τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 23. Februar 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI, 1026a 8 – 19)


Der eben gelesene kleine Abschnitt, der der Physik gewidmet ist, scheint mit seinen Beispielen aus der menschlichen und der pflanzlichen Anatomie etwas über die Vorlesung Physik hinauszugehen. Tatsächlich befasst  sich die  Wissenschaft der Naturkunde mit allen Naturkörpern, ja mit der Definition aller wahrnehmbaren Wesen (VII 1037a 14). Wir gehen davon aus, dass Aristoteles beim Schreiben dieses Buches hier die Physik   bereits vorliegen hatte, und das würde heißen, dass seine Situation mit der meinigen insofern vergleichbar ist, weil ich ebenfalls schon eine sehr weit ausholende Philosophische Physik in mehreren Büchern in Angriff genommen habe und von dieser Ausgangslage aus die zusätzlichen theoretischen Wissenschaften als Leser ins Auge fasse.

Wobei sich die Frage stellt, welche zusätzlichen Disziplinen es da noch gibt.

Für Aristoteles beantwortet sich die Frage zunächst mit der Mathematik. Doch diese Antwort fällt äußerst knapp aus – es scheinen nur unbewegliche und selbständige Gegenstände überhaupt noch übrigzubleiben – sind die wirklich Sache der Mathematik? Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass er sich hier so zurückhaltend äußert – obwohl wir doch offiziell längst „wissen“, dass die Mathematik für Aristoteles die zweite betrachtende Wissenschaft ist und welche ihre Gegenstände sind.  Es gibt ja Leute wie Friedrich Kittler, die behaupten, Aristoteles habe ein gestörtes Verhältnis zur Mathematik, er habe den Ahnherrn der griechischen Mathematik, Pythagoras, nie verstanden. Von mir selber weiß ich leider, dass ich da ziemlich schwach bin.

Aristoteles noch einmal: Unbewegliches und Selbständiges ist Sache der Mathematik.

Und dann: wenn es Ewiges, Unbewegliches, Selbständiges gibt – also das Gleiche plus Ewiges, wenn es das gibt, ist es Sache einer betrachtenden Wissenschaft. Aber nicht der Physik und nicht der Mathematik (deren Zuständigkeit jetzt anders bestimmt und geteilt wird). Sondern einer dritten oder vielmehr vorausliegenden, einer ehesten, also ersten Wissenschaft, die vom pluralischen Selbständigen und Unbeweglichen handelt – das doch zuvor der Mathematik zugeordnet worden war. Aber wohlgemerkt nur,    w e n n  es Ewiges, Unbewegliches, Selbständiges gibt.

Und diese Sachen werden jetzt plötzlich zu Ursachen ernannt – zweifellos eine Ernennung nämlich Aufwertung.

(Wie steht es eigentlich mit der Wertfreiheit (oder nicht) der drei Wissenschaftsrichtungen?

Die poietischen Wissenschaften werden kaum als wertfrei gelten können – denn sie zielen ja auf Herstellungsfähigkeiten, die ihrerseits erwünschte also wertvolle Werke hervorbringen sollen: Gesundheit, Gedicht oder dergleichen.

Die praktischen Wissenschaften zielen auf Handlungen, die in sich selber erwünscht also gut also wertvoll sein sollen.

Im Unterschied dazu sind die theoretischen Wissenschaften „wertfrei“, weil sie nur betrachten und aussprechen (!), was so ist, wie es ist – ohne ein Eingreifen, ohne Verändern, ohne Wunschdenken. Aber wie wir gleich lesen werden, spricht Aristoteles gerade diesen Wissenschaften einen Wert zu und zwar den höchsten. Oder soll  man sagen: einen Rang und zwar den höchsten?

Die drei Wissenschaftsrichtungen haben also alle etwas mit irgendwelchem Guten zu tun – aber wo und wie und inwiefern?)

Nach dieser Betrachtung in der Klammer und auf Metaebene wieder zurück zu den Gegenständen der dritten beziehungsweise ersten betrachtenden Wissenschaft – falls es solche Gegenstände überhaupt gibt.

Es sind Ursachen (im Plural) für die Sichtbarkeiten, Offenbarkeiten, Erscheinungen, Evidenzen (im Plural) des bzw. der Göttlichen (im Plural).

Wolfgang Koch sagt, dass Aristoteles hier den Sprung in die Spekulation macht.  Er selber könne das Gesagte nicht nachvollziehen, wolle es aber nicht abwerten.

Ich sage zum einen, dass mit den „Sichtbarkeiten“ die Funktion der Betrachtung und Nachvollziehbarkeit aufrecht bleibt. Insofern die Sichtbarkeiten solche der Göttlichen sind, gibt es jedoch einen Übergang mit Differenz. Die Göttlichen scheinen zwar zu erscheinen, aber die Erscheinungen sind nicht ganz identisch mit den Erscheinenden. Wir haben auch ansatzweise davon gesprochen, was diese Erscheinungen sein könnten: die äußerste aus den Fixsternen bestehende Sphäre des Kosmos, deren Materie der Äther ist – siehe Himmel.

Zum andern wird mit dem „wenn“ (das dann gleich wiederholt wird) eine Kluft eingeführt, ein Abgrund, der diese  dritte und angeblich erste betrachtende Wissenschaft (mitsamt den Erscheinungen) von den eher normalen beiden ersten (für uns ersten!) Wissenschaften trennt. Wenn es das überhaupt gibt ... Da wird ein Fragezeichen davor gesetzt ...  eine „Als-Ob-Betrachtung“? Also doch Spekulation?

Soviel einstweilen zu dem winzigen Satz 1026a 18. Rührt hier Aristoteles zum ersten Mal – in der Metaphysik – an das Göttliche? Im Buch I geschah das schon (982b 29ff., 983b  29) – aber war es dort nur historisch gemeint? Nicht nur. Dazu kommen noch im Buch V bei der Nennung der Körper(!), die Wesen sind, die daimonia (1017b 12).

Zusammenfassend nennt Aristoteles noch einmal die drei betrachtenden Wissenschaftsrichtungen: die mathematische, die physische, die theologische. Doch plötzlich bezeichnet er sie als „Philosophien“ und verleiht ihnen damit einen höheren Status.

Diese auffällige Tatsache muß uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Projekt „Metaphysik“ in dem Buch bisher fast immer unter „Wissenschaft“  lief. Von Anbeginn an lief es unter „gesuchte Wissenschaft“ und das bedeutet, dass es bereits etablierte Wissenschaften gibt, zu denen nun eine weitere hinzukommen soll. Die etablierten sind solche, die es schon seit längerem gibt – so die Mathematik mitsamt ihren Gliederungen, so die Medizin; dann die Physik, die Aristoteles selber in Form gebracht hatte (die aber auch schon Vorgängerinnen gehabt hatte).

Die aristotelische Philosophie wurde von Anfang an und jederzeit im Horizont der Wissenschaften entwickelt – die besprochene Klassifikation verstärkt die Bedeutung des Plurals. Dieser Horizont gehört zu ihr und zu jeder Philosophie. Philosophen, die die Philosophie aus dem Horizont der Wissenschaften emanzipieren wollten, würden in eine déformation professionelle verfallen, die als „Philosophismus“ bezeichnet wird: Befreiung der Philosophie von den Kriterien der Wissenschaftlichkeit (Nachvollziehbarkeit, Diskutierbarkeit).  Aristoteles wird die Philosophie immerzu unter der großen, nicht übermäßig vornehmen Gattung „Wissenschaft“ subsumieren. Und damit reiht er sich eher bei den "analytischen" Philosophen ein als bei den "kontinentalen". 

Plural oder Singular?


Natürlich kann  man, muß man jedes Substantiv, je nach Sachlage, im Singular oder im Plural verwenden. Im 19. Jahrhundert gab es eine Tendenz, bestimmte Wörter in einen feierlichen und irgendwie anspruchsvollen Singular zu setzen. So auch „die“ Wissenschaft. Und besonders interessant, vor allem für den Bereich der poietischen Fähigkeiten, Tätigkeiten, Wissenschaften: „die“ Kunst, „die“ Technik. Beide vom griechischen Wort techne abgeleitet, welches eine Vielzahl von Techniken/Künsten bezeichnet hat. „Die“ Kunst und „die“ Technik reißen den mannigfaltigen Bedeutungsraum von techne dualistisch auseinander und suggerieren zwei große womöglich unverträgliche Institutionen.


Walter Seitter


Sitzung vom 22. Februar 2017