τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 26. Oktober 2017




Das Buch VII, das wir jetzt lesen, gehört mit den Büchern VIII und IX zu den sogenannten „Substanzbüchern“ der Metaphysik, so genannt auch von Christof Rapp, der ihnen einen Kommentarband gewidmet hat.[1] Zur Berechtigung dieser Benennung sei hier nur so viel gesagt, dass sie gewiß nicht bedeutet, dass der Begriff der Substanz (ousia) erst hier als Hauptbegriff auftaucht, wohl aber dass es zwischen den Büchern der Metaphysik deutlich erkennbare Nuancierungen auch in wesentlichen Fragen geben dürfte (so habe ich ja für die Bücher V und VI eine erkennbare Tendenz zur Betonung der Akzidenzien bemerkt).

In den jetzt gelesenen Passagen geht es hauptsächlich um die Substanz und ihr Verhältnis zu den Akzidenzien. Diese Sachebene wird aber sehr stark von einer anderen Ebene her ins Auge gefasst: Ebene der Sprache, welche durch Ausdruck, Begriff und Definition vertreten wird.

Es ist wichtig, die beiden Ebenen voneinander zu unterscheiden – ohne sie völlig voneinander zu trennen.

Jetzt wird die Ebene der Sprache vorgezogen. Die Akzidenzien, die zunächst als Beispiele genannt werden, sind solche, die bestimmten Dingen gerade nicht „akzidenziell“, d. h. zufällig, zukommen, sondern gewissermaßen notwendig – wofür in VI, 1025a 31 das Beispiel der Winkelsumme (in bezug auf das Dreieck) gegeben worden war. Die jetzt angeführten Beispiele sind das Männliche für das Lebewesen, das Gleiche für das Quantum und die Hohlheit oder Stülpsnasigkeit für die Nase. Diese war bereits in VI, 1025b 31ff. erwähnt worden – dort eher in Richtung Nasologie entwickelt.

Jetzt geht es Aristoteles darum, die beiden Ausdrücke „stülpnasig“ und „hohl“, obwohl sie für die Nase genau dieselbe Qualität, nämlich die (dem griechischen Ideal widersprechende) Konkavität im Nasenansatz bezeichnen, streng voneinander zu unterscheiden, da im „Stülpnasigen“ die Nase impliziert ist, während das „Hohle“ sich auf viele andere Körper auch beziehen kann. Das Stülpige ist ein einfaches Wort, steht aber für einen zusammengesetzten Begriff – und der könnte nur definiert werden, wenn man das Wort „Nase“ herausschreibt. Zweimal formuliert Aristoteles die absurd erscheinende aber exakte Sprachanalyse: „Stülpige Nase“ bedeutet „hohle Nase Nase“ (1030b 33). In normaleres Deutsch übersetzt: „Stülpige Nase“ bedeutet „hohlnasige Nase“. 

Im ersten Satz des Nasen-Paragraphen ist die mir vorliegende Übersetzung irreführend ja falsch, es muß heißen: Wenn nämlich Stülpnase und hohle Nase dasselbe ist, so wird auch das Stülpnasige und das Hohle dasselbe sein. (1030b 29). Ist aber nicht dasselbe, denn im Wenn-Satz ist von der Sache die Rede, im Hauptsatz von den Wörtern.


Definition gibt es nur von einem Wesen und ein Wesen ist etwas Einfaches.

Walter Seitter
Sitzung vom 25. Oktober 2017



[1] Chr. Rapp (Hg.): Aristoteles Metaphysik Substanzbücher (Z, H, Θ)  (Berlin 1996)



Nächste Sitzung am 8. November 2017