τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 11. Februar 2016

In der Metaphysik lesen (1023a 25 – 32)


Nachtrag zur Privation: Gianluigi Segalerba kommt auf Met. IV zu sprechen, wo die vielfältige Aussagung des Seienden als Seienden zum Prinzip einer bestimmten Wissenschaft, nämlich der ersten Philosophie, erklärt wird, und zu dieser Vielfältigkeit gehört auch die Negation. Folglich sind auch Gegensatz und Privation Sache derselben Wissenschaft. Es geht um die Frage, wie weit die Mannigfaltigkeit reicht, die von einer Wissenschaft zu behandeln ist. Und welche Mannigfaltigkeit dann von anderen Philosophien, einer zweiten oder dritten, beziehungsweise von anderen Wissenschaften zu behandeln ist. Met. IV, 1004 a 2: Es gibt ebenso viele Teile der Philosophie wie es Wesen gibt. Sobald es sich um ein anderes Wesen handelt, ist eine andere Wissenschaft am Zug. Aber die Seinsmodalitäten eines einzigen Wesens sind Sache einer Wissenschaft, wie weit sie auch auseinanderklaffen mögen. Um zwei Seinsmodalitäten aus Met. IV, 1003b 8 herzuzitieren: der „Weg ins Wesen“ einer Stadt und die „Zerstörung“ einer Stadt sind Sache der Politikwissenschaft, denn die Stadt ist ein Wesen. Setze ich aber das Seiende als solches als „Wesen“, dann gehört die Untersuchung zur ersten Philosophie (oder zur Ontologie). Steht die Stadt als „anderes Wesen“ für das, was ich einen „Realitätsbereich“ nenne, oder einen „Sachbereich“?

Gesche Heumann fragt, ob etwa die Religion im Wörterbuch eine Erwähnung findet. Eher nicht. Doch findet sich eben im Abschnitt 23, Met. IV, 1023a 20, die typisch griechische Bemerkung, dass der Titan Atlas den Himmel trage (damit der nicht herabstürzt): ein augenscheinlich existierendes, ein natürliches Phänomen (nämlich das Atlas-Gebirge in Nordafrika, am Eingang zum Atlantik) wird personifiziert und mit einer übergroßen kosmologischen Leistung betraut. Und die Antwort ist ebenso typisch aristotelisch: die Dichter machen Atlas den Himmel halten: die Religion wird auf die Dichter zurückgeführt (in diesem Fall ist es Hesiod); Aristoteles antwortet nicht gläubig sondern religionswissenschaftlich. Die Religion wird herbeizitiert und durch und durch wissenschaftlich analysiert. Diese Religion war es, die auf ihrem Boden alle Wissenschaften (auch die Philosophie) hat emergieren lassen. Und sie bleibt auch bestehen, wenn sie aufgeklärt wird. Alle diese Aspekte sprechen für jene Religion und dafür, dass so eine Haltung durch philosophische Diskussion wieder gestärkt wird – Bruno Latour arbeitet in dieser Richtung.

Ein guter Text? Eher nicht. Aber ein reichhaltiger.

In diesem Stil geht es weiter in Abschnitt 24: aus etwas sein. Erste Bedeutung: aus einem Material sein; die rein logische Unterscheidung zwischen erster Gattung und letzter Art führt zu Wasser und Erz (die Gemeinsamkeit liegt beim Schmelzen); würde man bei der ersten Gattung näher nachschauen, stieße man auf die drei anderen „Elemente“ Erde, Luft, Feuer; diese vier ersten Körper wandeln sich ineinander um; ihnen liegen die Eigenschaften warm-kalt, trocken-feucht zugrunde; und ob darunter noch eine „erste Materie“, eine unwahrnehmbare und nicht getrennt existierende, tatsächlich von Aristoteles angenommen wird, ist umstritten. Mit so einer spekulativen Konstruktionsüberlegung befindet man sich an einem Gegenpol zur eben erwähnten Berg-Verehrung und auch da dürften sich Anschlüsse an gegenwärtige Diskussionen finden lassen.

Zweite Bedeutung: aus etwas, nämlich aus einem ersten bewegenden Anfang, herrühren; wie aus der – verbalen - Schmähung der – handgreifliche – Kampf. Entstehung von Konflikten, Kriegen aus „ganz anderen“, jedenfalls kategorial anderen Anfängen. Woraus eine sehr wichtige Lehre gezogen werden kann: dass nämlich verbale Auseinandersetzungen, die nötig sein können, schon innerhalb des Verbalen bestimmte Grenzen nicht überschreiten sollten (Beispiel Tumult. Zeitschrift für Konsensstörung, AfD ...)

Nächste Sitzung am 24. Februar 2016


Walter Seitter  
 
Sitzung vom 10. Februar 2016