τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 16. Februar 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI, 1025b 30 – 1026a 7)


Die Physik, also Naturwissenschaft, Naturkunde, Naturlehre, ist so eine theoretische Wissenschaft und sie beschäftigt sich mit Dingen, die sich bewegen können, aber auch mit dem begriffsmäßigen Wesen, sofern es in der Regel nicht getrennt vom Stoff existiert. Bereits mit dieser Zweiheit formuliert Aristoteles neu, was er in der Kategorienschrift mit Erster Substanz und Zweiter Substanz sowie im Abschnitt 8 von Buch V mit Körper und Seele unterschieden hatte. Ohne Herausarbeitung des Was oder der Wesenheit gibt es keine Wissenschaft und schon gar nicht eine theoretische Wissenschaft.

Was nun die Körper betrifft, hatte er schon in Buch V auch deren Teile unter den Begriff ousia gestellt, was uns wundern mag, da wir Körperteilen kaum die Leistung der selbständigen Existenz oder gar der Selbstbewegung zuschreiben dürften – allerdings finden sich gerade am Menschen viele Körperteile, die doch dazu fähig zu sein scheinen, etwa Arme, Hände und sogar Finger, erst recht das Herz als Hauptmotor und –maschine, und das gilt sogar für die Nase, die als eine Art Luftbewegungmaschine funktionieren kann.[1]

Aristoteles treibt jetzt die Polarität zwischen Körperding und Begriffswesen auf die Spitze, indem er einerseits den Körperteil Nase und andererseits eine mögliche, im Grunde genommen paradoxe und jedenfalls akzidenzielle Eigenschaft derselben, nämlich die Eigenschaft „hohl“ (konkav), aufstellt; paradox weil die Nase insgesamt als Körpervorsprung zur geometrischen besser gesagt topologischen Eigenschaft „konvex“ neigt oder vielmehr ragt. Jetzt soll ausgerechnet die der äußeren Nasengestalt abgeschaute Eigenschaft „hohl“ für das Wesen stehen und diesem Wesen werden drei Grade von zunehmender Abstraktion bzw. abnehmender Konkretion zugeschrieben, was in Richtung Logik bzw. formale Ontologie geht: Hohlnase, Hohlnasigkeit, Hohlheit.[2] Aber im ganzen Beispiel geht es um „Nasologie“ als Teildiszipin der Physiognomie bzw. Physiologie und wenn wir die Sache so ernst nehmen, wie wir sollen, denn ein Nur-Logiker ist Aristoteles nicht und wir hoffentlich auch nicht, so kommen wir drauf, dass auch die beiden anderen großen Wissenschaftsrichtungen sich um die Nase kümmern könnten.[3] Vor allem die poietisch-technischen Wissenschaften - angefangen von der Medizin mit Nasenheilkunde (Rhinologie), Nasenpflege, prothetische und ästhetische Nasenchirurgie (Rhinoplastik), bis hin zum Nasenschmuck mit Piercing oder ähnlichem sowie zur Riechkultur, wozu es neuerdings viele Bücher, auch philosophische gibt. Wie überhaupt alle technischen und ästhetischen Eingriffe müssen sich auch die nasenspezifischen gewissermaßen an der Nase fassen (lassen) und sich der Frage aussetzen, ob sie jeweils zum Glück der Menschen beitragen und die Glücksproblematik ist nach Aristoteles eine Frage der „Praxis“, die nach Kriterien des „Guten“ oder der „Tugenden“ zu entscheiden und zu besorgen ist, die ihrerseits in einer praktischen Wissenschaft überlegt und besprochen werden sollte. Die ästhetische Chirurgie etwa mag auch Sache der ärztlichen Ethik sein, die seit dem Hippokratischem Eid die Heilkunst in den Bereich der „Praxis“ einrückt.

Ich habe das Nasenbeispiel jetzt noch etwas detaillierter besprochen als Aristoteles das tut. Noch weniger detailliert nennt er in der Folge fast zehn weitere natürliche Körper oder Körperteile – aus den Bereichen der menschlichen und der botanischen Anatomie. Bei den Körpern geht die Analyse, wenn sie nicht nur mit der Sprache sondern auch mit Händen und Messern operiert, in die Anatomie über. Und bei all dem findet der Naturwissenschaftler immer auch die Wesenheit oder „Seele“, wie Aristoteles nun wieder ausdrücklich feststellt (1026a 6). Denn die Seele ist nichts anderes, als die Formursache, die die besseren Körper, die selbstbewegungsfähigen, qualifiziert, befähigt, beseelt.

Daher habe ich vor mehreren Jahren die ungefähr zehn aristotelischen Synonyme für „Formursache“ zusammengeschrieben und an ihre Spitze den Begriff „Seele“ gestellt – und das Ganze unter den Titel „Morphismus, Energismus, Krypto-Animismus .... Eine postaristotelische Glosse“. Jetzt ist der Text erschienen in Irene Albers (Hg.), Anselm Franke (Hg.):
Nach dem Animismus (Berlin 2017).

Der heute von uns gelesene Text zeigt geradezu drastisch, wo dieser Seelenbegriff seinen Platz hat: in der Philosophischen Physik.




Walter Seitter


Sitzung vom 15. Februar 2017




Buchempfehlung:

I. Albers,  A. Franke (Hg.): Nach dem Animismus  (Berlin 2017)

Mit Beiträgen von: Agentur, Artefakte // anti-humboldt, Cornelius Borck, Anselm Franke Alejandro Haber, Tom Holert, Harry Garuba, Avery Gordon, Maurizio Lazzarato und Angela Melitopoulos, Esther Leslie, Chris Marker, Spyros Papapetros, Elisabeth von Samsonow, Erhard Schüttpelz, Gabriele M. Schwab, Walter Seitter, Michael Taussig, Paulo Tavares, Eduardo Viveiros de Castro, Rane Willerslev 




Anmerkungen:

[1] Die jeweils getrennte Selbstbeweglichkeit der Finger ist zum Ausgang der sogenannten Digitalität geworden, die – nach Fritz Heider – die Philosophische Physik generiert hat; siehe Walter Seitter: Physik der Medien. Materialien, Apparate, Präsentierungen (Weimar 2002): 41ff.
[2] Indem Aristoteles von der Nasenästhetik ausgehend so tut, als würde er die Hohlheit zur Wesenheit der Nase erklären  (wie Heidegger die Hohlheit des Kruges zelebriert hat), wobei er die tatsächliche und wesensnotwendige innere Nasenhöhlung ignoriert, treibt er den Akzidenzialismus noch viel weiter als mit der Erhebung von „verstümmelt“ zu einem Hauptbegriff der Philosophie im Buch V.
[3] Im 18. Jahrhundert erfand der Hannoveraner Arzt Johann Georg Zimmermann (1728-1795) die neue Wissenschaft „Nasologie“, die Aristoteles anscheinend 2000 Jahre zuvor schon ins Auge gefasst hatte – und die vielleicht erst jetzt ausgearbeitet werden könnte.