τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 9. Juni 2016

In der Metaphysik lesen (Kategorien, Seinsmodalitäten, Substanzen)


Am letzten Donnerstag, dem 2. Juni, war eine Ausstellung zu sehen, die dem Thema „Muttermilch“ gewidmet ist. Also genau dem Thema, das wir vor einigen Monaten mit der aristotelischen Terminologie besprochen haben – nicht ohne deutlichen Widerstand einiger Seminarteilnehmerinnen. Wir sprachen vom „Mutteressen des Säuglings“, wir betrachteten die Sache aus der Perspektive des Säuglings, des Nehmenden und sein Überleben Besorgenden. All das muß einen irgendwie grausamen Eindruck gemacht haben. In der Ausstellung hat die Künstlerin, Irini Athanassakis, die Sache unter den Hauptbegriff des Gebens gestellt und damit befand man sich in einer ethischen Wohlfühlatmosphäre. Es ging aber um genau denselben Sachverhalt. Man kann jedweden Sachverhalt mit unterschiedlichen Zugängen, Betrachtungsweisen, Redensarten „behandeln“ und damit unterschiedliche Wirkungen erzielen. (Dieser sozusagen „Meta-Sachverhalt“ liegt dem zugrunde, was ich einmal „Tychanalyse“ genannt habe).
Es wurde die Feststellung gemacht, dass das Wort „geben“ bei Aristoteles nicht in den Rang einer Kategorie gehoben worden ist – und sogar, dass dieses Wort bei Aristoteles überhaupt sehr selten, beinahe nie (?) vorzukommen scheint. Kann man das Geben irgendwo in seiner Kategorientafel implizit ausfindig machen? Am ehesten wohl als eine Sorte in der Kategorie „Wirken“ und die Kategorie „Haben“ hängt indirekt damit zusammen. Das Wort für „Nicht-Haben“ steht außerhalb der Kategorien, kommt aber im Wörterbuch von Buch V vor. Der Begriff „Bewegung“ spielt bei Aristoteles eine allergrößte Rolle, bildet aber keine Kategorie. Daraus ergibt sich, dass die Kategorientafel nicht in Erz gegossen ist, man könnte sie auch umbilden. Ontologie wird zwar mit Wissenschaftsanspruch aufgestellt – aber nicht ohne Kontingenz.

Mein Thessalonicher Vortrag „Accidentalism in Aristotle. Poetics and Ontology“, der aus der Poetik-Lektüre der Hermesgruppe hervorgegangen ist, geht von der Feststellung aus, dass Aristoteles für den plot der Tragödie die Agens-Kausalität weitgehend durch die Ereignis-Kausalität ersetzt. Die „Handlung“ im literarischen Sinn soll durch die Verknüpfung der Handlungsmomente erreicht werden, die man wiederum mit den Akzidenzien gleichsetzen kann. Für diesen speziellen Bereich wird also der Primat der Substanzen suspendiert, was nicht heißt, dass dieser Primat generell außer Kraft gesetzt wird. Die Ausnahmesituation ist ja durch den Dichter herbeigeführt worden, der zweifellos eine Substanz ist. Und was Aristoteles zusätzlich behauptet, ist, dass die Tragödie selber eine neue Substanz eigener Art ist: eine artifizielle - mit dem plot als Seele und mit gewissen materiellen Komponenten als Körper. Das heißt: man kann mit dem Begriff „Substanz“ auch jonglieren und wenn man sich an gewisse Kriterien hält, bleibt man im Rahmen der aristotelischen Ontologie.

Die aristotelische Ontologie wird auf den Begriff der Substanz (Essenz, Wesen(heit)) nicht verzichten können, sie impliziert aber keinen „Substanzialismus“, der in der Welt möglichst viele Substanzen etablieren will, etwa die Wahrheit oder den Staat oder die Sprache zu Substanzen ernennen will. Das Axiom der Ontologie heißt: das Seiende wird mannigfaltig ausgesagt und mannigfaltig heißt: eine Kategorie heißt „Substanz“, neun sind die Akzidenzien und zu denen kommen noch einige weitere nicht-substanzielle Seinsmodalitäten (Potenz, Bewegung, Zeugung, Zerstörung .... (diese sind nicht abzählbar!)). Die Mehrheitsverhältnisse in der Ontologie sind nicht günstig für die Substanz und wenn sie sich wichtig macht, noch wichtiger als sie ohnehin ist, oder wenn sie übermäßig wichtig gemacht wird von Aristoteles-Spezialisten wie Christof Rapp, so ändert das nichts an ihrer prekären Lage.

Der Abschnitt 8 im Buch V, den wir äußerst oft gelesen, erwähnt, erinnert und wieder erinnert haben und den wir vielleicht noch öfter erinnern werden, wenn es denn sein muß (allerdings habe ich noch bei keinem Kommentator von der außerordentlichen Aussagekraft dieses Abschnitts gelesen), dieser Abschnitt antwortet auf die Frage, wo eigentlich, was eigentlich, wer eigentlich die Substanzen sind, so: es sind die Körper mit Seelen - folglich auch ich, du, er, sie, es und so weiter. Alle ganz anderen Entitäten wie Eigenschaften, Beziehungen, Möglichkeiten, Wörter, Wahrheiten, Existenzen, Negationen sind keine Substanzen. Das heißt nicht, dass sie einfach Differenzen sind, sie lassen sich vielmehr genauer charakterisieren – wie eben angedeutet.
Im übrigen: wenn man gar kein Dichter ist, wenn man keinem Ding eine Seele andichten mag, dann wird es gar wenig Substanzen geben. Die Ontologie ist eine Wissenschaft – nicht ohne Kontingenz, nicht ohne Übermut. Wissenschaft gibt es überhaupt nur mit Übertreibung. Bruno Latour: Jubilieren (Frankfurt 2011)


Walter Seitter
 
Sitzung vom 9. Juni 2016


PS.:


Vortrag von  Christos Sidiropoulos

„Dreieinigkeit und Einheit: vom Dasein zum das-Ein“


VINOE – Die Niederösterreich Vinothek, Piaristengasse 35, 1080
Montag, 13. Juni 2016, 19:30 Uhr 



PPS.:


Buchpräsentation

HANS SCHELKSHORN, HELMUTH VETTER: FRIEDRICH WOLFRAM „ANTHROPOLOGIE DER GEWISSHEIT. EIN VERSUCH ÜBER DEN GLAUBENSBEGRIFF BEI ARISTOTELES

Otto-Mauer-Zentrum / Währinger Str. 2-4 / 1090

Dienstag, 14. Juni 2016, 19 Uhr