τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 12. November 2015

In der Metaphysik lesen (1021a 10 – 1021b 8)

Nicola Schößler hat ihre Tochter Ida (16 Monate alt) mitgebracht und schon führt sie vor (allerdings nicht in Vorführungsabsicht sondern aufgrund von Naturnotwendgkeit), was wir zuletzt besprochen haben: die Menschenteilung, wie sie zwischen Mutter und Säugling üblich ist. Wir haben also Gelegenheit, etwas im pragmatischen Vollzug wahrzunehmen, was man wissenschaftlich elaborieren und sogar philosophisch sublimieren kann.

Wie die ersten Sätze der Metaphysik zeigen, bildet nicht die Philosophie den weitesten Horizont für die Ausführungen dieses Buches – sondern Erkenntnis überhaupt, bis „hinunter“ zu den Sinneswahrnehmungen – auch zu denen der anderen Tiere. Den etwas engeren Horizont bilden dann die Wissenschaften, die es damals – um das Jahr 320 – schon in größerer Zahl gab, einige von ihnen von Aristoteles selber erfunden oder zumindest vorangetrieben. Und einige dieser Wissenschaften, nicht alle, sind von Aristoteles in den Rang von „Philosophie“ gehoben worden, ohne ihren empirischen Charakter zu verlieren: Physik, Ethik, Politik ... Das Buch Metaphysik hingegen möchte aus der Philosophie eine eigene Wissenschaft machen – eine höchste, eine reine. Doch werden in diesem Buch ständig Stücke aus den schon bekannten Wissenschaften wieder und wieder wiederholt, resümiert, umformuliert und nur in einzelnen Schüben werden die Steigerungen vollzogen, die aus der „gesuchten“ Wissenschaft eine „wirkliche“ Wissenschaft und eine „eigene“ Philosophie machen sollen. Bisher, bis zum Buch V, ist nur eine Steigerungsrichtung deutlich artikuliert worden: die ontologische. Die metaphysische bleibt auf später hinausgeschoben.

Und was nun die ontologische Philosophierichtung betrifft, die von der Logik als Metasprache ausgeht, so wird sie von Aristoteles nicht zu einem „höheren Standpunkt“ verfestigt, von dem aus dann mit Verachtung auf die anderen Wissenschaften, die gewöhnlichen, und erst recht auf den „gemeinen Menschenverstand“, mit Verachtung hinuntergeschaut wird. So ein Gestus ist hingegen an der hegelschen Philosophie von Hegels Zeitgenossen und meinem Landsmann Franz Grillparzer (und nicht nur von ihm) beobachtet worden – mitsamt gewissen politischen Implikationen (denn „Verachtung“ ist schon ein politischer Gestus). Und im 20. Jahrhundert hat Martin Heidegger die Attitüde der Verachtung direkt mit der Ontologie amalgamiert – zweifellos ein Kunststück für sich und daher die riesige Faszination die von Heidegger ausgeht (auch auf mich).[1]

Aristoteles hat die Relation zunächst als Affektion des Quantitativen besprochen (als Akzidens an einem anderen Akzidens), wobei die Relation „mehr als“ in Bezug auf Eines festgestellt wird. Sie kann aber auch in Bezug auf ein Wesen oder eine Qualität ausgesagt werden.

Ein anderes Feld der Relation eröffnet sich von Tätigkeiten aus, die sich auf ein Objekt beziehen: messen, wissen, wahrnehmen, sowie verschiedene Arten von bewirken. So ergibt sich der Vater als Relationsbegriff: Bewirker des Sohnes. Als negatives Objekt des Sehens nennt Aristoteles das Unsichtbare – bei der Gelegenheit komme ich auf meine „Grundsätze der Optik“ zu sprechen, welche einige Klarstellungen zum Sichtbaren und Unsichtbaren bringen.[2]

Das Feld der Bezüglichkeit wird in zwei Bereiche geteilt: die Zahl und das Vermögen (von welchem das Bewirken ausgeht). Für die Relationen des Bewirkens betont Aristoteles, dass sie jeweils nur in einer Richtung existieren – und nicht reziprok. Das Sehen ist auf eine Farbe oder dergleichen gerichtet. Damit bestätigt Aristoteles die neulich ausgesprochene Vermutung, dass auch er Akzidenzienparameter wie die Farbigkeit für etwas Notwendiges hält.

Wenn die Bezüglichkeit für ein bestimmtes Vermögen gilt, etwa die Medizin, so gilt sie auch für die entsprechende Gattung – z. B. die Wissenschaft. Auch Gleichheit und Ähnlichkeit sind Bezüglichkeiten.


PS.: Erstes Wiener Philosophen-Café  im Café Korb am Samstag, 14. November 2015, um 16 Uhr : „Freundschaft“.


Walter Seitter

Sitzung vom 11. November 2015



[1] Siehe dazu meine neuliche Lesung „Franz Grillparzer über Hegel, Heidegger, Hitler“ (online findet sich dazu ein Bericht von Wolfgang Koch), sowie Grillparzer, Ontologie, Heidegger, in: Tumult Zeitschrift für Konsensstörung (Winter 2015).

[2] Siehe Walter Seitter: Physik des Daseins. Bausteine zu einer Philosophie der Erscheinungen (Wien 1997): Grundsätze der Optik, 62ff.  Meine Feststellungen zum Sichtbaren und Unsichtbaren sind sehr weittragend, verbleiben aber im Empirischen, Nachvollziehbaren, Kritisierbaren (ungefähr so wie die aristotelische Physik).