τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 15. Januar 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1032a 16 – 26


Bereits am 6. Dezember 2017 haben wir angefangen, den Abschnitt 7 zu lesen, in dem eine neue Einteilung vorgetragen wird: Natur, Kunst(fertigkeit), von selber (1032a 11). Diese drei Begriffe bezeichnen Realitätsbereiche – jedenfalls die beiden ersten können ziemlich leicht mit heute üblichen Begriffen identifiziert werden: etwa Natur und Kultur. Es handelt sich um Realitätsbereiche, die sich in der Gliederung der Wissenschaften, auch der Museen, vielleicht der Ministerien spiegeln. Und es gibt auch Untergliederungen: so hat sich die Kunst im griechischen Sinn in der Moderne gespalten in Kunst und Technik und, wenn wir uns die Frage stellen, in welche aristotelische Sparte etwa die Philosophie gehört – was würden wir da antworten?

Die beiden aristotelischen Realitätsbereiche Natur und Kunst werden auf der Ebene des Entstehens angesiedelt und folglich stellt sich die Frage, wo der Begriff des Entstehens seinen Platz hat. Er gehört zu den ontologischen Begriffen, denen die Seinsmodalitäten entsprechen. Die wichtigsten Seinsmodalitäten waren bisher Wesen oder Substanz und die Akzidenzien - allesamt in den zehn Kategorien zusammengefasst. Es sind aber bereits einige zusätzliche dazugekommen und sie werden im Abschnitt 2 von Buch IV genannt (die dortigen Abschnitte 1 und 2 enthalten nämlich die formelle Gründung der Ontologie, was zu bemerken wichtig ist, damit die Textmasse des Buches namens Metaphysik eine Gliederung bekommt). Die dort genannten zusätzlichen Seinsmodalitäten heißen etwa „Weg zum Wesen“, Vergehen, Privation (der ein Abschnitt in Buch V gewidmet ist), Bewirkendes oder Erzeugendes – und sogar das Nicht-seiende wird noch dazugenommen (1003b 6ff.) Und etwas später, in den Abschnitten 4 und 5, wird auch die Möglichkeit genannt (1007b 29, 1009a 35). Aus dieser Zusammenstellung lässt sich ohneweiteres erschließen, dass das Entstehen oder Werden ebenfalls eine Seinsmodalität ist und zwar eine entscheidende, nämlich: anfangen zu sein. Die merkwürdige Formulierung „Weg zum Wesen“ ist vielleicht sogar direkte eine Umschreibung dafür.

Die Nennung der Seinsmodalitäten hat also etwas Offenes aber die Ebene als solche ist bestimmt und die aristotelische Ontologie ist dadurch gekennzeichnet, dass der Primat des Wesens oder der Substanz aufrechterhalten wird. Dieser Primat bedeutet, dass dem Wesen „mehr“ Sein zugesprochen wird, als den Akzidenzien, dem Werden oder dem Möglichen, und dass dem Wesen Selbständigkeit, den anderen Modalitäten Abhängigkeit zugesprochen wird. Diese meine Redeweise entspricht genau dem, was Aristoteles sagt, verwendet aber politischere Wörter.

Aristoteles hebt sich damit von Parmenides ab, der nur einem  vollkommen Seienden Sein zugesprochen hat, wie auch von Heraklit, der das Sein ins Werden aufgelöst hat.

Die Ebene der Seinsmodalitäten hebt sich ab von den drei oder vier Realitätsbereichen, die nun im Abschnitt 7 eingeführt werden: Natur, Kunst, „von selber“ und Zufall (1032b 26ff.)

Bisher war in der Metaphysik nur der Begriff „Natur“  vorgekommen (so in Abschnitt 4 von Buch V) – und zwar in zwei Bedeutungen. Als Synonym für Wesen ist er ein ontologischer Begriff, als Bezeichnung für das pflanzenhafte und animalische Wachsen steht er für den Realitätsbereich, den wir auch heute noch so nennen und der für Aristoteles paradigmatische Bedeutung hat, wenngleich das Artefakt „Schiff“ für die seefahrenden Griechen ebenfalls allergrößte Bedeutung gehabt haben muß, wie sich daraus erschließen lässt, dass in der Metaphysik das Artefakt „Haus“ eine große Rolle spielt und zwar als ein Fall von „Wesen“. Lucie Strecker hat übrigens am 6. Dezember mit den beiden Ausdrücken „Biofakt“ und „Artefakt“ eine neuere Terminologie für Natur und Kunst eingebracht. Das Element „arte“ in „Artefakt“ enspricht genau dem griechischen techne.

Und der Rückgriff auf Helmuth Plessner am 13. Dezember hat gezeigt, dass seine Bestimmung des „Lebewesens“ durch die drei Aspekte der Dinghaftigkeit, des ständigen Werdens und der ständigen Potenzialität verschiedene Seinsmodalitäten zur Koinzidenz bringt. Möglicherweise gilt Ähnliches für die Bestimmung des  „Lebens“ bei François Jullien. Die Ebenen der Seinsmodalitäten und der Realitätsbereiche schließen sich nicht aus sondern ein.


Walter Seitter 
Sitzung vom 10. Jänner 2018


Ein älteres Buch zur Aristoteles-Interpretation:

Heinz Happ: Hyle. Studien zum aristotelischen Materie-Begriff Berlin – New York 1971)

Und ein neues zur sachlichen Vergleichung:

Robert Hugo Ziegler: Elemente einer Metaphysik der Immanenz (Bielefeld 2017)




Nächste Sitzung am 17. Jänner 2018