τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 16. Oktober 2017

11. Oktober 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VII (Z), 1029b 12 – 1030a 17)

In dem zuletzt gelesenen Abschnitt (1028b 33 – 1029b 12) hatte Aristoteles die ousia in vier Bedeutungen aufgespalten, ohne dass diese Vierheit gänzlich klar geworden wäre. Wohl aber wird der „dritten ousia“ eine epistemologische Relevanz zugesprochen: sie umfasst die „ousiai der Sinnesdinge“ – und bei denen habe die Wesenserkenntnis einzusetzen, denn die menschliche Erkenntnis beginnt bei dem, was für uns erkennbarer ist, und schreitet fort zu dem, was an sich erkennbarer ist. Darin besteht die aristotelische, die „empiristische“  Modifikation der platonischen Auffassung und Aristoteles verdeutlicht diese Absetzung, indem er sie auch für die Hauptidee des Platonismus expliziert: um in den Handlungen zu den Ganz-Gütern zu gelangen („das Gute“ wird gleich in den Plural gesetzt), muß man von den Einzel-Gütern ausgehen, weil sie für uns eher erkennbar sind.

Hier ließe sich an die Ausführungen von Alain Badiou am 19. September 2017 in Wien erinnern, der, obwohl deklarierter Platoniker,  die philosophische Ebene mit der Idee des Guten gar nicht betreten hat, sondern politisch redend einerseits das real existierende Politisch-Schlechte in kräftigen Farben ausgemalt hat, andererseits das Politisch-Gute, d. h. das Gerechte,  mit der „Idee des Kommunismus“ benannt hat.

Aristotelisch kann man zur Idee des Gerechten nur gelangen, indem man von Erfahrungen des Politisch-Schlechten oder von Erfahrungen des Politisch-Guten ausgeht. Seit über hundert Jahren gehört der Kommunismus zu solchen Erfahrungen. Auch zu Erfahrungen des Politisch-Guten – andernfalls gäbe es den Kommunismus gar nicht. Angesichts der realen kommunistischen Regimes kann man meines Erachtens den Kommunismus heute nicht als Politisch-Gutes betrachten – und auf die Ebene der Ideen im platonischen Sinn gehört er sowieso nicht. Platon hat ja als Philosoph nicht die „Idee des Spartiatismus“ vertreten, obwohl er ein „Anhänger“ jenes ausländischen Regimes war.

Barbara Kolm, eine Vertreterin der Friedrich-Hayek-Gesellschaft, äußerte vor kurzem, dass es Gerechtigkeit auf Erden nicht gebe. Dagegen würde ich – indirekt mit Alain Badiou – sagen, dass es Gerechtigkeit auf Erden sehr wohl geben kann und sogar wirklich gibt, und zwar dort, wo gerecht gehandelt wird. Nicht utopisch sondern topisch.


In dem jetzt gelesenen  Abschnitt wird die erste Bedeutung der ousia thematisiert – verkürzt gesagt: das Was des Einzelnen. Und zwar mit dem verblüffenden Satz „Denn das Du-sein ist nicht das Musisch-sein; insofern du nämlich du bist, bist du nicht musisch – sondern eben du.“ (1029b 14)

Mit diesem Satz katapultiert sich Aristoteles für sehende Augen beinahe in das 20. Jahrhundert, in dem nämlich und zwar in den Zwanzigerjahren bei Martin Buber, Ferdinand Ebner, Max Scheler das Personalpronomen „du“ zu einem philosophischen Begriff umgeprägt worden ist. Das Wort „du“ gibt es eigentlich nur in der direkten Rede, die von einem „ich“ ausgeht – welches „ich“ schon im 19. Jahrhundert zu einem philosophischen Begriff erhoben worden war, nämlich zum großgeschriebenen „Ich“.

Daß der Begriff des Wesens bei Aristoteles hauptsächlich den Lebewesen zugesprochen wird (und folglich auch den Menschen), haben wir vor allem im Buch V gesehen. Statt des Begriffs „Mensch“ bzw. statt eines Personennamens (wie etwa „Kallias“) wird nun das Personalpronomen angewendet, wie es in der direkten Rede gebraucht wird.

In diesem Abschnitt stoßen wir auf eine weitere Besonderheit – vielleicht nur sprachlicher Art. Relativ einfache Infinitiv-Konstruktionen wie „das Du-sein“, das „Musisch-sein“, das „Fläche-sein“ beginnen im Deutschen jeweils mit dem Nominativ – einfach weil in einem entsprechenden Satz die Kopula „ist“ ein Prädikat im Nominativ zur Folge hat: „das bist du“, „er ist musisch“, „das Quadrat ist eine Fläche“. Auch im Griechischen würden da Nominative stehen. Doch in der Infinitiv-Konstruktion bei Aristoteles sieht es so aus, als würde auf „sein“ jeweils ein Dativ-Objekt folgen. Denn wörtlich übersetzt steht da: „das Dir-sein“, das „Musischem-sein“ ....

Sophia Panteliadou meint, daß „sein“ hier so etwas wie „zukommen“ heißen könnte (wofür sonst „hyparchein“ steht). Ja – aber warum nur in der Infinitiv-Konstruktion diese dativische Fügung? Mir scheint, dass die Aristoteles-Philologie darauf kaum eingegangen ist. In meinem Griechisch-Wörterbuch von Schenkl ( bekanntlich auch von Peter Handke geschätzt und verwendet) wird festgestellt, dass „sein“ nicht nur mit Nominativ, sondern auch mit Dativ verbunden wird, dann heißt es so etwas wie „gehören“ oder „nützen“. Aber der aristotelische Umsprung vom kopulativen Nominativ auf den Dativ  wird nicht erwähnt.

Weitere Nachforschungen haben nun ergeben, dass laut Liddell-Scott die Dativ-Fügung als Verstärkung (gegenüber der Nominativ-Fügung) eingesetzt werden kann. In der neugriechischen Übersetzung wird der Infinitiv überhaupt vermieden und durch eine finite Verbform ersetzt: „dass du du bist ....“

Bereits die Häufung der substantivierten Infinitive mit Komplement kennzeichnet diesen Abschnitt und auch darin kann man einen Vorgriff auf die philosophische Redeweise des 20. Jahrhunderts sehen, wie sie etwa von Martin Heidegger geprägt worden ist. Bei Aristoteles ersetzt sie hier die Nominalisierung des Verbs „sein“ durch das Partizip „seiend“ also durch das „on“, aus welchem ja auch der Neologismus „Ontologie“ gebildet worden ist.
  
Was aber ist nun der Sinn dieser „Du-sein“, „Musisch-sein“, „Fläche-sein“, „Weiß-sein“ und so weiter? Es ist die längst eingeführte Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidenzien. Wobei zu den hier genannten Akzidenzien Qualität, Quantität, wann und wo interessanterweise auch die Bewegung dazu genannt wird, die sonst nicht zu den Akzidenzien gezählt wird – sich aber leicht aus Quantität und wann und wo ableiten lässt.

Was uns wiederum zur Aussage berechtigt, dass die Zahl neun für die Akzidenzien oder die Zahl zehn für die Kategorien nicht in Stein gemeißelt ist. Weshalb ich ja seinerzeit die Kategorien in die größere Gruppe der Seinsmodalitäten aufgenommen (und diese wiederum von den Realitätsbereichen abgesetzt) habe.

Daraus ergibt sich, dass die Substanzontologie mit ihrer Hierarchie von Substanz und Akzidenzien, die beim derzeitigen Zeitgeist ziemlich unbeliebt ist, bei Aristoteles nicht scholastisch-stur gehandhabt wird (wir konnten sogar feststellen, dass die eindeutige Abwertung der Akzidenzien in den Büchern V und VI unterlaufen wird).

Indessen scheint der Text eine andere Frage eröffnen zu wollen: die nach den richtigen sprachlichen oder logischen Umgangsformen mit den Kategorien oder Seinsmodalitäten: Ausdruck, Begriff, Definition.

PS. Gerhard Weinberger erinnert an meinen Vortrag vom 7. Oktober 2017 über "Topik, Physik, Dramatik des Menschenkörpers. Bei Helmuth Plessner" und ich füge hinzu, dass Plessners Körperlehre mit der aristotelischen Physik (im weiteren Sinn) kompatibel erscheint. Außerdem gibt es Berührungen mit der Philosophie von Peter Sloterdijk, der am 4. September 2017 in Wiesbaden den Helmuth-Plessner-Preis entgegengenommen hat. Und der in seinem neuen Buch Nach Gott. Glaubens- und Unglaubensversuche (Berlin 2017) eine konzise Zusammenfassung von Plessners Anthropologie liefert (34ff.)


Walter Seitter
Sitzung vom 11. Oktober 2017




Nächste Sitzung am 18. Oktober 2017