τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 7. Juni 2017

In der Metaphysik lesen: Aristoteles, Platon und die Ideenlehre

Ich habe vorgeschlagen, in Platons Ideenlehre zwei Ebenen zu unterscheiden, und eine „spezielle Ideenlehre“ mit solchen Qualitäten wie dem Guten und dem Schönen und dem Wahren von einer „allgemeinen Ideenlehre“ mit den Urbildern von Dingen wie Mensch oder Reh abzusetzen und nur die erste für nachvollziehbar, aus politischen Gründen sogar für notwendig zu halten. Wolfgang Koch äußert seine Bedenken dazu. Die Politik brauche keine von oben eingespeiste „Idee des Guten“, sie komme ohnehin nur noch dazu, Entwicklungen aus den Bereichen der Technik oder Ökonomie nachzulaufen und eben dieses als alternativlos anzupreisen.  Bei den Menschen allerdings, die Betroffene derartiger Entwicklungen oder eventueller Begleitmaßnahmen sind,  gebe es Erfahrungen des Schlechten, hinter denen so etwas eine Idee des Guten stehe. Diese Idee gibt es also doch, sie braucht gar nicht erarbeitet oder angepriesen werden – und insofern entspricht sie vielleicht dem, was Platon mit der ewigen Idee des Guten gemeint hat.

Möglicherweise hat er damit etwas anderes gemeint als das Gute, das man früher gern in noch früheren Zeiten vermutet hat (Nostalgie-Gutes) oder das man vor allem in der Moderne von einem rasanten Fortschritt erwartet (Fortschritts-Gutes) -  ?

Generell lässt sich sagen, dass Platon mit den Ideen die jeweils über individuellen Handlungen und Dingen stehenden Gemeinsamkeiten (das Gerechte, das Menschenhafte) anvisiert hat. Im Mittelalter sprach man von den Universalien und es gab drei Konzeptionen von ihrer Situierung.

Universale ante rem: die platonische Konzeption setzt die Realität der Universalien  bereits vor ihrer jeweiligen Individualisierung an: also die Idee der „Rehheit“ vor allen einzelnen Rehen.

Universale in re: die aristotelische Konzeption, setzt die Universalien nur in den jeweiligen Individuen an: die Rehheit also im Rehbock wie in der Rehgeiß und ebenso im Rehkitz (die Fortpflanzung ist der Mechanismus der Natur, welche die Gemeinsamkeit „in rebus“ vom „ante“ bis zum „post“  sicherstellt).

Universale post rem: die Nominalisten haben dem Gemeinsamen die Realität abgesprochen und es auf Konvention, Wortgebrauch. Gedankending reduziert. Gleichwohl haben sie eine weitere Realitätsebene der Idee sozusagen „eingeführt“: nämlich „Idee“ im modernen Sinn des Wortes: subjektive Idee, Vorstellung, Leitbild, „idée directrice“, Formulierung. Beispiel: die „Idee Österreich“.

Angenommen Thales von Milet war der erste Philosoph, dann könnte ein extremer Platonismus sagen, die „Idee des Philosophen“ habe es schon vorher gegeben und nur deswegen konnte dann irgendwann zum ersten Mal „ein Philosoph“ die Welt betreten.

Richtig an dieser Annahme dürfte sein, dass „der Philosoph“ nicht ex nihilo entstanden ist. Aber aus dem diamantenen „philosophus ante rem“ wohl doch auch nicht. Sondern aus einer irdischen Gemengelage bestehend aus dem Weisen, dem Naturwissenschaftler und irgendwelchen  Zufällen als Wirkursachen. Die Bezeichnung „Philosoph“ dürfte dann noch etwas später dazu gekommen sein:  post rem. Und dann hat sich auch die „Idee des Philosophen“ gebildet, die seit der Antike in allen möglichen Variationen herumgeistert, zum Beispiel in dem Spruch „Si tacuisses, ...“. Eine platonische Idee? Nein,  ein Artefakt der Kulturgeschichte, das sehr wohl auch eine Prägekraft besitzen kann.

Platon hat die sokratische Errungenschaft der Konzeption des Allgemeinen als Realität übersteigernd hochstilisiert, damit sie nur ja nicht verloren gehe. Aristoteles wollte an der Konzeption festhalten – aber die Übersteigerung zurücknehmen.  Seine mittlere Position ist aber nur zu verstehen als Mitte einer größeren Spannung.

Damit wird der betont nüchterne, der professorale  Philosoph in eine Problematik hineingestellt, in der auch wir als Philosophierende uns situieren dürfen und sollen.


Walter Seitter

Sitzung vom 31. Mai 2017




PS:

Künstlerhaus
Stolberggasse 26, 4. OG.

Ausstellung
Walking through ...



08.06.2017, 19 Uhr:

Walter Seitter - 
Walter Pamminger

Gehen in der Stadt - Asphalt-Erscheinungen