τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 17. März 2016

In der Metaphysik lesen (Zur Substanz)


Das Wort „Akzidens“ steht für eine Metakategorie, welche laut Kategorien neun einzelne Kategorien, nämlich die Akzidenzien, umfasst. Dazu kommen jedoch in anderen Schriften, zum Beispiel im Buch IV der Metaphysik, sowie im sogenannten „Wörterbuch“, also Buch V, noch weitere Seinsmodalitäten, von denen einige den Akzidenzien zugeordnet werden können. Im Kontrast zu den vielen Akzidenzien verbleibt die Substanz in der Einzahl und behauptet damit ihre einzigartige Stellung und ihren Primat. Auch einzelnen Akzidenzien wie dem echein von Abschnitt 23 in Buch V wird das pollachos legetai zugesprochen (1023a 8) – nicht aber der Substanz.

Und doch findet sich auch für die Substanz eine Differenzierung: kata dyo tropous legetai – sie wird in zwei Versionen eingesetzt (1017b 23): wohlgemerkt in genau zwei Versionen und diese zwei sind nicht einfach zwei nebeneinander liegende Bedeutungen sondern zwei formal unterschiedliche und streng zusammengehörige Aspekte. In den Kategorien heißen sie „erste Substanz“ und „zweite Substanz“. Mit der ersten Substanz sind getrennt existierende Individuen gemeint, mit der zweiten Substanz sind Artbestimmungen gemeint, die nur in den Individuen vorkommen und ohne die die Individuen nicht auskommen. Mit den Artbestimmungen werden die Individuen an die Klasse ihrer Artgenossen angeschlossen, indirekt auch die noch umfangreichere Klasse ihrer Gattungsgenossen. Am 18. April 2013 habe ich (in indirektem Anschluß an Philippe Descola) die vielen aristotelischen Bezeichnungen zusammengestellt, die Aristoteles für die zweite Substanz in Verwendung hat: es sind beinahe zehn und sie reichen von eidos und morphe bis entelecheia und psyche. Handelt es sich dabei um strikte Synonyme oder etwa gar um ein - neuerliches - pollachos legetai der zweiten Substanz auf niedrigerer (?) Ebene?

Diese Frage sei offengelassen – aber es darf die Vermutung geäußert werden, dass die Substanz, dieses Bollwerk der Einheit in der Brandung, beinahe im Chaos der Akzidenzien und der weiteren Seinsmodalitäten, doch nicht ganz unerschütterlich dasteht.

Mir geht es in der Aristoteles-Lektüre darum, seine Fachsprache in Umgangssprache zu übertragen. Ein Anliegen, das sich nicht mit dem Problem der Übersetzung, der technisch optimalen Übersetzung, deckt, sondern darüber hinausgeht. Erfreulicherweise hat Aristoteles selber sich dieses Anliegen zu eigen gemacht und das Verhältnis von erster Substanz und zweiter Substanz auch mit dem Schema „Ganzes – Teil“ ausgedrückt. So in dem bereits gelesenen Abschnitt 25, wo als Ganzes ein eherner Würfel vorgestellt wird und als zwei Teilaspekte der Stoff, also die Bronze, und die Form beziehungsweise das Formelement Winkel. Die Gesamtform, also die Würfelform, würde der zweiten Substanz entsprechen. Diese Form ist zwar nur ein Teilaspekt des Würfels, aber ein so wesentlicher, dass Aristoteles ihm den Titel „Substanz“ nicht verweigern will (der ja mit dem Wort „Wesen“ auch sehr gut wiedergegeben werden kann – worüber wir im Dezember 2013 schon eingehend gesprochen haben).

Daher die „Spaltung“ der Substanz in die „zwei Substanzen“ (oder in die „zwei Wesen“), die beide denselben Titel bekommen, obwohl die beiden als das Ganze und der Teil eigentlich nicht gleichberechtigt zu sein scheinen. Aber dieser Teil ist eben gleichberechtigt, daher gleichermaßen titelberechtigt. Die Spaltung ist auch eine Doppelung.

Die Übertragung in Umgangssprache wird von Aristoteles noch weitergetrieben – und zwar in dem kleinen und bereits gelesenen Abschnitt 8 des Wörterbuches, welcher eben der Substanz, dem Wesen, der ousia gewidmet ist. Ich verkürze den Text: Wesen heißen die Körper und die aus ihnen bestehenden Lebewesen ..... Andererseits heißt Wesen das, was in solchen Dingen als Ursache des Seins enthalten ist, wie etwa die Seele im Lebewesen (siehe 1017b 10ff.) Hier setzt Aristoteles für seine Fachbegriffe „erste Substanz“ und „zweite Substanz“ die Allerweltsbegriffe „Körper“ und „Seele“ ein, damit alle verstehen und nach Belieben selber konkrete Beispiele bilden können. Das Wort „konkret“ passt übrigens besonders gut für die „erste Substanz“, die eben zusammengewachsen ist aus Stoff und Form, man könnte auch sagen aus „erster Substanz“ und „zweiter Substanz“ – und in die Konkretion aus Stoff und Form ist noch dazu die Privation eingeflossen (wie in Buch XII ausgeführt wird). Im Abschnitt 8 dann noch die zusammenfassende Unterscheidung zwischen dem individuell und getrennt Seienden einerseits, Gestalt und Form andererseits.

Das heißt, dass Aristoteles dem Hauptbegriff der Physik, also „Körper“ auch in der Ontologie einen gewissen Vorrang einräumt – und mit „Körper“ meint er alle Erscheinungen des Kosmos, insonderheit die Lebewesen und ganz speziell die Menschen. Sie alle sind „erste Substanzen“, also „Körper“. Und sie alle haben je eine „zweite Substanz“, also eine „Seele“ – im strikten oder im weiteren Sinn, denn wenn sie keine hätten, wären sie keine Körper, keine qualifizierten Körper (Steine, Blumen, Tiere und so weiter). Die Seele wird wiederum als „Ursache des Seins“, als Formursache, fachsprachlich charakterisiert. Sie verleiht dem Körper seine spezifische Qualität, „verursacht“ die Aufrechterhaltung dieser durch die Zeit hindurch, gewährleistet durch spezifische Seelenkräfte wie Erinnerung den Zusammenhang von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde.

Man ist Körper und hat Seele. „Man“ – das heißt: jeder, jede, jedes. „Körper“ heißt: das jeweilige individuelle Ganze; „Seele“ heißt: der Aspekt des Was, des Soseins, der Art, welcher den Körper mit allen Artgenossen verbindet.


Nächste Sitzung am 30. März 2016

Walter Seitter  
 
Sitzung vom 16. März 2016