τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Donnerstag, 12. Januar 2017

In der Metaphysik lesen (Buch V (D), 1025a 14 - 35)

Das Buch V weist die sonderbare Form einer Auflistung von 30 Begriffen auf, die auf ziemlich gleichartige Weise analysiert, in ihrer Mehrdeutigkeit auseinandergelegt werden. Der letzte Abschnitt mit dem letzten Begriff ist dem Akzidens gewidmet – einem Hauptbegriff der aristotelischen Philosophie und gleichzeitig auch einem „letzten“, nämlich dem Gegenbegriff zum „Wesen“, insofern gerade einem „Nebenbegriff“, wenn man die Rangordnung in Betracht zieht. Begriffe, die rangmäßig obenan stehen, haben wir in den ersten Abschnitten angetroffen; seit geraumer Zeit, etwa seit der Nummer 10, haben wir es eher  mit niedrigen Begriffen zu tun, die dem Akzidenziellen näherstehen – nun also genau der Begriff des Akzidens.

Zuerst eine logische Charakterisierung (gleichzeitig eine ontologische): A. ist das, „was an etwas vorhanden ist und wahrheitsgemäß ausgesagt werden kann aber nicht aufgrund von Notwendigkeit oder Häufigkeit“. Bernd Schmeikal weist darauf hin, dass logische Modalität und mathematisierbare Wahrscheinlichkeit unterschieden werden müssen – aber hier scheint Aristoteles die Wahrscheinlichkeit  in die Modalitäten einzugliedern (explizit hat er das in der Poetik getan). Akzidenzielles hat einen niedrigen Wahrscheinlichkeitsgrad. Das ist offensichtlich beim zufälligen Schatzfund, der zwar als Glücksfall erlebt werden kann, zunächst aber ist er ein Störfall bei der Gartenarbeit. Zweites Beispiel das Zusammentreffen von Gebildetheit und weißer Hautfarbe (sofern diese, also die Hautfarbe der Europäer, gemeint ist). Wenn Aristoteles diese beiden Beispiele formal also wahrscheinlichkeitsmathematisch gleichschalten würde, hieße das, dass er das Bildungsniveau der Europäer eher gering veranschlägt. Aber auch das Bildungsniveau der feinen Leute, die ihre vornehme Blässe bewahren, weil sich nicht als Hirten oder Bauern verdingen müssen. Auch das dritte Beispiel für diese Art von Akzidenzialität geht in Richtung Unwahrscheinlichkeit, da es geradezu einen Verkehrsunfall evoziert: der Reisende, den ein Sturm oder ein Raubüberfall nach Ägina verschleppt hat.

In allen drei Beispielen nennt Aristoteles denjenigen, „an dem“ das Akzidens vorkommt: den Gartenarbeiter, den Musischen, den Reisenden. Doch setzt er dafür nirgends den Kategorien-Begriff ein, der in der aristotelischen Systematik dafür zuständig ist: ousia, Substanz.

Diese drei Beispiele stehen für den ersten Typ von Akzidens: dasjenige, was nur zufällig an etwas vorkommt.

Der zweite Typ von Akzidens kommt ebenfalls an etwas vor – aber notwendig und ewig. Wie die Winkelsumme von zwei rechten am Dreieck. Wieso aber dann Akzidens? Weil sie nicht in seinem Wesen enthalten ist, da das Dreieck auch ohne sie konstruiert werden kann – allerdings stellt sie sich dann notwendig ein: notwendiges oder eigentümliches Akzidens. Ewiges Akzidens (wohlgemerkt eine nicht-religiöse Ewigkeit). Ein sehr wesensnahes Akzidens, für unsere Vorstellung eigentlich schon eine wesentliche Eigenschaft. Doch die moderne Mathematik hat auch Dreiecke mit anderen Winkelsummen erdacht und insofern den Begriff des „notwendigen Akzidens“ plausibel gemacht...

Dieser „Lexikon-Eintrag“ zum Akzidens kann als aristotelisch gelten, selbst wenn sich seine Redaktion über den Tod des Aristoteles hinaus erstreckt hat, etwa gar bis ins 1. Jahrhundert vor Christus, in welchem nach allgemeiner Auffassung Andronikos von Rhodos die Schlußredaktion der heute erhaltenen Schriften vornahm. Ein Vergleich mit dem Akzidens-Artikel in Ottfried Höffes Aristoteles Lexikon (Stuttgart 2005) zeigt, dass da die Systematik rund um den Begriff  viel besser ausgearbeitet ist. Aber selbst dieser Beitrag erwähnt überhaupt nicht die sachliche Gliederung des Akzidens-Begriffs, wie sie durch neun der zehn Kategorien geleistet wird.

Das Buch V erweist sich als ein Textstück, welches zentrale Begriffe der aristotelischen Philosophie in einer Weise ordnet, die eher auf eine Entsystematisierung hinausläuft und unterschiedliche Anschlußmöglichkeiten eröffnet.

Zu den Akzidenzien habe ich gelegentlich noch weitere Fragen beziehungsweise Gesichtspunkte entwickelt. So die Frage, ob nicht auch zufällige akzidenzielle Eigenschaften insofern an Notwendigkeiten hängen, als die jeweiligen Parameter wie etwa Ort oder Zeit oder Farbe (Qualität) den jeweiligen Wesen, also den natürlichen Körpern, notwendig zukommen. Eine derartige Erörterung findet sich in dem Mail-Verkehr zwischen Wilhelm Schwabe und mir, abgedruckt unter dem Titel „Platon, Aristoteles“, in Sehen und Sagen. Für Walter Seitter (Wien 2017): 166ff. Und in Poetik lesen 2 (Berlin 2014) wird gezeigt, wie Aristoteles selber die Dominanz der Substanzen gegenüber den Akzidenzien relativiert und diese zu den Hauptakteuren erklärt.

Walter Seitter
Sitzung vom 11. Jänner 2017