τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 2. Februar 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1032b 30 – 1033a 5


Die begriffliche Unterscheidung sowie die Feststellung der Koinzidenz zwischen Wesen und Einzelding war das Thema in Abschnitt 6 von Buch VII – und zwar in Bezug auf alle Dinge oder Sachen, Körper oder Eigenschaften.

In Bezug auf dieselben Dinge, die ja nicht ewig sind, wird nun in Abschnitt 7 eine andere Seinsmodalität in den Vordergrund gerückt: die Entstehung.

Da werden zwei Entstehungsarten unterschieden, die in zwei verschiedenen Realitätsbereichen spielen: Natur und Kunst. In beiden Entstehungsarten gibt es jeweils eine Kontinuität des Wesens: ein neuer Mensch aus Stoff und Form (Wesen) zusammengesetzt wird aus einem wesensgleichen alten gezeugt, der ebenfalls aus Stoff und Form (Wesen) besteht; kurz gesagt: Mensch entsteht aus Mensch. Die künstliche Erzeugung oder Entstehung eines neuen Hauses wird von Aristoteles resümiert mit: Haus entsteht aus Haus; auch die beiden sind wesensgleich; aber mit dem Unterschied behaftet, dass Haus 1 nicht aus Stoff und Form zusammengesetzt ist, es ist nur Form und weil es nur Form ist, kann es nicht so in der räumlich-zeitlichen Außenwelt sein wie Haus 2 sein wird (wenn es fertig ist). Haus 1 hat einen anderen Aggregatzustand, es ist nur Form (ohne Stoff) und es braucht ein anderes Wo, ein anderes Worin. Aristoteles nennt dieses Worin „Seele“ und er meint die Seele des Baumeisters. Über diesen Unterschied hinweg entsteht auch „das Haus aus Haus“: Haus aus Form und Stoff entsteht aus Nur-Form-Haus in der Seele. (Zwischenstufen wie „Haus aus Bleistift und auf Papier“ werden weggelassen).

Das Nur-Form-Haus in der Seele mag uns verständlich sein. Ähnlich die Nur-Form-Gesundheit in der Seele des Arztes.

In der Seele des Baumeisters dürfte die Haus-Form eine größere Rolle spielen, denn sie entspricht seiner professionellen Kompetenz. Allerdings werden für ihn auch andere Formen wichtig sein: wenn er an seine Frau denkt, ist deren Form (Wesen) in seiner Seele (vielleicht sogar, wenn er nicht an sie denkt); und wenn er an seinen Urlaub denkt, irgendein Strand irgendwo. Die Seele des Baumeisters ist weit und hat Platz bzw. ist Platz für viele Sachen. 

Solche Feststellungen führen mich zu einem berühmten Satz in einem anderen aristotelischen Buch: „Die Seele ist in gewisser Weise alle Seiende.“ (De anima 431b 21).

Der Satz wird gewöhnlich übersetzt mit: „Die Seele ist gewissermaßen alles Seiende“. Da wird dem Prädikatausdruck die pluralische Formulierung weggenommen und der Satz wird so normalisiert. Das Ungewöhnliche des aristotelischen Satzes liegt in dem Bruch zwischen singularischem Subjektausdruck und pluralischem Prädikatausdruck. Dazu kommt eine gewisse semantische Unstimmigkeit zwischen „die Seele“ und „alle Seiende“.

Semantisch stimmiger: „Ein Wald ist – viele Bäume“. Dem Schema der Definition folgt so eine Aussage allerdings nicht. Eine Definition besteht aus einer – singularischen – Gattungsangabe plus irgendwelcher Differenzangabe(n). Etwa: „Ein Wald ist eine großflächige Gruppierung von Bäumen“.

Lässt sich für die obige aristotelische Prädika†sangabe auch ein Subjekt denken, das besser dazu passt? Ja: „Die Welt ist – alle Seiende“.

Sophia Panteliadou bringt als Gegenbeispiel einen in Griechenland üblichen Satz, in dem auf der Prädikatseite ebenfalls das pluralische „panta“ steht, auf der Subjektseite das singularische „Herz“. Also scheint der Satz mit dem aristotelischen sehr nahe verwandt zu sein, denn Seele und Herz ...

Und doch liegen Welten zwischen den Sätzen. Denn die griechische Redensart  „Das Herz ist alles“ bedeutet: „Es kommt aufs Herz an“, „Das Herz ist das Wichtige“. Eine Art Lebensweisheit, die ganz und gar auf einem Singular insistiert, indem sie viele Aspekte und Probleme des praktischen Lebens auf ein Eines zentriert.

Die Stoßrichtung des aristotelischen Satzes geht ins Gegenteil. Wie ich schon geschrieben habe: eine explosive Entgrenzung, in der die menschliche Seele, physikalisch Formursache oder Wesen eines Dinges namens Mensch, plötzlich alle Dinge sein soll.

Diese „panta“ sind viel pluralischer als das „panta“ im Sophia-Zitat: bei dem handelt es sich eher um den schwachen neutralen Plural, der im Griechischen üblich ist (obwohl sogar da die Plural-Bedeutung zunächst einmal ernst gemeint ist).

Der aristotelische Satz realisiert und konstruiert den Plural auf der Prädikatseite auch physisch-sprachlich mit drei Wörtern „ta onta ... panta“. Die Auseinanderziehung mit dem Intervall, die ich mit drei Punkten schreibe (oder zeichne), wird von Aristoteles auch geschrieben und zwar mit dem eingeschobenen „pos“ (gewissermaßen), das wahrscheinlich zur Kopula gehört (die sich Aristoteles allerdings erspart hat), sie könnte vielleicht sogar zu den „panta“ gehören (dann würden die abgeschwächt). Immerhin kann man sagen, dass Aristoteles sein pluralisches Prädikat mit sage und schreibe drei bis vier Wörtern anschreibt, das singularische Subjekt mit einem Wort und die Kopula mit keinem (bis einem).

Die numerische Struktur des Satzes sieht also so aus:

S                      K                      P

1                   0 oder 1               3 oder 4

Ganz grob gezählt steht es 3:1 für den Plural.



In den Weihnachtsferien habe ich am halbsüdlichen Atlantik den neuen Sammelband aus der Kittler-Schule gelesen, herausgegeben hauptsächlich von Peter Berz: Götter und Schriften rund ums Mittelmeer (München 2017). Der wichtigste Artikel will beweisen, dass die empedokleische Physik ein Abkömmling der pythagoreischen Mathematik ist. Eher scheint er mir zu zeigen, dass Empedokles zur Physik gelangt ist, indem er die Mathematik übernommen und verraten hat.

Der aristotelische Satz hingegen stellt sich von vornherein
in die Physik, in die höhere Physik, die weiß, dass Körper eigentlich immer eine Seele haben müssen. Aber mit seiner eigenen Konstruktion inszeniert er die Struktur der Mathematik, den Kampf zwischen Singular und Plural.

Die menschliche Seele ist das Wesen des Menschen: jeweils ein Wesen. Und gleichzeitig ist sie, sagt Aristoteles, das Wo, das Worin vieler, ja unzähliger Dinge – jeweils der Wesen.

Zu dem einen Menschenwesen eines jeden Menschen kommen noch viele andere Wesen dazu: aktuell einige oder viele, potenziell alle. Sie können oder müssen dazu kommen, weil das eine Menschenwesen namens Seele so ein Zauberwesen ist, dass es viele andere Wesen anzieht, aufnimmt, beheimatet, vielleicht auch wieder davonjagt und andere zu sich hereinlässt. So dass sie insgesamt ein Schauplatz, ein Theater für alle Wesen ist. Fast wie die Welt – obwohl sie doch viel kleiner ist. Wie groß ist sie? Genau so groß wie der dazugehörige Körper ....

Dieses Dazukommen der anderen Wesen, dieses Zusammenkommen aller Wesen – wie kommt es dazu? Kommt es akzidenziellerweise dazu, also zufälligerweise, oder essenziellerweise – weil das dem Wesen entspricht, das die Seele ist? Handelt es sich um eine essenzielle Akzidenzialität? Eigentlich ist der Satz so angelegt – auch mit dem Bruch zwischen Singular und endlosem Plural.

Das Zusammenkommen der vielen „fremden“  Wesen mit dem einen „eigenen“ – das substanziell und mit Stoff verbunden vorliegt, vorausexistiert, und zwar als große Offenheit für die vielen  Wesen, die da stofflos innewohnen?

Gemäß dem Hauptsatz der Ontologie (1003a 32) hat „seiend“ mehrere Bedeutungsnuancen – ist also ein relativ homonymes Wort. Andererseits gibt es für „sein“ unterschiedliche Formulierungsmöglichkeiten, die folglich als Synonyme gelten können: einai und hyparchein, enhyparchein, prohyparchein (alle diese drei in 1033a 30ff.) sowie die öfter gebrauchte Schreibweise für die Kopula, die im Anima-Satz zu finden ist und die so aussieht: . Etwas-schreiben durch Nichts-schreiben – so als ob dieses Etwas beinahe nichts wäre.

Und dieses Seelen-Wesen das alle Wesen „ist“. Ist es selber eine Art nichts?  Offenheit, Weltoffenheit? Ein offenes Fenster ist sehr wohl etwas – aber größtenteils besteht es aus „nichts“.                                                                                                       

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Nach der kunstvollen und wesensgemäßen Produktion der Gesundheit durch den Arzt geht Aristoteles auf die spontane oder zufällige Entstehung ein. Am Körper des Kranken  vollziehen sich dabei ungefähr die gleichen Prozesse, wie sie vom Arzt gewusst und geplant und durchgesetzt werden. Und das Schema lautet: Krankheit kommt von ungleichmäßiger oder unmäßiger Kälte und der Weg zur Gesundung vollzieht sich über die Wärme, die ein Teil oder der Anfang der Gesundheit ist. Wir  fragen uns, ob das Fieber ein Argument gegen Aristoteles liefert; eher nicht, denn mit der Fieberhitze eröffnet der Körper selber – von selber also spontan - den Kampf gegen die Kälte, die in den Körper eingedrungen ist (die Kälte draußen schadet der Gesundheit gar nicht).

Etwas kann nur aus etwas entstehen: aus einem gleichen Wesen, aus einem Anfangselement, aus einem Stoff, der auch ein Teil ist. Der eherne Kreis besteht aus dem Stoff „Erz“ und der Gestalt oder dem Begriff „Kreis“. Was aus Erz ist, muss ein Körper sein. In diesem Fall ein kreisförmiger Körper – das kann ein Ring sein oder eine Scheibe.

Ein eherner Ring ist ein Körper, er besteht aus Stoff und Form. Doch aufgrund seiner Form besteht er großenteils aus „nichts“.


Walter Seitter

Sitzung vom 31. Januar 2018



Nächste Sitzung am 6. Februar 2018