zahlen herausgegriffen wird und sei es auch nur die „natürliche“ Zahl 6, haben wir es mit einer Wesenheit zu tun, und die ist nicht teilbar (genau so wenig wie die Mutter als Wesen(heit)).

Und dann erst die Qualität als Akzidens, eines der neun Akzidenzien. Doch Aristoteles vermengt sie gleich mit einem anderen Akzidens: den „Leiden“ der „bewegten Wesen“. Die bewegten, veränderten usw. Wesen bilden den Gegenstandsbereich der Physik und bewegt, verändert werden sie, indem sie Einwirkungen erleiden – und so bekommen sie ihre Qualitäten, die nicht notwendig sind: warm, kalt; schwer, leicht .... Die bewegten Wesen werden hier auch als „sich verändernde Körper“ bezeichnet – da gibt es vielerlei Arten, so die oben genannten zweifüßigen Tiere, also Menschen. Daß Aristoteles auch jetzt an sie denkt, geht daraus hervor, dass er den körperlichen Menschen – es gibt keine anderen (siehe Mutter) – auch andere mögliche Qualitäten zuschreibt: Tugendhaftigkeit, Schlechtigkeit (mit allen möglichen Mischungen).

Indem Aristoteles solche physischen Eigenschaften wie „warm“ oder „schwer“ und solche moralischen wie „tugendhaft“ oder „weniger tugendhaft“ auf engstem Ort zusammenschreibt, demonstriert er seine Auffassung von den Gemeinsamkeiten zwischen allen Wesen dieser Erde. Bernd Schmeikal spricht von „bioenergetisch“, einem Begriff von Reich und Lowen, die das zu Freud, gegen Freud dazugesagt haben. Im Abschnitt 8 hat Aristoteles seinen ontologischen Hauptbegriff „Wesen“ mit seinem physikalischen Haupt- und Doppelbegriff erläutert: nämlich „Körper“ und „Seele“ – die hier für zwei Versionen von Wesen stehen. Bei Aristoteles wird die Ontologie nicht absolut gesetzt, wie bei Heidegger. Sondern sie ruht jederzeit auf Physik oder Ethik oder Poetik auf.

Die Körperlichkeit der Menschen und ihrer moralischen und intellektuellen Leistungen (sowie Fehlleistungen) erhellt aus den technischen, kulturellen Verkörperungen etwa sprachlicher oder schriftlicher Art: Körperausscheidungen, Körpererweiterungen, weitere Objekte klein a, klein b, klein c, groß D.

Walter Seitter

Sitzung vom 28. Oktober 2015



Postskriptum: Erstes Wiener Philosophen-Café am 31. Oktober 2015 um 16 Uhr im Café Korb: „Werte“.