τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 4. Februar 2016

In der Metaphysik lesen (1023a 8 – 25)

Im letzten Protokoll wurden zwei abstrakte oder metahafte Ordnungsdimensionen unterschieden: die Realitätsbereiche und die Seinsmodalitäten.

Zweifellos stehen die Realitätsbereiche dem Wissenschafts- und Erfahrungswissen ziemlich nahe, denn da geht es um inhaltliche oder thematische Gliederungen oder Stufen, die man in Gegensatzpaaren ordnen kann aber nicht muß: anorganisch, organisch, pflanzlich, tierisch, menschlich, göttlich, natürlich, künstlich (technisch), physisch, psychisch – das sind einige solcher Bereiche (hier allerdings einander überschneidend angehäuft). Ob die Bezeichnung „Realitätsbereich“ besonders gut ist, sei dahingestellt.

Den Begriff „Seinsmodalität“ hat mir erstens die Lektüre der Poetik eingeflößt – und zwar anhand der logischen Modalitäten (zwischen unmöglich und notwendig); sodann die aristotelische Kategorienlehre, die den Übergang von der Logik zur Ontologie ausarbeitet, und dann vor allem das Buch IV der Metaphysik, wo die Ontologie explizit als Programm formuliert wird und zusätzliche „kategoriale“ Modalitäten genannt werden, darunter so elementare wie Möglichkeit und Wirklichkeit. Im Wörterbuch von Buch V werden 30 Stichworte aneinandergereiht und jeweils immanent differenziert (wodurch sie dann auch miteinander verkettet werden). Alle 30 sind als Seinsmodalitäten erkennnbar (wenngleich die Beispiele notwendigerweise aus den Realitätsbereichen stammen) – mit einer Ausnahme: physis=Natur; dieser Begriff bezeichnet einen großen Realitätsbereich – wie auch noch heute (aber heute mit Verunsicherungen). In anderen Schriften von Aristoteles wird mit diesem Begriff außerdem noch eine Seinsmodalität bezeichnet (synonym mit „Wesen“); diese Bedeutungsrichtung wird in Metaphysik V höchstens leise angedeutet.

Das Stichwort für den Abschnitt 23 lautet „Haben“ – zum ersten Mal ein Verb im Infinitiv; folgend auf steresis=Nicht-Haben und bald folgend auf hexis=Habe. Das sis-Wort liegt semantisch sehr nahe beim Infinitiv. Also beinahe derselbe Begriff zweimal in einem Wörterbuch. Dem „Sein“ wird so ein Auftritt nicht zuteil.

Hier wird speziell das transitive Bedeutungsspektrum aufgetan, beginnend mit einer sehr aktiven Bedeutung, die einer Kategorienvermengung nahekommt: echein=agein, etwas haben als etwas nach eigenem Trieb treiben, führen ... : so das Fieber den Menschen, die Tyrannen die Städte, die Bekleideten das Gewand. Nach eigenem Trieb agieren ist die typisch animalische Aktivität. Die zweite Bedeutung von Haben: ein Material hat eine Form oder Qualität. Dritte Bedeutung: haben als umfassen; so das Gefäß die Flüssigkeit, die Stadt die Menschen, das Schiff die Matrosen. Übrigens spricht Aristoteles dem Ort eben dieses Umfassen zu; jeder Ort hat seine Sache. Vierte Bedeutung: haben als halten, festhalten, auseinanderhalten zusammenhalten (und daran hindern, nach eigenem Trieb zusammenzufallen oder auseinanderzufliegen) – also gegen den Trieb eines anderen wirken.  Und „in etwas sein“ folgt dem „haben“ und ist gleichbedeutend mit „gehabt werden“.

Dem Haben wird da eine Kraft zugesprochen, eine Art Übermacht über das Gehabte. Wobei die Stadt einmal in der Rolle des Schwächeren, ein ander Mal in der Rolle des Stärkeren vorkommt.


       schwächer                             stärker                                                                            
                     
Leute                      Stadt                             Tyrann

Die Stadt ist stärker als die Leute: aufgrund ihrer baulichen, seinerzeit festungsartigen Struktur, außerdem Übermacht des Kollektivs gegen die Einzelnen; wenn dann das Kollektiv auch noch einem übermächtigen Einzelnen untersteht, dann sind die kleinen Einzelnen schlecht dran. Das kann sich ändern, wenn die Stadt von den Leuten selber gehabt, innegehabt wird – und zwar von den Leuten, welche die natürliche Übermacht des Kollektivs über die Einzelnen politisch konterkarieren können, sodaß die Stadt Leute hat, welche die Stadt haben, und sich keine schroffe Übermacht bildet.

Die Unterscheidung von „schwächer“ und „stärker“ gehört zur Dimension der Seinsmodalitäten – woraus hoffentlich hervorgeht, dass diese nicht unwichtig ist.

Walter Seitter  
 
Sitzung vom 3. Februar 2016



PS.: Erstes Wiener Philosophen-Café  im Café Korb am Samstag, 6. Februar 2016, um 16 Uhr : „Philosophie und Sexualität“