τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Sonntag, 10. Januar 2016

Philosophen-Café-Protokoll

 Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?

Das Thema des gestrigen Philosophen-Cafés war die Frage „Warum existiert die Welt?“ und diese verdient es, protokollarisch festgehalten zu werden. Einmal weil sie durch ihre Eigenart imstande ist, die Position der Philosophie zu markieren: als die Fähigkeit oder das Interesse, auch solche Fragen zu stellen, die in Richtung Unbeantwortbarkeit tendieren. Mit dem Begriff „Welt“ nimmt sich die Frage eine Größe vor, welche schon an den Rand unserer Fassungskraft grenzt (wiewohl der neulich erwähnte griechische Kosmos-Begriff den Welt-Begriff fassbar zu machen sucht). Doch die Warum-Frage scheint das Phänomen „Welt“ auch noch zu übersteigen. Vor allem, wenn man an die uns bekannten Schöpfungsreligionen denkt, welche der Welt einen transzendierenden Gott „vorsetzen“ – um die Frage zu beantworten (auch wenn sie sie gar nicht stellen). Die Spezialität der Religionen liegt ja darin, Antworten auf alle möglichen Fragen zu liefern, auch auf solche, die vom menschlichen Verstand weder aufgeworfen noch beantwortet werden. Doch unsere Frage positioniert die Philosophie auch im Verhältnis zu den Einzelwissenschaften, welche aufgrund begrenzter Erkenntnisse weitere – aber begrenzte – Fragen aufwerfen. In unserem Fall etwa die Frage nach einem eventuellen zeitlichen Anfang der Welt.

Falls der Begriff „Welt“ hier die Gesamtheit des Existierenden meint, könnte die Frage ohne wesentliche semantische Änderung durch eine klassische Formel ersetzt werden, die da lautet „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“. Sie wird häufig auf Leibniz zurückgeführt, findet sich aber auch bei anderen Autoren.[1] Es geht dabei nicht einfach um die Gegenüberstellung von „etwas“ und „nichts“, schon gar nicht um ein substantiviertes „Nichts“, sondern um das Warum für die vorausgesetzte Tatsache, dass es überhaupt etwas gibt (und nicht gar nichts).

Eine Voraussetzung, die schwerlich zu bestreiten ist (höchstens einige griechische Sophisten mögen sich dazu verstiegen haben) und die bei näherem Zusehen auch noch Spezielleres impliziert: etwa die Existenz der Frage selber sowie die der Fragenden. 

Der Fragesatz setzt also die Existenz von etwas voraus – und trotzdem fragt er nach dem Warum. Ich höre da einen leisen Protest heraus, ein leises Plädoyer dafür, dass es „vielmehr“, d. h. „eher“, d. h. „lieber“ nichts geben möge – weil dann vielleicht „alles“ einfacher, leichter wäre. Jedenfalls könnte bzw. müsste man dann nicht so eine schwierige, ja unbeantwortbare Frage stellen. Ich bin darauf schon einmal eingegangen – am 29. Mai 2013.

Ich vermute da eine Tendenz zum Einfacheren, ja zum Bequemeren. Eine Tendenz, die ich mit der „Moderne“, einer bestimmten Moderne, assoziiere: Tendenz zu weniger Arbeit, zu weniger Anstrengung, zu mehr „Freizeit“ (nicht: Muße). Eine Tendenz zu weniger Unterscheidung, zu weniger Ordnungsaufbau, zu weniger Unwahrscheinlichem. Zu Wahrscheinlicherem.

Also die Tendenz, die man seit dem 19. Jahrhundert als Tendenz zu höherer „Entropie“ in geschlossenen Systemen bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen irreversiblen Prozeß in geschlossenen Systemen. Einfachstes Beispiel: Auflösung einer aus vielen Schneekristallen bestehenden weißen Schneedecke in eine weniger geordnete Bewegung einzelner Wassermoleküle, die ins Erdreich versinken. Weniger einfaches Beispiel: Verwesung eines abgestorbenen Organismus, etwa eines verendeten Rehes, und Auflösung in seine Bestandteile, die irgendwann dann nicht mehr organischen Charakter haben. Dabei handelt es sich um irreversible Prozesse in geschlossenen Systemen, also in begrenzten Formaten. Während die Leibniz-Frage sich auf viel größere Dimensionen bezieht. Weshalb sie ja auch das Übergewicht der „Negentropie“ akzeptiert; ich sage: akzeptieren muß.

Der Vorläufer des Begriffs „Negentropie“, nämlich „negative Entropie“, wurde von Erwin Schrödinger eingeführt, und zwar zur Charakterisierung von Lebewesen.[2] Schrödinger hielt daran fest, dass auch Lebewesen den Gesetzen der Physik folgen. Sie zeichnen sich jedoch durch Energiezufuhr, -speicherung und -umwandlung aus, sind also offene Systeme und fähig, das Gegenteil von Entropie zu leisten.

Ähnliches geschieht beim Aufbau von kulturellen Organisationen, Werken, Praktiken. Auch da kommt es zu unwahrscheinlichen Gebilden und Prozessen.

In bezug auf die Leibniz-Formel vermute ich nun: gerade weil sie einen leisen pro-entropischen Ton anschlägt, legt sie eine anti-entropische Beanwortung der in ihr enthaltenen Frage nahe: es gibt etwas – und nicht etwa gar nichts, weil in dem von ihr eröffneten Raum eine Kraft am Werk ist, die für Etwas überhaupt, für das Sein von Etwas überhaupt optiert und arbeitet. Eine Kraft und eine Art Wille. Ein Art Wille, der sich gegen das Leichtere und Einfachere entscheidet: für Differenzierung, Strukturierung, Ordnung, für Leistung und Tätigkeit, für die Fortsetzung und Vermehrung von Tätigkeit.

Eine Option für das Existieren, die mit dem Einsatz für Tätigkeit und Relation, für Differenz und Pluralität Hand in Hand geht. Ich setze diese Option in einer ontologischen Schicht an, in der ich noch keine getrennten Entitäten, etwa Subjekte oder Objekte ausmachen kann. Auch keine unterscheidbaren Aktivitäten wie Lieben oder Erkennen oder Hassen. Aber irgendwelche Kristallisierungen müssen da stattfinden, die wohl zu solchen Differenzen führen, wie sie uns in der Welt der Erscheinungen begegnen. Begegnungen und Erscheinungen – ja solche banalen Phänomene müssen da zustande kommen. Was denn sonst? Allerdings Begegnungen und Erscheinungen mit Bedeutungen.

Wenn mein Antwortversuch von einer fundamentalen Willensschicht spricht, mag man daran denken, dass Philosophen wie Arthur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche einen „Willen zum Leben“, einen „Willen zur Macht“ angenommen haben. Inwieweit der von mir angesetzte Grundwille mit diesen Konzeptionen konvergiert, sei dahingestellt.


Walter Seitter



[1] Siehe dazu die umfangreiche Publikation von R. Hauswald, J. Lemanski, D. Schubbe (Hg.): Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? (Hamburg 2013).

[2] Siehe Erwin Schrödinger: Was ist Leben? – Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet (München 1951). Auch Ludwig von Bertalanffy erforschte den Zusammenhang zwischen Entropie und Leben.