τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Montag, 21. Mai 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035b 34 – 1036a 14)


Zunächst kurze Erörterung der Unterscheidung zwischen Sache und Ding: Sache sei ein weiterer Begriff, der auch verallgemeinerbar sei; so ist nach WS ein Bild ein Ding, die Malerei aber könne als Sache bezeichnet werden. WK weist in diesem Zusammenhang auf die wichtige Unterscheidung zwischen Sache und Tatsache hin: Sache hat immer auch  einen Wert (ist ein „Gut“), während eine Tatsache eine „beweisbare“ Sache bzw. ein Sachverhalt sei.
So oder so geht es bei Aristoteles  im Buch VII immer um den Begriff „Wesen“: zunächst was es eigentlich ist, dann um die Frage der Entstehung und nun eben um die Abgrenzung zwischen Teil und Ganzem. Teile des Ganzen aber gibt es gemäß dem gelesenen Absatz sowohl von der Form als auch vom Stoff und vom Kompositum Form und Stoff. Das bedeutet zunächst einmal einfach, dass Teile wichtig sind, WS: „Körper sind vielteilige Wesen“, man kann sie als „gegliederte Ausdehnung“ sehen.
Dann aber geht es auch um die Frage der Möglichkeit, Teile definieren zu können. Nach Aristoteles ist dies beim Konkreten nicht möglich, dieses könne vielmehr nur „durch Denken oder Sinneswahrnehmung erkannt“ werden. Denn definieren kann man nur Allgemeines (WS: individuum = ineffabile). Kann man Teile der Form definieren? Ja, durch nähere Bestimmung von Art und Gattung (Genus und Spezies) oder auch Gattung + spezifischer Differenz. Den Stoff kann man allgemein nicht definieren, sondern nur  bestimmten Stoff (etwa Holz als „Festkörper die in bestimmten Pflanzen vorkommen“).

Abschließend Diskussion um „Was heißt Definition?“ am Beispiel „Wahrheit“: mögliche Definition als „Aussage, die übereinstimmt mit der Wirklichkeit“. Dies wäre die Korrespondenzdefinition. Andere Zugänge wären: Konsensdefinition:  Wahrheit wäre eine Aussage, die von mindestens  zwei  Menschen als richtig angesehen wird.  Letztlich die Kohärenzdefinition“ als übereinstimmende Aussagen einer Person. Im letzten Grunde sind und bleiben aber Definitionen immer „formulierte Konventionen“ (WS), die daher immer auch schon in Frage gestellt werden können. Solches In-Frage-Stellen wird bei manchen Menschen (durchaus auch Philosophen) zum Prinzip erhoben nach dem Motto „Hauptsache man widerspricht“ - das verspricht zumindest einmal (heutzutage wohl v.a.: mediale) Aufmerksamkeit.

Persönliche Anmerkung: Wenn Aristoteles sagt, dass es unklar sei, ob das Konkrete noch ist oder nicht ist „wenn es aus der Vollendung austritt‘“ (être in accomplissement, sagt Sichère), scheint mir dies ein Verweis auf die Zeitlichkeit jedes Körper-Seins zu sein, mit deutlicher Präferenz für die Gegenwart („Da bin ich mir sicher“).

Gerhard Weinberger

Sitzung vom 16. Mai 2018


Nächste Sitzung am 23. Mai 2018

Freitag, 11. Mai 2018

Weisheit und Wunder

»Die Wunderkraft ist eine selbständige Macht für sich und nicht die Macht der Weisheit, und ebenso umgekehrt ist die Macht der Weisheit nicht die Macht der Wunderkraft; denn die Macht der Weisheit ist die stille, geräuschlose Macht der Intelligenz, aber die Wundermacht eine Macht, die nur sinnlichen Effekt und Eklat macht. Beide widersprechen sich von Grund aus: Die Weisheit imponiert der Vernunft, aber das Wunder nur den Sinnen; die Weisheit gibt zu denken, aber das Wunder nur zu schauen; die Weisheit erleuchtet, das Wunder benebelt den Verstand; die Wirkung der Weisheit ist Erkenntnis, die Wirkung des Wunders verblüfftes Staunen; die Weisheit verwandelt wie Orpheus Steine in Menschen, aber das Wunder Menschen in Steine; die Weisheit macht frei, aber das Wunder macht Knechte der Furcht und des Schreckens« (Feuerbach, Über das Wunder, 1839).

Für Feuerbach ist der einfache Mensch »unvernünftig«, »wundersüchtig«; die Vernunft ist zu schlicht und zu einfach für ihn. Im Lehrgespräch des Sokrates mit Theaitetos hingegen bildet das Wunder keinen Gegensatz zur Vernunft. Dort ist gerade das Staunen über die eigenen Beschränktheit der Ausgangspunkt des Philosophierens. Die Erschütterung von Gewissheiten, der Schwindel durch den philosophischen Relationismus, wird zum eigentlichen Wunder, das auch keiner besonderen Weisheit bedarf, sondern nur einer Pädeutik, bei der der Lehrende selbst den Eklat der unbenebelten Verstandestätigkeit durchschritten hat. So ungefähr verstehe ich Weisheitsverzicht.



Wolfgang Koch, 10. Mai 2018

Donnerstag, 10. Mai 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035b 19 – 26)


Im Anschluß an den letzten Diskussionspunkt versuchen wir den aristotelischen Begriff der „Wissenschaft“ zu klären – basierend auf dem einschlägigen Artikel in dem schon  öfter genannten Aristoteles-Lexikon von O. Höffe. Der Artikel stammt von Wolfgang Detel, dem Verfasser der ausgezeichneten Einführung Aristoteles (Leipzig 2005).

Wissenschaft ist Wissen von einer Sache mit der Kenntnis von Ursachen – wobei der Begriff „Ursache“ mißverständlich ist. Man könnte auch sagen: mit der Kenntnis der Bestandteile, der Teile, der Eigenschaften.

Wie kommt man zu so einer Kenntnis? Durch Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung, Forschung,  Faktensammlung.

Soweit die betrachtenden Methoden. Übergang zu den beweisenden Vorgangsweisen, in denen nicht mehr die Sachen sondern Sätze im Vordergrund stehen (die aber immer noch auf Sachen bezogen sind), Definitionen, Hypothesen, Axiome, Beweisführungen, Widerlegungen.

Im Buch I der Metaphysik, in denen es um die „gesuchte Wissenschaft“ geht, wird folgende Stufung des Wissens vorgeführt: Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung, Phantasie, Kunst – zunächst die ausübende, dann die leitende, das ist auch die lehrende. Die Kunstlehre ist die erste Stufe der Wissenschaft, da sie auch die Ursachen anzugeben weiß.

Die drei großen Richtungen der Wissenschaft sind die eben genannte

Poietische Wissenschaften. Wissenschaft von der und zu der menschlichen Herstellung erwünschter Dinge, nützlicher und schöner Dinge: Gesundheit, Häuser, Gedichte, Kleider.

Dann die praktischen Wissenschaften – nämlich diejenigen von und zu menschlichem Verhalten, richtigem Verhalten, richtigem und weniger richtigem Handeln. Ethik und Politik und Ökonomik.

In diesen Wissenschaften geht es auch um wahre Aussagen – aber sie zielen darüber hinaus auf etwas anderes: Herstellen und Handeln.

Schließlich die theoretischen Wissenschaften, die nur auf Wahrheit zielen:

a – Physik: Wissenschaft von den bewegten und gesonderten Sachen, d. h. von den Körpern. Von den Körpern mitsamt den Seelen – denn alle Körper sind qualifizierte Körper. Qualifiziert sind sie durch Seelen oder so etwas Ähnliches wie Seelen: Wesenheiten, Artbestimmungen. Auch die Menschen gehören dazu, sofern sie Wesen sind und Wesen haben.  Ihr kontingentes Herstellen und Handeln ist Sache der zuvor genannten Wissenschaften.

b – Mathematik: Wissenschaft von den unbewegten und ungesonderten Entitäten. An diesen Wissenschaften lässt sich der Übergang vom sinnlichen Sehen zu einem anderen Sehen feststellen. Das andere Sehen ist Einsicht, Betrachtung.

Soll man sagen: Denken - ?

Wolfgang Koch bringt eine Definition des Denkens von Ludwig Feuerbach: „nur erweitertes, auf Entferntes, Abwesendes ausgedehntes Empfinden; ein Empfinden dessen, was nicht wirklich, eigentlich empfunden wird; ein Sehen dessen, was nicht gesehen wird.“ (Nachgelassene Aphorismen, 1c)

Ich selber verbinde mit „Denken“ weniger so ein erweitertes Sehen, sondern eher eine innere Sprechtätigkeit, hin und her überlegen, herumsuchen, probehandeln.

c – Erste Philosophie. Die teilt sich in zwei Richtungen.

α Theologie: Wissenschaft von dem, was unbewegt und gesondert ist.

β Ontologie: Wissenschaft   von den allgemeinen Bestimmungen aller Entitäten.

Dieser Wissenschaftszweig β  wird in Buch IV ausführlich begründet. Und zwar gemäß der obigen Unterscheidung auf zwei Ebenen.

Ebene der Betrachtung: es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende als seiendes betrachtet: Abschnitt 1 und 2. Diese Ontologie-Begründung nenne ich die assertorische.

Ebene der Beweisführung bzw. der unmöglichen Beweisführung und daher widerlegenden Aufweisung des allgemeinsten Axioms, des sichersten Prinzips: elenktische Ontologie-Begründung. (Die Verweigerer dieses Prinzips werden zu „Pflanzen“ degradiert.)

Wolfgang Koch vermutet zurecht, dass auch die theoretischen Wissenschaften, auch c, also die höchste,  selber „poietischen“ Charakter haben müssen – denn sie existieren nur, wenn sie „gemacht“: gedacht, gesprochen, geschrieben werden.

Und so wie in Buch I von Gott als Inhaber und Gegenstand des höchsten Wissens die Rede ist, kann man den Eindruck nicht von der Hand weisen, dass in der aristotelischen Theologie die Grenze von der theoretischen Wissenschaft zur praktischen überschritten wird: denn der Gott ist das Gute. (Immanuel Kant hat die Theologie, die philosophische, entschieden aus der theoretischen Vernunft in die praktische umgesiedelt).

Im Buch I läuft das, was später Erste Philosophie genannt wird, zunächst unter „gesuchte Wissenschaft“ und dann wird es mit „Weisheit“ identifiziert – einem älteren griechischen Erbstück (das allerdings durch die Sophisten in Verruf gebracht worden ist). Beide Bezeichnungen werden fallengelassen. Im Buch II taucht „Wissenschaft von der Wahrheit“ als Leitbegriff auf.

Es zeigt sich, dass für Aristoteles der Begriff „Wissenschaft“ die gesamte Landschaft seiner Tätigkeit umreißt, markiert und gliedert.

Der Titel „Philosophie“ wird dann fallweise bestimmten Wissesnchaftstypen sozusagen ehrenhalber verliehen.

Wir fragen uns, wie „Wahrheit“ definiert werden kann – von uns.

Und wie „Weisheit“. Sophia Panteliadou macht einen Anfang mit: „ein bestimmtes menschliches Tun, Bemühen, das ...“.

Die Grenze zwischen theoretischem und praktischem Wissen wird von Aristoteles auch in der Nikomachischen Ethik überschritten: dort werden Kunst, Wissenschaft, Klugheit, Weisheit und Vernunft (nous) als „dianoetische Tugenden“ analysiert (Nik. Eth. 1138b ff.)


Walter Seitter

Sitzung vom 9. Mai 2018


Nächste Sitzung am 16. Mai 2018


Montag, 7. Mai 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), (1035 b 19–26)



Einige Teile des Begriffs (logos), in welche dieser (der Begriff) zerlegt wird, gehen anderen voraus. Denn sowohl die Teile aus Materie (hyle) sowie die in Stoff zerlegten kommen danach/später (1035b 4-5).

Demgegenüber sind die Teile des begrifflichen Wesens, welche als Teile des Begriffs gelten (ob alle oder einige), früher (1035b 13).

Insofern die Seele der Lebewesen ihre Wesenheit (ousia) – als begriffliches Wesen (kata ton logon ousia), als die Art-Form (to eidos) und das Sosein (to ti en einai) – für den konkreten Körper/Leib ist, sind diese Teile früher (zeitlich) als der konkrete lebendige Körper (der durch seine Wirksamkeit bestimmt wird) sowie früher als das Lebewesen als Ganzes.



Der Leib und die Körperteile 

Der Körper und seine Teile folgen dieser Wesenheit (tautes des ousias), nämlich dem Wesen als begriffliches Wesen, als Art-Form und als Sosein.
Ein Teil (Körperteil) wird durch seine Beziehung zu einem Werk definiert (ergon – Arbeit, Funktion, Leistung); in Bezug auf den Finger sei hier mit Werk auf seine (des Zeigefingers) Leistung in Verbindung mit der Funktion des ‚Zeigens‘ hingewiesen.
In den stofflichen Teilen wird nicht das Wesen geteilt, sondern das Ganze/das Gesamte. Und diese Teile gehen in einer Hinsicht dem Ganzen (zeitlich) voraus, obwohl dies in anderer Hinsicht nicht zutreffen kann, weil ja die Teile als lebendige Materie nicht in getrennter Form (d.h., wenn sie vom Ganzen getrennt sind) existieren. 
Denn das Ganze (der lebendige Körper) kann zwar ohne Finger existieren, der Finger jedoch nicht ohne den Körper. Den toten Finger gibt es nur als homonym, d.h. als gleiche (gleichlautende) Bezeichnung für einen anderen Gegenstand – wie z.B. wenn es sich um den Finger einer Statue handelte. 

Anders verhält es sich im Falle der Organe ‚Herz‘ und ‚Gehirn‘. Hier gibt es eine reziproke Abhängigkeit zwischen dem Ganzen und den Teilen: weder das Ganze (der lebende Körper) kann ohne ‚Herz‘ und ‚Gehirn‘ existieren, noch das Herz oder das Gehirn ohne das Ganze. Beiden Organen (Herz und Gehirn) spricht Aristoteles eine spezielle, entscheidende Nähe zum Wesen und Logos zu.



Diskussionssteine:

a. Aristoteles unterscheidet zwischen dem real lebendigen und dem toten Finger; ein Finger, ist der realste Finger, den es gibt – sofern er zu einem lebenden Körper gehört, und der tote Finger ist kein Finger – unabhängig aus welchem Stoff er in diesem Fall besteht (Scheinfinger, falscher Finger). 
In dieser (aristotelischen) Tradition ließe sich ebenso Magritte’s Werk „Dies ist keine Pfeife“ einordnen.

Zur Unterscheidung: Platons „Finger“, Abbild einer Idee, hat weniger Sein und weniger Realität.

b. Analogie (?) zu Lacans Objekt klein ‚a‘ und seinen Bezug zu den vier Partialobjekten: 
Brust (oraler Trieb), Kot (analer Trieb), Blick (skopischer Trieb), Stimme (Invokationstrieb). 
(Die ersten beiden Triebe beziehen sich auf den Anspruch, die anderen zwei auf das Begehren).

c. Aristoteles spricht (implizit) zweien Körperteilen (Organen) die Qualität des Herrschens zu – politische Qualität (1035b 25).

d. Aristotelische Schriften und ihre Bedeutung für die Naturwissenschaften und die Wissenschaftsgeschichte.


Sophia Panteliadou

Sitzung vom 2. Mai 2018



Nächste Sitzung am 9. Mai 2018





Montag, 30. April 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035b 14f.)

Heute nur Analyse eines einzigen Satzes. Unter der Lupe soll ein einziger Satz angeschaut werden. Auseinandergeschrieben werden:

Die Seele des Lebewesens ist 

ousia
logos
eidos
to ti en einai

für den Körper des Lebewesens

In dieser Umformulierung des Satzes wird die sehr komplexe ousia durch drei ganz andere Begriffe so erläutert bzw. erweitert, dass insgesamt vier Synonyme aufscheinen.

Vier ganz verschiedene Begriffe, die doch auf eines zielen, dessen erste Benennung ousia lautet.

Erste Benennung, weil abgeleitet von on, dem Grundbegriff der Ontologie. Aus „ontia“, also wörtlich Seiendheit.

Diese Benennung ist die sachlichste, objektivste. Wenn man will: die knappste, reinste, die sturste, die trockenste. 

Man könnte sogar von einer „realen“ sprechen (aber ohne die Extremismen, die Lacan damit verbunden hat).

Die Übersetzungen wie „Substanz, „Essenz“, „Wesen“, „Wesenheit“, „Sosein“, „Entität“ versuchen, möglichst nahe an den griechischen Begriff heranzukommen.

Hingegen entfernt sich das von Aristoteles zunächst genannte zweite Synonym logos, eigentlich he kata ton logon ousia, beträchtlich vom Ausgangspunkt. Es ersetzt das Signifikat durch den Signifikanten, durch den sprachlichen, auch begrifflichen, gedanklichen.

Dass es sich dabei tatsächlich um ein Synonym handelt und nicht um einen irgendwie zusätzlichen oder gar alternativen Begriff, geht klar daraus hervor, dass der Ausgangsbegriff wiederholt wird und mit der Zusatzbestimmung kata ton logon versehen wird: also ousia gemäß dem logos. Derselbe Begriff mit einer Nuancierung.

Logos formuliert den sprachlichen Zugang, der oben Begriff, Benennung genannt worden ist. Den sprachlichen Zugang zur selben Sache – und eben damit doch einen anderen Zugang. Besser gesagt die Reflexion auf den Zugang, der ja von Anfang an gewählt worden ist – sei es griechisch oder deutsch.

Mit Lacan könnte man hier vom „symbolischen“ Synonym sprechen, man könnte, man muss nicht.
Das zweite Synonym, der dritte Begriff lautet eidos. Die Etymologie belehrt darüber, dass das Wort eine präzise Parallelbildung zum deutschen Wort „Gesicht“ ist

e       idos
ge      sicht

Gesicht im Sinne von Gesehenem, Anblick, Gestalt.
War logos vom Sagen aus gedacht, so eidos vom Sehen aus.

Vom Wahrnehmen aus. Vom Wahrnehmen aus bzw. fürs Wahrnehmen ist die Seele für den Körper eidos – und da passt dieses Wort nun ganz genau im Sinn von Körpergestalt, Körperschema, Bauplan für den Körper. Als genetische Information liefert die Seele den Bauplan für den Menschenkörper – mit einigen individuellen Details.

Lacan würde das eidos dem Imaginären zurechnen – wo Ähnlichkeit und Faszination eine Rolle spielen.

Synonym 2 und 3, das sprachliche und das visuelle, enthalten also diese Supplemente – sozusagen Zugaben zum rein Ontologischen.

Synonym 4 lautet to ti en einai. Ist also das komplexeste. Eine Infinitivkonstruktion mit inkludiertem Relativsatz im Imperfekt. Es enthält zwei Formen von „sein“ – den Infinitiv Präsens ‚sein‘ und die Imperfektform ‚war‘.

Das, was war, sein. Oder: das sein, was war. Die Formel beschränkt sich aufs rein Ontologische – kombiniert aber zwei Verbalformen und zwei Tempora.

Das, was schon war, noch immer sein. Rückgriff auf ein „war“, ein imperfektes, und seine Verlängerung, Fortsetzung in die Gegenwart. Aufrechterhaltung eines Vergangenen in der Gegenwart.

Also Beständigkeit. Und zwar Beständigkeit des Was, der Wesensbestimmtheit, die eine Qualität ist, aber keine akzidenzielle, sondern die substanzielle.

Dieses Synonym habe ich unter ein besonderes Vergrößerungsglas – Grammatikanalyse - gelegt, um es sichtbar zu machen. Und entsprechend beschreibbar.

Diese drei bzw. vier Synonyme werden von Aristoteles als Prädikate der Seele zugesprochen. Die Seele ist das und dies und so weiter – und zwar für den Körper (des Lebewesens). Die enge Verklammerung von Seele und Körper geschieht über den ousia-Begriff mitsamt seinen Synonymen.

Wie ich in einem schon öfter genannten Aufsatz vor Jahren ausgeführt habe, gibt es noch mehr solcher Synonyme – zum Beispiel morphe, paradigma, energeia, entelecheia. Dabei handelt es sich nicht um eine festgelegte Zahl. Ebensowenig wie bei den Akzidenzien und den übrigen nicht-substanziellen Seinsmodalitäten (z. B. Möglichkeit, Entstehung ...). Die genannten zusätzlichen Synonyme würden sich ebenfalls genauer betrachten, analysieren, beschreiben lassen; und dabei würde man mehrere Dimensionen des aristotelischen Philosophieren ausfindig machen (und zwar auf eine nicht-konventionelle Weise).

Sehen und sagen.

Insofern die vier Synonyme als Prädikate der Seele zugesprochen werden, ernennt Aristoteles die Seele zu einem fünften, zu einem höchsten Synonym. Denn nicht alle ousiai erreichen den Rang von „Seele“. Nicht alle Körper sind Lebewesen – wie aus Abschnitt 8 von Buch V deutlich hervorgeht.

Walter Seitter


Sitzung vom 25. April 2018

Nächste Sitzung am 2. Mai 2018



Samstag, 21. April 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z),1035a 22 – 1035 b 24


Antwort von Walter Seitter

Zu I.  

Die Begriffe lauten: Speziezismus, Speziezist(in)

Der Begriff der "genetischen Information" ist mit Hinweis auf neuere Forschungen, Umstrittenheiten, unterschiedliche Definitionen, mögliche Fehlwirkungen nicht außer Kraft gesetzt. Auch die Natur ist nicht unfehlbar - aber sie funktioniert mit einer hochwahrscheinlichen Regelmäßigkeit. Menschliche Eltern erzeugen menschliche Kinder.


Aus dem Protokoll vom 5. März 2018:

.„Speziezismus“ nennt man, nämlich Peter Singer, die Diskriminierung bzw. Andersbehandlung  bestimmter Arten von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Bruno Latour behauptet nun in Le Monde vom 5. März 2018, dass eine Kritik daran sich ins Absurde verirrt, wenn sie bestimmte Arteigenschaften, etwa die Vorliebe für Gazellen vonseiten der Löwen, leugnet oder abschaffen will. Gegen einen derartigen „Antispeziezismus“ setzt er einen „Multispeziezismus“ – womit Überlegungen innerhalb der menschlichen Spezies über ihre Nahrungsbeschaffung nicht präjudiziert sind; denn Überlegen ist eine menschliche Fähigkeit. (Yves Bonnardel, Thomas Lepeltier, Pierre Sigler: La révolution antispéciste (Paris 2018))

Mit anderen Worten: es gibt viele Arten und jedes - uns aus der Erfahrung bekannte -  Lebewesen gehört einer bestimmten Art an: Reh, Mensch ...-. Fortpflanzung funktioniert nur artgleich, artgemäß, gleichartig, homonym, homoeidetisch - zwischen verschiedenen Geschlechtern: zwischen den sexuellen Geschlechtern (m, w) und zwischen den Generationen (Eltern, Kinder). So bei A und bei S.

Daß die Intelligenz tatsächlich den Unterschied zwischen Mensch und Reh markiert, wird von mir nicht unbedingt behauptet. Aber dass es artbildende Unterschiede gibt, behaupte ich -  z. B. Anzahl der Beine, Vorliebe für bestimmte Nahrung... 

Nach Peter Singer bildet die Intelligenz den Unterschied zwischen sog. normalen Menschen und sog. dementen Menschen. Aber nicht zwischen normalen Menschen und irgendwelchen bestimmten sagen wir aufgeweckten Tieren. Daraus zieht er drastische Schlüsse für die Ethik, die nicht von allen Menschen geteilt werden. Sein Antispeziezismus erscheint mir theoretisch (empirisch) irrig, praktisch (ethisch, politisch) gefährlich.

Von Rassismus sollte man nur sprechen, wenn der Begriff "Rasse" einigermaßen geklärt ist. Rasse ist eine feste Gruppe innerhalb einer Art mit subspezifischer vererbbarer Bestimmtheit. Ob es so etwas gibt, bei Menschen, Hunden, Pferden, weiß ich nicht. Daher spreche ich weder von Rasse noch von Rassismus.




Donnerstag, 19. April 2018


In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035a 22 – 1035 b 24)


Holobionten

Aristoteles (A)
Bönitz, Hermann (HB)
Koch (K)
*Panteliadou (*P)
Seitter (S)
Singer, Peter (PS)
Stegmann, Ulrich (US)


Gliederung

Spezietistik
Telesemantik
Zirkeleien
Prinzip Seele


I. Spezietistik

S sagt: Ich bin Spezietist! Nicht in kritischer Verwendung wie bei PS, der intelligenten Tieren in der menschlichen Gesellschaft Tierrechte einräumt, und der dem Speziezimus des Menschen die Diskriminierung aller anderen Lebewesen vorwirft. Ich bin Spezietist im einfachen aristotelischen Sinn, dass wir in der Natur immer die Fortschreibung von Spezien sehen. Ein Mensch bringt immer nur einen Menschen hervor, ein Reh immer nur ein Reh.

*P sagt: Aber es gibt doch unterschiedlich konditionierte Spezien, hybride und transformative Formen.

S sagt: Nein, die Natur funktioniert quasi so, als hätte sie A gelesen; alle physischen Dinge sind zwingend zusammengesetzt aus Stoff und Form; dieser Hylomorphismus ist auch die Grundlage der Fortpflanzung der Lebewesen, bei der A dem männlichen Geschlecht die zeugende Rolle zuschreibt. Die heutige Biologie anerkennt den Speziezismus immer noch im Begriff der genetischen Information.

K sagt: Aber die Übernahme der mathematischen Informationstheorie in diesem umgangssprachlichen Begriff ist in der Philosophie der Biologie doch höchst umstritten. In der Biologie stellt sich seit Jahren die Frage, ob es überhaupt genetische Entitäten irgendwelcher Art gibt, die Informationen enthalten.

US sagt: Die Natur mentaler Repräsentationen ist eines der hartnäckigsten Probleme in der Philosophie des Geistes. Ob Gene Informationen enthalten, hängt davon ab, wie der Ausdruck Gen definiert wird. Für Biologen repräsentieren Gene manche ihrer Wirkungen, und sie speichern Informationen, die richtig oder falsch umgesetzt werden können. [Der Begriff der genetischen Information, in: Philosophie der Biologie, stw 1745, 2005].

K sagt: Das ist weit entfernt von unserem Alltagsbegriff, wonach Information ja nicht grundsätzlich falsch sein kann. Der Begriff »genetische Information« ist also entweder ein Missverständnis oder eine Metapher der Genetik, jedenfalls kein Stützargument für den Speziezismus. Ich kann auch keinen essentiellen Unterschied zwischen der Position der Spezietisten (A, S) und Position der Antispeziestisten (PS) erkennen. Beide führen in die Natur eine intelligible Struktur ein: die einen mit der Gerichtetheit des Lebens, mit dem Telos der Fortpflanzung, der andere mit der Zuschreibung von kognitiven Fähigkeiten an die Lebewesen. Ich kann damit nichts anfangen. 1977 druckte ZUT, das Organ der italienischen Maodadaisten, das Gedicht eines 13jährigen Korrespondenten ab, in dem es u.a. heisst:

Die Wissenschafter sagen,
dass zwischen Mensch und Tier
die Intelligenz steht,
aber für mich ist das nicht so.
Die Intelligenz existiert nicht.
Sie ist nur ein Weg,
eine neue Art Rassismus zu schaffen.
Niemand ist intelligent.


II. Teleosemantik

*P sagt: Der Finger...

S sagt: Ja, was ist damit?

*P sagt: A sagt, der Finger werde durch das Ganze des Körpers definiert (1335b 4). Dann kommt da eine Zeitlichkeit mit herein. Was ein Teil des immateriellen Begriffs ist, sei früher als das Ganze, was Teil des Stoffs ist, aber sei später. Damit wäre der Begriff des Fingers vor dem Körper da, das Fleisch aber nachdem das Körperganze bereits existiert, es wächst aus ihm heraus.

S sagt: »Früher« und »später« sind bei A nicht zeitlich gemeint, sondern im Sinn von primär und sekundär, von bedeutend und minder bedeutend.

K sagt: Vielleicht passen da auch die Ausdrücke basal/ nicht basal, oder mehr seiend/ weniger seiend, wie ja über Form und Stoff in der Gestalt bereits in Buch VII.3 (1029a 7) ausgesagt ist.

*P sagt: A sagt, der abgeschnittene, tote Finger ist nur der Ausdrucksgleichheit mit einem lebenden Finger nach noch ein Finger (1035b 24), aber eigentlich, also real, ist er das nicht mehr.

S sagt: Zunächst folgt im Text das Beispiel des Kreises. A sagt, dass der Kreis ausdrucksgleich bezeichnet wird, weil es für das einzelne Ding keinen eigenen Ausdruck gibt (1035a 36). Was heißt das? Er spricht von zwei Modalitäten des Kreises: dem allgemeinen Kreis und dem konkret vorliegenden Kreis. Weil wir für letzteren, den konkreten Kreis, kein eigenes Wort haben, ja, weil wir grundsätzlich für keinen einzelnen Kreis je wo ein Wort haben, gewinnt der theoretische Begriff erst seinen Wert. Der Rückgriff auf die Funktion des Ausdrucks, die gleichmachende Wirkung seines Merkmals, verhindert es schließlich auch, dass der Begriff, im Gegensatz zum Stoff, zerlegt werden kann. A sagt: Das Stofflose, dessen Begriff nur Begriff der Form ist, geht überhaupt nicht zugrunde (1035a 28). Form ist nicht vernichtbar, sie bleibt ewig.


III. Zirkeleien

K sagt: Der eherne Kreis, der in Abschnitt 7 noch heftig als Beispiel strapaziert wurde (1032a 5), ist im Abschnitt 8 einer Metallkugel gewichen. Von der »Rundheit am Erz« ist auf diese Weise weiterhin die Rede, auch wenn dem Kreis nun, im Abschnitt 10, die geometrischen Segmente als sein eigentlicher Stoff zugeschrieben werden (1035a 13). Dass A für den Metallkreis den Ausdruck Ring nicht gekannt haben soll, ist freilich schwer zu glauben.

*P sagt: ...oder Scheibe oder Platte, wenn der Kreis flach ist.

S sagt: In der Tat, merkwürdig! A sagt, es gibt keinen eigenen Ausdruck für den einzelnen Kreis, aber wir haben für seinen ehernen Kreis sogar mehr als einen: Ring, Scheibe, Platte, Münze.

*P sagt: In der Definition des Teils und des Ganzen ist jetzt auch von Prinzipien die Rede, im Originaltext: Archē (1035a 24).

S sagt: Und erstmals ist in der Metaphysik auch von einer Teilung von Begriffen die Rede (1035b 6), auch das ist verwirrend und neu. Das Prinzip muss wohl im erkenntnistheoretischen Sinn verstanden werden. Der ganze Kreis ist ein Prinzip des Halbkreises (1036b 9), genauer: jenes Formprinzip, für das A vier Synonyme kennt, als wichtigstes davon: die Formursache. Unter dem rechten Winkel versteht A das Ganze; und den spitzen Winkel versteht er als Teil des rechten Winkels im stofflichen Sinn (1035b 7).


IV. Prinzip Seele

S sagt: Das Lebewesen setzt A im gegenständlichen Abschnitt aus Körper und Seele zusammen, wobei er die Seele als das »Wesen des Beseelten« [in der HB-Übersetzung: »Wesen des Belebten«] definiert und in drei theoretische Bestandteile gliedert (1035b 15):

– begriffliches Wesen
– Form
– Was-es-ist-dies-zu-Sein [Wesen-was, Wesen der Sache]

Damit wird die Seele als die höchste Form eines jeden lebenden Dinges eingesetzt. A bekräftigt und erweitert an dieser Stelle den animistischen Gedanken um eine Dreigliederung, den er bereits in Buch V.8 brutal ausgesprochen hat: Die Seele ist das Wesen des Körpers (1017b 17).

Wir müssen mehr an unserem Erinnerungsvermögen bei der Lektüre arbeiten.


Protokoll: K, Wien, 18.4.18


Nächste Sitzung am 25.4.2018